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"Tatort" mit Til Schweiger: Es wird geblutet und gewürgt, geschlagen, getreten, gesprungen

Foto: Gordon Timpen/ NDR

Schweiger-"Tatort" Der Böse und der Wicht

Eine Geiselnahme im "Tagesschau"-Studio, ein koksender Innensenator, außerdem ein "total irrer" und "total müder" Nick Tschiller: Im neuen Schweiger-"Tatort" gibt es nicht einmal Selbstironie ohne dicke Hose. Die Sendung im Check.

Eins kurz vorneweg: Die aktuelle "Tatort"-Doppelpackung mit Nick Tschiller ist vor einigen Wochen von den Verantwortlichen des Senders verschoben worden, als zu verstörend galten die Parallelen zu den Anschlägen von Paris. Verstörend zumindest für Til Schweiger dürften nun die mäßigen Quoten für den ersten Teil ("Der große Schmerz") gewesen sein, der am vergangenen Freitag ausgestrahlt wurde: 500.000 Zuschauer weniger, als zuletzt auf dem gleichen Sendeplatz die Weimarer Kommissare Ulmen und Tschirner einfahren konnten. Trotz Helene Fischer! Trotz Geballers! Trotz ballernder Helene Fischer!

Schuld daran tragen neben massenhafter Neujahrs-, Helene-Fischer- und Geballermüdigkeit wahrscheinlich die Kritiker. Vermeintliche Sesselfurzer, die Filme "besprechen", anstatt mal selber welche zu drehen. Journalistische Parasiten, die Til Schweiger (wie übrigens auch Luna Schweiger oder Helene Fischer) aus elitärer Missgunst und routinierter Gehässigkeit die Anerkennung versagen, die er selbst sich zollt. Diese Gestalten durften auf Betreiben Schweigers den zweiten Teil, "Fegefeuer", nicht früher sehen als alle anderen Leute auch. Schön hinten anstellen!

Geiselnahme im "Tagesschau"-Studio

Zähneknirschend streamt man sich dann halt den Tschiller - und los geht's mit feinstem Metafernsehen im Stil von Felix Murot. Judith Rakers ordnet gerade ihre Papiere in der "Tagesschau", als das Studio von vermeintlich "islamistischen Tschetschenen" gestürmt wird, die Geiseln nehmen und die Auslieferung einer kurdischen Kiezgröße fordern. Warum und wozu, dafür hätte man vermutlich den ersten Teil sehen müssen. Der Handlung kann man dennoch folgen. Man versteht ja auch "Stirb langsam 4", wenn man die ersten drei Teile verpasst hat.

Der Kurde hat im ersten Teil Tschillers Frau getötet und auch der Tochter (Luna Schweiger) wehgetan, was der Familienmensch mit der harten Schale verständlicherweise nicht auf sich beruhen lassen kann. Nun fahren Tschiller und der Kurde, beide arg ramponiert und übermüdet, durch die hanseatische Nacht und telefonieren viel. Der Kurde "gehört" Tschiller, wie Tschiller mehrfach gegenüber angeschlossenen Autoritäten betont, und Hamburg sieht aus wie Los Angeles. Brücken, Traversen, Autobahnzubringer im Neonlicht.

Eine ziemlich körperliche Veranstaltung

Das ist alles sehr männlich und wird nicht weniger männlich, wenn abgeklärte Frauen es auf dem Damenklo als "männlich" identifizieren. Da gibt es "Haare am Sack" und es wird "im harten Strahl gepisst", einmal verdienstvollerweise in einer Verfolgungsjagdpause an einen parkenden Lkw. Es kommt viel zu selten vor, dass fiktive Figuren im "Tatort" körperlichen Bedürfnissen nachkommen.

Überhaupt ist "Fegefeuer" eine ziemlich körperliche Veranstaltung. Es wird geblutet und gewürgt, geschlagen, getreten, gesprungen und abgerollt. Vor allem aber wird herumgefahren wie bei "Grand Theft Auto". Geschossen wird anderswo mehr. Klar getrennt sind die Mächte der Finsternis und des Lichts wie sonst nur in Hollywood, dessen Blockbuster-Handbuch Schweiger so gut studiert hat, dass er Nebenrollen so besetzt, dass am Ende der ethnische Proporz stimmt. Ethnischer Proporz ist gut.

Böse ist beispielsweise der koksende Innensenator, böser noch als der Kurde mit dem blattgoldenen Herzen. Böse ist "Natursekt" mit Minderjährigen und die Geiselnahme von Schwangeren. Böse ist es, den Forderungen von Terroristen nachzugeben. Böse ist der russische Inlandsgeheimdienst. Böse ist die Mafia, die sich den Hamburger Hafen unter den Nagel reißen will und die Kollegin, die nicht an das Gute in Tschiller glaubt. Gut sind Vatergefühle, Männerfreundschaften und Leute, die an Tschiller glauben.

Tschiller ist gut. Tschiller ist auf Medikamenten. Tschiller ist stinksauer. Tschiller erschießt sein Handy. Tschiller trägt den Bösewicht huckepack ins Krankenhaus. Tschiller leitet beinahe die OP. Tschiller will wissen, wo er telefonieren kann. Tschiller bringt seine aufgebrachte Tochter mithilfe einer erzväterlichen Umarmung zur Vernunft. Tschiller macht Kaffeepause. Tschiller erschießt ein weiteres Handy. Tschiller zückt die Panzerfaust, macht damit aber nur ein Fluchtloch.

So geht's dahin.

Dabei lässt Tschiller sich fortwährend von Freund und Feind bescheinigen, er sei "total verrückt" respektive "total irre", wahlweise auch "total müde", weil gefoltert und trotzdem noch verhältnismäßig fit. Sogar bei der russischen Mafia verschafft er sich Respekt. Nicht mit der Wumme, sondern weil er total fies den Dialekt der Gangster nachmachen kann. Überhaupt ist Tschiller nicht annähernd so vernuschelt, wie ihm gerne unterstellt wird.

Tschiller freilich ist so identisch mit Schweiger, dass Kollege Yalcin Gümer (Fahri Yardim) dem Kurden erklärt, Tschiller käme - wie Schweiger - aus dem hessischen Heuchelheim, Heimat nur der "Härtesten". Nicht einmal Selbstironie gibt es hier ohne dicke Hose.

Das mag man alles hanebüchen finden und hölzern, unterkomplex oder einfach peinlich. Kein Wunder, es ist öffentlich-rechtliches Unterhaltungsfernsehen. Doch es soll "Tatorte" geben, die sich weniger trauen und damit mehr langweilen.

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