Falke-»Tatort« über Russenmafia Tolstoi rezitieren, Raketen verdealen

Mit dem großen Ermittlerbesteck gegen die Russenmafia: Der neue »Tatort« springt zwischen Vollgas-Thriller und Teetrinker-Elegie. Nicht alle Wendungen gehen auf.
Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) mit Kollegin (Anja Taschenberg): Ermittlungen im Vollgas-Modus

Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) mit Kollegin (Anja Taschenberg): Ermittlungen im Vollgas-Modus

Foto: Meyerbroeker / NDR

Traktoren oder Flugabwehrraketen? Beim russischen Unternehmerclan Timofejew, der offiziell bei Hamburg Landmaschinen herstellt, kann man offenbar beides ordern. Wie es aussieht, unterhält die Firma genauso gute Kontakte zu Separatisten in der Ostukraine wie zu kurdischen Peschmerga im Nordirak. Wer zahlt, wird beliefert.

Über die Geschäftsverbindungen der Timofejews wird das Publikum gleich am Anfang unterrichtet, während ein Team der Bundespolizei um Grosz (Franziska Weisz) und Falke (Wotan Wilke Möhring) eine aufwendige Observierung am Laufen hat. Souverän packen die »Tatort«-Verantwortlichen das große Ermittlerbesteck aus: Beschattung aus unterschiedlichen Perspektiven, Unterwanderung in perfekter Tarnung, parallel zur konzertierten Aktion dann im Dialog der Ermittler die Analyse über den Waffenhandel des Russen-Clans.

Kommissarin Grosz (Franziska Weisz, l.): Der Russen-Mafia auf der Spur

Kommissarin Grosz (Franziska Weisz, l.): Der Russen-Mafia auf der Spur

Foto: Meyerbroeker / NDR

Der Einsatz scheitert tragisch: Der verdeckte Ermittler, der mit zwei Millionen Euro im Koffer den Lockvogel spielen soll, wird vom Mafia-Sohn unerwartet zum Kleinflughafen nach Lübeck gekarrt, in einen gecharterten Jet gesetzt und Richtung Zypern eskortiert. Aber auf dem Flug stürzt die Maschine ins Mittelmeer, Gangstersohn und Lockvogel sterben.

Dies ist ein »Tatort«, der viele abrupte Wendungen nimmt und beständig den emotionalen Fokus wechselt. Nach dem ersten, extrem hochtourigen Drittel gerät wie aus dem Nichts eine junge verdeckte LKA-Ermittlerin (stark: Tatiana Nekrasov) ins Zentrum des Tempo-Thrillers. Sie ist familiär mit den Timofejews verbandelt; der mit dem Jet abgestürzte Mafioso war ihr kleiner Bruder. Nun soll sie auf Bitten von Falke nach Jahren wieder mit dem Clan Kontakt aufnehmen, um ihn auszuspionieren.

Mittelständler und Mafioso

Als das Publikum der Ermittlerin mit Mafia-Anhang das erste Mal begegnet, stöckelt sie mit roter Perücke und rotem Lederrock durch die Straßen, in Tarnung einer Prostituierten soll sie einen Menschenhändlerring ausheben. Das tut sie auch mit Bravour – die Unterwanderung der eigenen Familie gestaltet sich naturgemäß schwieriger.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Falsche Identitäten und brüchige Loyalitäten: Autor und Regisseur Niki Stein inszenierte einen Thriller, bei dem die Figuren oft zwei Rollen spielen. Mittelständler und Mafioso, Cop und Gangster, die Linien dazwischen verschwimmen zuweilen. Stein hatte dem »Tatort« in den Nullerjahren mit seinen Frankfurt-Krimis um Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf einen massiven Innovationsschub verliehen; mit Wotan Wilke Möhring hat er bereits vor vier Jahren einen Rechtspopulismus-»Tatort« geliefert, wo er detailfreudig reale AfD-Figuren fiktional spiegelte.

Die neue Folge entstand nun im Coronasommer 2020 unter angespannten Drehbedingungen. Beachtlich, wie Stein hier über Strecken unterschiedliche Tonlagen zu spielen versteht: Verfolgungsjagden stehen neben den elegischen Familiendramen-Szenen der jungen russischstämmigen Polizistin. Die neue Coronazeit hält in minimalen Verweisen Einzug in die Handlung, etwa wenn der russische Mafia-Patriarch, der nicht nur mit Waffen handelt, sondern auch in Ferienanlagen investiert, betrübt brummt: »Der Tourismus liegt am Boden.«

Doch das extrem schwierige Drehen unter Corona-Bedingungen nach dem ersten Lockdown im Frühjahr letzten Jahres hat sich offenbar auch auf die Story ausgewirkt: Die verschiedenen Teile fügen sich am Ende nicht zu einem schlüssigen Panorama, die vielen Plot-Twists laufen am Ende immer mehr ins Leere.

Zu den Passagen, in denen schwermütig Tolstoi rezitiert und Schostakowitsch am Piano dargeboten wird, kann man sich trotzdem wunderbar einen starken schwarzen Tee aufbrühen.

Bewertung: 6 von 10 Punkten

»Tatort: Die Macht der Familie«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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