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"Tatort" aus München: Leitmayr in Love

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Prostitutions-"Tatort" aus München Männer, die auf Frauen starren

Die Schöne und ihre Biester: Der Mord an einer Prostituierten konfrontiert Batic und Leitmayr mit der ganzen Bandbreite männlicher Sehnsüchte und Begierden. Auch einer der beiden "Tatort"-Ermittler hatte etwas mit der Toten.

Nur für den einen Mann war sie da, mit Körper, Geist und Seele. Jedenfalls für den einen Augenblick. Dann kam der nächste Mann für den nächsten Augenblick dran.

Jeder hatte ein besonderes Verhältnis zu dieser Frau oder glaubte zumindest, dieses besondere Verhältnis zu haben. Eines Nachts stürzt die schöne, stille, geheimnisvolle Lisa Brenner (Fanny Risberg), in der Hand noch ein Champagnerglas, vom Balkon ihrer Hochhauswohnung. Mord, Selbstmord - oder eine letzte große Inszenierung für ihre männlichen Fans?

Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) treffen bei ihren Untersuchungen auf eine Reihe sehr unterschiedlicher Verdächtiger: auf fremdgehende Ehemänner, die mit strahlenden Augen von der besonderen Verbindung erzählen, die Lisa Brenner gegen einen kleinen Obolus zu ihnen herstellte. Aber auch auf einen alten stinkreichen Sack, der seine Erfüllung darin fand, sein Geld für die junge Frau beim Feinkosthändler um die Ecke zu verprassen. Die Schöne und ihre Biester.

Und dann ist da noch der Unternehmer Toni Feistl (Franz Xaver Kroetz), Musterexemplar eines herrschsüchtig grantelnden bajuwarischen Amigos, dessen sonst so gieriger Blick abrupt zärtlich und gläsern wird, wenn die Rede auf die Tote kommt. Er, der sonst nur nimmt, nimmt, nimmt, wollte bei ihr nur geben, geben, geben. Lisa Brenner holte aus ihren Biestern nur das Beste raus. Viel Geld natürlich auch.

Hure, Heilerin, Heilige?

Männer, die auf Frauen starren: Die Münchner "Tatort"-Episode "Am Ende des Flurs" ist ein Lehrstück über Anbetungstechniken geworden. Was war die Verstorbene? Hure, Heilerin, Heilige? Oder doch einfach nur eine Projektionsfläche für die Spannbreite männlicher Sehnsüchte und Begierden?

Regisseur und Autor Max Färberböck ("Aimée & Jaguar") gelingt es, sein Krimidrama bei aller unerbittlichen sexualökonomischen Genauigkeit in einem eigentümlichen Schwebezustand zu halten. Es gibt einige sehr blutige Szenen, insgesamt aber kommt der Film leise und zuweilen gar poetisch wie ein Requiem daher; in Rückblenden sehen wir Momentaufnahmen der Toten, die sich erst einmal zu keinem Gesamtbild fügen lassen. Ein Erinnerungspuzzle, bei dem wir uns leider nicht auf die Zuverlässigkeit der Erinnernden verlassen können.

Eine gewisse Schärfe stellt sich nach etwa 30 Minuten ein, als die Handlung eine krasse Wendung nimmt: Auch Leitmayr war mit der Toten verbandelt. Batic findet das eher zufällig heraus - und fällt aus allen Wolken. Zum einen, weil er - das spricht er offen aus - sein Vertrauen als Kollege missbraucht sieht. Zum anderen, weil er - das kann man sich denken, wenn man die Münchner Kommissare kennt - sich als Freund zurückgesetzt fühlt.

Zärtliche Ermittler

Batic und Leitmayr sind ja das schönste Liebespaar des "Tatort". Früher sexuell höchst aktiv und mit dem anderen Geschlecht beschäftigt, schienen sich die beiden inzwischen graumelierten Buben über die letzten zehn Jahre ja immer selbst genug zu sein. Reichen sich ihre Leberkässemmeln, schweigen sich glücklich im Auto an, veräppeln in zärtlicher Eintracht Assistenten oder kabbeln sich sanft von Verhör zu Verhör.

Die intensivsten Momente erreichte die Arbeits- und Lebensgemeinschaft in den vergangenen Jahren immer dann, wenn sich die beiden Polizisten umeinander kümmern mussten. Etwa in dem Amnesie-Thriller "Wir sind die Guten", in dem Leitmayr dem verstörten Batic wieder und wieder erklärte, wer er überhaupt ist. Oder in der Episode "Der traurige König", in dem wiederum Batic den traumatisierten Leitmayr ins Leben zurückzuholen versuchte - unter anderem dadurch, dass er ihm am Bett Märchen erzählte.

Im jüngsten Münchner "Tatort" legt sich nun über das Prostitutionsdrama ein Eifersuchtsdrama. Da bleibt Regisseur Färberböck, der zurzeit für den Bayerischen Rundfunk auch den neuen Franken-"Tatort" mit Fabian Hinrichs entwickelt, wenig Zeit für die Nebenstränge. So geraten etwa die neu eingeführten Sidekicks arg in den Hintergrund. Ferdinand Hofer als pausbackiger Spunt Kalli Hammermann und Lisa Wagner als Fallanalytikerin Christine Lerch bringen zwar gewisses Potential mit, gegen die beiden wütenden Alten müssen sie aber blass bleiben.

Ein Krimi, der die Ermittler im emotionalen Ausnahmezustand zeigt, ohne die gängigen Erregungstechniken zu bedienen. Erstaunlich, wie uns die alten Münchner Buben auch nach 25 Jahren noch aus dem "Tatort"-Trott ins Ungewisse reißen können.


"Tatort: Am Ende des Flurs", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD