Zeitschleifen-"Tatort" mit Tukur Das Murmeltier-Massaker

Da hilft keine Kettensäge und auch keine Maschinenpistole: Ulrich Tukur ist als Kommissar Murot in der Zeitschleife gefangen. Der "Tatort" als blutiger Aufstand gegen die Diktatur der Routine.

HR/ Bettina Müller

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Und täglich grüßen Slayer. Ein Morgen scheint wie der andere in diesem "Tatort", der als Krimi-Remake der Zeitschleifen-Komödie "Und täglich grüßt das Murmeltier" daherkommt. Im "Tatort" wird die Hauptfigur immer wieder von Slayers "Cult" geweckt - einem Stück, das dem Genre Thrash Metal zuzurechnen ist. "To thrash" heißt verprügeln, verdreschen, zusammenstauchen, und genau dies macht der Fernsehkrimi, der in verschiedenen Variationen verschiedene Tötungstechniken durchspielt, mit seinem Kinovorbild. Das reinste Murmeltier-Massaker.

Wie für Bill Murray in dem Hollywoodfilm wiederholt sich auch für Ulrich Tukur als Kommissar Murot immer wieder der gleichen Tag; wie Murrays Figur empfindet auch Tukurs Murot das Leben als ewige Wiederholung der gleichen banalen Ereignisse. Der Unterschied: Murot gerät durch abwechslungsreiche Auslöschungen und Selbstauslöschungen in die Zeitschleife. Auslöser ist alles, was tötet: Feuerwaffe, Armbrust, Handgranate.

Eines Morgens wird der Ermittler zu einer Geiselnahme in einer Sparkasse gerufen. Aus der Nachbarwohnung erklingt Slayer-Musik, auf der Straße plärrt ein kleiner Junge, am Tatort verschüttet ein Nachwuchs-Polizist Kaffee auf die Hose des Kommissars, der genervt von der Tollpatschigkeit des Kollegen und von der Vorhersehbarkeit des Lebens vor den versammelten Spezialeinheiten doziert: "Geiselnehmer, kennste einen, kennste alle. Der will ein Auto, der will eine große Summe Geld in kleinen Scheinen. Alles andere würde mich sehr überraschen."

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Tukur-"Tatort": Mit Slayer in die Zeitschleife

Dann überraschen die Vorgänge im Inneren der Sparkasse doch: Murot kann durch routiniertes Zuquatschen eine mit Armbrust ausgestattete Geiselnehmerin zur Aufgabe überreden, aber als er deren Partner ebenso routiniert zuzuquatschen versucht, erschießt dieser ihn genervt.

Nur das Sterben bringt Abwechslung

Dann beginnt alles von vorn: geprügelter Metal, plärrender Junge, verschütteter Kaffee. Wieder und wieder und wieder. Nur die Art des Ablebens von Murot (und von einigen Randcharakteren) gestaltet sich jedes Mal anders. Die Gewalt in diesem "Tatort" kommt ähnlich comichaft daher wie in der legendären Tukur-Episode "Im Schmerz geboren" mit ihren rund 50 Leichen. Wie dieser ist auch "Murot und das Murmeltier" ein Aufstand gegen die Diktatur der Routine.

Autor und Regisseur Dietrich Brüggemann hat zuvor einen Stuttgarter "Tatort" in Szene gesetzt, in dem die Ermittler ihre Untersuchungen in einem Stau auf der Weinsteige durchführen mussten. Die Stoßstange an Stoßstange stehenden Autos fungierten als Druckkammern des aufgestauten Frusts, der sich entladen wollte.

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Nach dem Durchdrehen im Stillstand nun der Stillstand beim Durchdrehen: Was Murot in Brüggemanns neuem "Tatort" auch anstellt, er kann sich nicht aus der Wiederholungsschleife befreien. Und der Tod hat lediglich die Funktion einer Repeat-Taste. Nachdem Murot nach der x-ten Wiederholung entnervt eine Schwalbe aus dem Hochhausfenster gemacht hat, ertönen sofort wieder Slayer. Schließlich versucht Murot als Zombie in Schlafanzug und Bademantel mit Kettensäge und Maschinenpistole einen Ausgang aus dem Wiederholungsterror zu finden.

Ausgerechnet in dem Geiselnehmer, den er jeden Tag aufs Neue trifft, findet Murot einen Verbündeten. Er ist der einzige, der die Zeitschleife mit ihm gemeinsam bewusst erlebt. In einer der traurigsten Szenen, die jemals über das Zeittotschlagen in Zeiten des Internets gedreht wurden, schauen sich die beiden lustige YouTube-Videos an. Eine Rechnung gibt es auch dazu: Wollte man alle Videos im World Wide Web schauen, bräuchte man 78.000 Jahre. Katzen mit Wollknäuel, Kinder beim Hinfallen, so muss sich die ewige Verdammnis anfühlen.

Fragen Sie nicht, wie die 78.000 Jahre berechnet wurden. Und fragen Sie bitte auch nicht nach der Plausibilität dieses salopp gebauten, launig inszenierten Krimis. Nehmen Sie ihn einfach als blutigen Befreiungsschlag gegen die Sonntagsroutine.

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Tatort: Murot und das Murmeltier", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 43 Beiträge
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moriar 15.02.2019
1. na dann,
weiß ich worauf ich mich sonntagabend freue!
caneslunarum 15.02.2019
2. Geniale Idee,
mal sehen wie die Umsetzung ist. Bisher haben alle Tukur Tatorte meinen Geschmack getroffen und mich abwechslungsreich und somit gut unterhalten. Diesen Sonntag Abend halte ich mir frei. Schade das mein Umfeld eher diese konservativen Tatorte mag, so können wir niemals zusammen schauen.... mein Augenrollen, gestöhne ob der einfallslosen Plots und meine oftmals richtigen Ahnungen um den Ausgang erzürnen den normalen Tatort Fan. Ist wohl eher was für schlichte Gemüter. Die Tatorte mit Ulmen und Tschirner können wir zusammen gucken, die sind abseitig witzig, da hab ich dann wenigstens was zu lachen.
benmartin70 15.02.2019
3.
Zitat von caneslunarummal sehen wie die Umsetzung ist. Bisher haben alle Tukur Tatorte meinen Geschmack getroffen und mich abwechslungsreich und somit gut unterhalten. Diesen Sonntag Abend halte ich mir frei. Schade das mein Umfeld eher diese konservativen Tatorte mag, so können wir niemals zusammen schauen.... mein Augenrollen, gestöhne ob der einfallslosen Plots und meine oftmals richtigen Ahnungen um den Ausgang erzürnen den normalen Tatort Fan. Ist wohl eher was für schlichte Gemüter. Die Tatorte mit Ulmen und Tschirner können wir zusammen gucken, die sind abseitig witzig, da hab ich dann wenigstens was zu lachen.
Geniale Idee? Stimmt, trifft allerdings nur für den Film mit Bill Murray zu. Ansonsten gab es da schon diverse Zeitschleifenfolgen in diversen anderen Serien, Edge of Tomorrow und jetzt Matrjoschka auf Netflix. Schon dass in Deutschland so kreativ gearbeitet wird.
sametime 15.02.2019
4. Tukur und Tatort
Geht gar nicht. 0 Punkte, ohne es gesehen zu haben und ich werde es mir auch nicht ansehen. Hier bekommt er natürlich fast immer volle Punktzahl, allein das sagt schon viel über die Tukur-Tatorte aus.
clubmate 15.02.2019
5. Im Westen nix neues
Also bleiben die Tukur-Tatorte weiter bei ihrem Konzept, Uraltideen aus Hollywood mit geringerem Budget und schlechteren Drehbüchern und Schauspielern nachzudrehen. Gut zu wissen, dann kann man sich das Einschalten weiterhin sparen.
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