Flüchtlings-"Tatort" aus Köln Der Kongo ist überall

In der "Tagesschau" kommt das Morden in Zentralafrika kaum noch vor, Schenk und Ballauf werden damit nun umso brutaler konfrontiert. Die Kölner Episode zeigt, wie der "Tatort" als Agenda-Setter funktioniert.

WDR/ Uwe Stratmann

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Wie schiebt man Flüchtlinge ab, deren Asylantrag abgelehnt wurde? Kann man das lernen? Und wie sähe überhaupt ein reibungsloser Ablauf aus?

Die Ermittlungen in ihrem jüngsten Fall führen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) in ein Ausbildungszentrum, wo Polizisten in einer Versuchsanordnung zwischen Flugzeug- und U-Bahnattrappen einen wild strampelnden, schwarzen Probanden abführen müssen.

Die Simulation der Eskalation, schon sie ist schmerzhaft. Auch wenn der schwarze Proband am Ende ordnungsgemäß an den Flugzeugsitz geschnallt ist.

In der Realität, so lernen die Kölner Kommissare, sind Polizeieinsätze in diesem Bereich oft verheerender. So wie in diesem "Tatort" bei einer Razzia in einem Flüchtlingsheim, bei dem eine Frau aus dem Ostkongo umgekommen ist. Ein paar Tage später wird der beim Einsatz anwesende Notarzt, auch er stammt aus dem Ostkongo, erstochen aufgefunden.

Flucht, Folter, Verstümmelung

Bald stecken die Ermittler in einem moralischen Schlamassel. Als sie den Einsatzleiter der Polizei mit Schuldzuweisungen konfrontieren, fragt der: "Wie würden Sie Ihre Leute in den Einsatz schicken, mit Blumen und Freundschaftsbändchen?" Als sie sich über aufgebrachte, schreiende Flüchtlinge mokieren, erklärt ihnen ein Sozialarbeiter: "Leben Sie mal so wie die, dann liegen bei Ihnen auch die Nerven blank." Die Bilanz des Betreuers: "Überbelegte Zimmer, keine Arbeit, keine Perspektive." Gut und Böse sind hier nicht übersichtlich getrennt.

Grummelnd und grimmend schlagen sich Schenk und Ballauf fortan durch einen Fall, der sie massiv überfordert. Zumal sie auch noch mit einem komplizierten geopolitischen Konflikt konfrontiert werden: dem vergessenen Krieg im Kongo. Es geht um rivalisierende Rebellengruppen; um Erze, mit denen auch deutsche Handys gebaut werden; um Einnahmen aus diesen Erzverkäufen, mit denen Waffenlieferungen bezahlt werden; es geht um Flucht, Folter und Verstümmelung.

Die Folge "Narben" schließt an die starken Kölner Afrika-"Tatorte" der Nullerjahre an. An "Blutdiamanten" von 2006, wo es darum ging, wie mit europäischem Geld der Bürgerkrieg im Kongo am Laufen gehalten wird. Oder an die Episode "Minenspiel" aus dem Jahr 2005, die den brutalen kommerziellen Aspekt bei der Landminenräumung in Angola thematisiert und die sogar im Rahmen einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Menschenrechte im Bundestag gezeigt wurde. Der "Tatort" als Mittel des Agenda-Settings.

Die Erklärbären sind müde

Bei dem Minen-Krimi führte Torsten C. Fischer Regie, der jetzt auch "Narben" als Thriller mit geopolitischem Dreh inszeniert. Zusammen mit dem Autor Rainer Butt ("Polizeiruf 110: Wolfsland") findet er für die "Tatort"-Veteranen Schenk und Ballauf - das 20-jährige Dienstjubiläum naht! - einen starken Stil: journalistisch erhellend, in der Lichtgestaltung aber konsequent düster.

In der aktuellen Flüchtlingsdebatte spielt Zentralafrika ja oft kaum noch eine Rolle, eine Lösungsstrategie für Syrien scheint dringlicher. Das Massensterben und Massenvergewaltigen im Kongo geht aber weiter, die Rohstoffe des Landes werden noch immer ausgebeutet, während die Bevölkerung leidet. Auch wenn diese Themen selten in der "Tagesschau" vorkommen.

Indem die Filmemacher den Krieg aus dem Herzen Afrikas als Flüchtlingskrimi im Herzen Deutschlands aufbereiten, gelingt es ihnen, erneut die Agenda zu setzen: Der Kongo ist überall.

Gleichzeitig treten Schenk und Ballauf nicht mehr als ewige Erklärbären an, die unübersichtliche Konflikte handlich aufbereiten, um dann auch noch Lösungsvorschläge anzubieten. Schon in den letzten Folgen deutete sich ja eine gewisse Weltmüdigkeit an; die Ermittler sammeln trocken die Toten ein, erzielen bei der Aufklärung der Verbrechen aber keine moralische Eindeutigkeit mehr. Der Kölner "Tatort" tut wieder weh. Wir nehmen den Schmerz an.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Narben", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
lemmy 29.04.2016
1. Wir nehmen den Schmerz an ? Ich nicht.
Werde ich unter Garantie nicht anschauen. Flüchtlingskrise rauf, Flüchtlingskrise runter. Dass es in Vergessenheit gerät, steht nicht zu befürchten. Ob Nachrichten, Dokus, TV, Presse etc. der Fokus ist fast ausschließlich nur noch auf ein Thema gerichtet. Muss ich im Tatort Krimi nicht auch noch haben. Und wenn schon Gesellschafts- oder Sozialkritik verarbeitet werden muss, bleiben weiß Gott noch "tausend" andere Themen zur Auswahl, die in ihrer Wichtigkeit nicht hinten anstehen müssen und sollten. So viel zum "Bildungsauftrag" unserer öffentlich-rechtlichen.
peeka(neu) 29.04.2016
2. Tja
im Kongo kann man dann schlecht den bösen Islam gegen das gute Christentum ausspielen, solange die LRA dort ihr Unwesen treibt. Religiöser Fanatismus gepaart mit den Interessen internationaler Konzerne ist tödlich, egal welcher Gott auf den Gewehren klebt.
dgs 29.04.2016
3. Keine deutschen Handys
Es gibt einen kleinen Fehler im Text: Es gibt keine deutschen Handys. Deshalb werden mit den Erzen aus dem Kongo auch keine deutschen Handys hergestellt.
AxelSchudak 29.04.2016
4. deutsche Handys
Muss die Moralkeule mal wieder so schwer geschwungen werden? "Deutsche Handys" sind also mit Schuld? Kann ich mich jetzt schuldfrei fühlen, weil ich kein Handy besitze?
blurps11 29.04.2016
5.
Ich bezweifle ja, dass das Thema nach diesem Tatort auf irgendeiner Agenda landen wird, wo es nicht vorher eh schon stand.
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