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16. August 2019, 13:42 Uhr

Psycho-"Tatort" aus Dresden

Mutter ist der Wahnsinn

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War es die psychisch kranke Ehefrau oder der lange Arm der Mafia? Der Mord an einem Gastronomen führt im Dresden-"Tatort" zu einem ermüdenden Indizien-Roulette. Neustart geht anders.

Wer braucht psychologische Beratung, wenn es Google gibt? Der Browserverlauf im Computer des Restaurantbesitzers, der im Büro über seinem Laden erschossen wurde, liest sich wie ein Schlagwortregister zu Psychosen und Persönlichkeitsstörungen aller Art, zu paranoider Schizophrenie und malignem Narzissmus. Offensichtlich, so mutmaßen die Dresdner Ermittlerinnen, sorgte sich der Verstorbene um die seelische Verfassung seiner Ehefrau.

Dass mit Katharina Benda (Britta Hammelstein, "Zur Hölle mit den anderen") irgendwas nicht stimmt, ahnt der Zuschauer dieses "Tatort" schnell: Ihren jüngeren Sohn behandelt sie wie einen Lover, ihren älteren zwingt sie zur Bestrafung in die eiskalte Badewanne. Lieben und Erziehen, das ist bei der Frau offenbar aus dem Lot geraten.

Mit dem Mord hat sie aber allem Anschein nach nichts zu tun. Die Tötung des Gastronomen mit einer - so ergeben die Untersuchungen - aus einer Amsterdamer Asservatenkammer verschwundenen Schusswaffe lässt eher auf einen Täter aus der organisierten Kriminalität schließen.

Allein gegen die Mafia - und die Ehefrau

Und tatsächlich verdichten sich für Kommissarin Gorniak (Karin Hanczewski) und Kollegin Winkler (Cornelia Gröschel) die Hinweise, dass der Restaurantbesitzer von russischen Gangstern auf Schutzgeld erpresst wurde. Wie es heißt, hätten diese ihm nach dem verheerenden Elbehochwasser 2002 Geld zum Wiederaufbau seines Ladens gegeben; seitdem sei er ihnen ausgeliefert gewesen.

Wahnsinniges Muttertier oder ruchlose Mafiosi? Um die Spannung in diesem "Tatort" oben zu halten, werden dem Publikum immer wieder Hinweise hingeworfen, die für diese oder jene Täterschaft sprechen. "Wenn sie mich fragen, auch ein Mann mit einer schwierigen Ehefrau kann von der Mafia ermordet werden", sagt Dezernatschef Schnabel (Martin Brambach) zu seinen Ermittlerinnen. Das stimmt natürlich. Aber durch dieses beflissen am Laufen gehaltene Indizien-Roulette (Buch: Mark Monheim) wird irgendwann das emotionale und psychologische Zentrum des Films verspielt.

Atemlos zwischen Themen und Genres

Regisseur und Co-Autor Stephan Wagner hat einige Fernsehkrimis gedreht, in denen er für reale Ereignisse und Entwicklungen rigorose Erzählformen gefunden hat. Den spektakulären Entführungsfall Jakob Metzler inszenierte er 2012 als Ermittlungs-Druckkammerspiel und stellte so die Rechtsstaatsgläubigkeit des Publikums auf den Prüfstand, den Berlin-"Tatort" legte er ein Jahr später als doppelbödiges, digitales Überwachungsszenario an. Im neuen Dresdner "Tatort" springt Wagner nun zwischen Themen und Genres - und wird keinem gerecht.

Im Mafia-Ermittlungsstrang gibt es die obligatorischen Undercover-Szenen, etwa als Kommissarin Winkler einen verdeckten Ermittler zwischen den Schwämmen einer Autowaschanlage oder - wie unauffällig - auf einer besonders schönen Aussichtsplattform in den Hügeln um Dresden trifft. Im Psycho-Erzählstrang sehen wir, wie die Mutter ihre Kinder manipuliert, durch die gelegentliche Unterperspektive der Kamera wirkt sie dabei sehr diabolisch.

So effektsicher "Nemesis" zum Teil gefilmt ist: Als Mafiathriller fällt der Film bald in sich zusammen, und als Psycho-Drama kratzt er kaum an der Oberfläche des selbstgewählten Stoffes. Der im April mit der Horror-Episode begonnene Neustart des Dresdner "Tatort" als harter, zeitgemäßer Cop-Krimi geht nicht auf.

Am Anfang schnauzt das Befehlsmännchen Schnabel seine Ermittlerin an: "Ein kleines bisschen Empathie, Gorniak!" Hätte diesem "Tatort" auch nicht geschadet.

Bewertung: 4 von 10 Punkten


"Tatort: Nemesis", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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