Psycho-"Tatort" aus Dresden Mutter ist der Wahnsinn

War es die psychisch kranke Ehefrau oder der lange Arm der Mafia? Der Mord an einem Gastronomen führt im Dresden-"Tatort" zu einem ermüdenden Indizien-Roulette. Neustart geht anders.

Daniela Incor/ MDR

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Wer braucht psychologische Beratung, wenn es Google gibt? Der Browserverlauf im Computer des Restaurantbesitzers, der im Büro über seinem Laden erschossen wurde, liest sich wie ein Schlagwortregister zu Psychosen und Persönlichkeitsstörungen aller Art, zu paranoider Schizophrenie und malignem Narzissmus. Offensichtlich, so mutmaßen die Dresdner Ermittlerinnen, sorgte sich der Verstorbene um die seelische Verfassung seiner Ehefrau.

Dass mit Katharina Benda (Britta Hammelstein, "Zur Hölle mit den anderen") irgendwas nicht stimmt, ahnt der Zuschauer dieses "Tatort" schnell: Ihren jüngeren Sohn behandelt sie wie einen Lover, ihren älteren zwingt sie zur Bestrafung in die eiskalte Badewanne. Lieben und Erziehen, das ist bei der Frau offenbar aus dem Lot geraten.

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"Tatort" aus Dresden: Ein bisschen Mafia, ein bisschen Psycho

Mit dem Mord hat sie aber allem Anschein nach nichts zu tun. Die Tötung des Gastronomen mit einer - so ergeben die Untersuchungen - aus einer Amsterdamer Asservatenkammer verschwundenen Schusswaffe lässt eher auf einen Täter aus der organisierten Kriminalität schließen.

Allein gegen die Mafia - und die Ehefrau

Und tatsächlich verdichten sich für Kommissarin Gorniak (Karin Hanczewski) und Kollegin Winkler (Cornelia Gröschel) die Hinweise, dass der Restaurantbesitzer von russischen Gangstern auf Schutzgeld erpresst wurde. Wie es heißt, hätten diese ihm nach dem verheerenden Elbehochwasser 2002 Geld zum Wiederaufbau seines Ladens gegeben; seitdem sei er ihnen ausgeliefert gewesen.

Wahnsinniges Muttertier oder ruchlose Mafiosi? Um die Spannung in diesem "Tatort" oben zu halten, werden dem Publikum immer wieder Hinweise hingeworfen, die für diese oder jene Täterschaft sprechen. "Wenn sie mich fragen, auch ein Mann mit einer schwierigen Ehefrau kann von der Mafia ermordet werden", sagt Dezernatschef Schnabel (Martin Brambach) zu seinen Ermittlerinnen. Das stimmt natürlich. Aber durch dieses beflissen am Laufen gehaltene Indizien-Roulette (Buch: Mark Monheim) wird irgendwann das emotionale und psychologische Zentrum des Films verspielt.

Atemlos zwischen Themen und Genres

Regisseur und Co-Autor Stephan Wagner hat einige Fernsehkrimis gedreht, in denen er für reale Ereignisse und Entwicklungen rigorose Erzählformen gefunden hat. Den spektakulären Entführungsfall Jakob Metzler inszenierte er 2012 als Ermittlungs-Druckkammerspiel und stellte so die Rechtsstaatsgläubigkeit des Publikums auf den Prüfstand, den Berlin-"Tatort" legte er ein Jahr später als doppelbödiges, digitales Überwachungsszenario an. Im neuen Dresdner "Tatort" springt Wagner nun zwischen Themen und Genres - und wird keinem gerecht.

Im Mafia-Ermittlungsstrang gibt es die obligatorischen Undercover-Szenen, etwa als Kommissarin Winkler einen verdeckten Ermittler zwischen den Schwämmen einer Autowaschanlage oder - wie unauffällig - auf einer besonders schönen Aussichtsplattform in den Hügeln um Dresden trifft. Im Psycho-Erzählstrang sehen wir, wie die Mutter ihre Kinder manipuliert, durch die gelegentliche Unterperspektive der Kamera wirkt sie dabei sehr diabolisch.

So effektsicher "Nemesis" zum Teil gefilmt ist: Als Mafiathriller fällt der Film bald in sich zusammen, und als Psycho-Drama kratzt er kaum an der Oberfläche des selbstgewählten Stoffes. Der im April mit der Horror-Episode begonnene Neustart des Dresdner "Tatort" als harter, zeitgemäßer Cop-Krimi geht nicht auf.

Am Anfang schnauzt das Befehlsmännchen Schnabel seine Ermittlerin an: "Ein kleines bisschen Empathie, Gorniak!" Hätte diesem "Tatort" auch nicht geschadet.

Bewertung: 4 von 10 Punkten


"Tatort: Nemesis", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Angelheart 16.08.2019
1. Buß zerreißt...
...den TATORT - unbedingt schauen, wird bestimmt gut!
Dramaturgen-Frau 16.08.2019
2. Neuanfang geht anders!
- Da stimme ich ausnahmsweise dem Kritiker einmal zu. Aber wer hat denn von einem Dresden-Tatort bezüglich eines Neustarts Innovation, Esprit, dramaturgische Schlüssigkeit etc. erwartet?! Es reicht für den Tatort von dort politische Korrektheit (die Männer sind immer die dummen, gegen rechts, die berufstätige Übermutter usw.). Man hat ja auch schon in der alten Version dieses Tatorts immer das Gefühl in der ARD-Lehr- und Pädagogikanstalt sich zu befinden. Oder meinte der Kritiker mit "Neustart" den Wiederanfang nach der sinnlosen Sommerpause? Gottseidank hatten wir am letzten Sonntag die Wiedereröffnung der Saison mit der wunderbaren Claudia Michelsen. Wenn das mit dem Tatort-Neustart nun ein Zeichen sein soll, dann bitte eines wie im letzten Jahr, wo die Langweiler aus der Schweiz aus unerfindlichen Gründen in die Saison starteten. Am Ende der selbigen war dann klar, dass der Schweizer Tatort final abgesetzt wird. So bleibt diese Hoffnung nun also auch für den völlig missratenen Dresden-Tatort, wenn er jetzt "neu startet".
Dramaturgen-Frau 16.08.2019
3. Nö...
Zitat von Angelheart...den TATORT - unbedingt schauen, wird bestimmt gut!
..., diesmal nicht. Denn auch Buß findet wie das blinde Huhn auch mal ein Körnchen Wahrheit. Und ich bin sicher, dass kurz vor den Wahlen in Sachsen auch hier wieder ARD-Belehrung drin "versteckt" sein wird.
Ekkehard Grube 18.08.2019
4. Christian Buß hatte noch untertrieben
Dieser Tatort war noch nicht einmal unglaubwürdig, sondern einfach nur zusammenhanglos, einschließlich der "Auflösung". Alle Nase lang wurden dem Zuschauer neue Hinweise wie lose Fäden hingeworfen, aber diese Fäden wurden nie auch nur ansatzweise zusammengebunden. Es lohnt einfach nicht, neben den von Christian Buß genannten Unstimmigkeiten und Absurditäten noch weitere aufzuzählen. Einziger Pluspunkt aus meiner Sicht: Während in der vorigen Folge das in Krimis anscheinend unvermeidbare Klischee "Konflikt zwischen der Stammbesatzung und dem/der Neuen" reichlich penetrant zelebriert wurde, arbeiteten Gorniak und Winkler diesmal angenehm unaufgeregt zusammen. Die Tatorte des Teams mit Kommissariatsleiter Schnabel waren in meinen Augen qualitativ durchaus unterschiedlich, und die Folge "Wer jetzt allein ist" gehörte für mich zu den besten Tatorten überhaupt. Bisher allerdings gelingt es dem Team einfach nicht, eine konsistente Linie zu entwickeln. Das lag sicher zu einem Gutteil auch an den Drehbüchern. Es gab einmal einen Sachsen-Tatort, da war jede Folge ein Krimifest: Die Ermittler hießen Ehrlicher und Kain. Kommissar Bruno Ehrlicher (Peter Sodann) sächselte selbstverständlich und machte so (ähnlich wie sein Kollege Wolfgang Stumph als "Stubbe") Werbung für Sachsen. Diese Tatorte waren stimmig, hatten Tiefgang und waren noch mit einer Prise feinen Humors gewürzt.
peter_rot 18.08.2019
5. Fand den Tator gut und bin damit auch nicht allein.
Es ist immer ratsam Tatorte sich anzusehen, die Christian Buß abwertet. Das war auch diesmal der Fall. Er war zwar im Promibereich angesiedelt. Aber dass eine Mutter mit psyschischen Problemen ihre Kinder verführt und schließlich umbringen will ist durchaus real. Spannend gemacht.
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