Letzter "Tatort" aus Leipzig Ihr seid doch krank!

Ach, wären Simone Thomalla und Martin Wuttke doch bloß schon früher so gut gewesen: Im letzten Fall arbeiten sie als Keppler und Saalfeld Beziehungsneurosen auf. Ein kranker, ein kluger "Tatort".

ARD

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Die Sehnsucht nach einem Kind kann krank machen. So wie bei den beiden Pärchen, die im Zentrum des letzten "Tatorts" aus Leipzig stehen. Da sind zum einen die Ermittler Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke), die in trauter Traurigkeit miteinander verbunden sind, seit vor mehr als zehn Jahren das gemeinsame Kind gestorben ist. Und da sind der Lehrer Rolf Prickel (Jens Albinus) und seine Frau Vivien (Susanne Wolff), die ein Mädchen entführen, um nicht mehr allein zu sein.

Auf den ersten Blick kommt die Pärchen-Pärchen-Konstruktion als klassischer "Tatort"-Trick daher: Im Privatleben der Ermittler spiegelt sich das Thema der Folge. Mit welch grotesker Wucht das in "Niedere Instinkte" geschieht, ist jedoch bemerkenswert.

So werden Saalfeld und Keppler, die sich zuvor beim Thema Kind nur starre Depri-Blicke zugeworfen haben, mit dem Entführungsfall zu tragikomischen Debatten über das verlorene Glück angeregt. Einmal schreit Keppler Saalfeld an: "Fuck you, Medea!" Trotz des Streits - oder gerade deswegen: Geht da vielleicht noch was in Sachen Beziehung zwischen den Kommissaren?

Erst einmal vögelt sich Keppler aber bei der schönen Wohnungsnachbarin von Saalfeld den Frust von der Seele, und zwar so laut, dass sich die Ex nebenan frustriert mit Dosenbier die Lampen auslöscht. Manche Menschen, die füreinander bestimmt zu sein scheinen, kommen eben nur auf die harte Tour wieder zusammen.

Spezialist für Spanner und Psychopathen

Das Pärchenglück der Prickels ist ebenfalls eine sonderbare Angelegenheit; die Entführung ist quasi ein gemeinsames Liebesprojekt. Sie hat dieses unstillbare Bedürfnis nach der Nähe zu einem Kind, er liebt und begehrt seine Frau und will deshalb dieses Bedürfnis stillen. Wie das Paar da mit weißen Masken vor dem geraubten Mädchen hockt, das ist geradezu rührend. Rührend und krank. Darf man sowas zeigen? Wird dadurch nicht das Leiden des Entführungsopfers banalisiert? Und vor allem: Wo bleibt die Moral?

Aber an der Frage der Moral sind der Drehbuchautor Sascha Arango und Drehbuchautorin Claudia Garde eben zunächst nicht interessiert. Arango ist Spezialist für Spanner, Psychopathen, Borderliner. Konsequent steigt er in seinen Krimivorlagen in die Parallelwelten der kranken Seelen hinab; sympathisch reimt sich bei ihm auf pathologisch. Claudia Garde hatte bereits einige Arango-Drehbücher für besonders starke Borowski-"Tatorte" in Szene gesetzt. Außerdem führte sie Regie beim Sadomaso-Tatort mit Wuttke und Thomalla vergangenes Jahr, der überwiegend schlechte Kritiken erhielt, obwohl er doch ziemlich klug von den komplexen Machtdynamiken im BDSM-Milieu erzählte.

Dieser rigorose Blick aufs Psychosexuelle findet sich jetzt auch in "Niedere Instinkte" wieder. Wie bei dem Entführerehepaar das Verbrechen zur Illusion der familiären Vollkommenheit führt und diese wiederum zur lustvollen körperlichen Vereinigung, das dürfte nicht wenige Zuschauer nachhaltig verstören. Alle krank hier!

An die Eleganz der gemeinsamen Borowski-Episoden kommt diese weitere Teamarbeit von Arango und Garde zwar nicht ganz heran, aber für einen "Tatort" des wegen allerlei Fehlschlägen irritierten MDR ist diese gleichermaßen harte wie heitere Psychogroteske ein großer Schritt. Auch wenn er zu spät kommt, um das Leipziger Team zu retten.

Was haben wir an dieser Stelle über das Getrampel der Thomalla und das Gepampe des Wuttke gemeckert, und jetzt werden wir angesichts dieses Finales ganz nostalgisch. Es ist okay, dass es vorbei ist. Es ist vor allem aber befriedigend, dass die beiden Ermittlerfiguren einen solch souveränen Abgang hinlegen. Krank, am Ende aber doch glücklich.


"Tatort: Niedere Instinkte", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
lemmy 24.04.2015
1. guter Tatort, schlechter Tatort
Dass es diesmal gelungen scheint, ist doch wohl eher den Glanzlichtern Claudia Garde und Sascha Arango zu verdanken und weniger der nicht vorhandenen schauspielerischen Leistung von Frau Thomalla. Dieses Gesicht ist doch zu keiner Mimik mehr imstande, dazu ist es - einem Posaunenengel gleich - einfach zu angeschwollen von den vielen "Füllmaterialien". Ich habe letztens noch einen älteren Film mit ihr gesehen, als sie noch ein natürliches, gesundes Gesicht hatte: ein komplett anderer Mensch, sowohl optisch als auch von ihrer Ausstrahlung her, weil ein Mensch ohne Mimik ist einfach nur furchtbar.
loeweneule 24.04.2015
2. Nein, danke!
Beziehungsgedöns? Danke für die Vorwarnung.
inhabitant001 24.04.2015
3. Frage
Kommt der Leipziger Tatort immer noch ohne einen einzigen Darsteller aus der sächsisch spricht?
torstenschäfer 24.04.2015
4. Schlechte Regie
Der damalige "Sado-Maso-Tatort" war von Claudia Garde wirklich unterirdisch inszeniert. Die Eröffnung des Film war furchtbar aufgesetzt, unnatürlich und effektheischend. Es hilft einem dann auch kein gutes Drehbuch, wenn die Umsetzung nichts taugt.
Pollowitzer 24.04.2015
5. Ach nöööö...
...Thomalla ist doch als Polente völlig unglaubwürdig - in den verschiedenen Tatortreihen gibt es viel zu viele schlechte Schauspieler - die Drehbücher sind meist auch Schrunz - die Ansprüche der Zuseher sind aber wohl deckungsgleich seicht - Daumen hoch für Münster - die haben Pep und sind zum Schmunzeln. oda wat
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