Falke-"Tatort" über Sniper Die neue Militanz der Vorstadt

"Ich habe mich ans Gesetz gehalten und Steuern bezahlt" - so flucht der Gutbürger, der zum Wutbürger wird. Wotan Wilke Möhring erkundet als "Tatort"-Kommissar Falke den Aufruhr der Mittelschicht.

Christine Schroeder/ NDR

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Von der Autobahn aus betrachtet sieht jede große deutsche Stadt gleich aus: Erst kommen die Naherholungsgebiete und Autohöfe der Peripherie, dann die Speditionen und Gebrauchtwagenhändler an den ersten Abfahrten, schließlich die frisch am Stadtrand hochgezogenen Eigenheiminseln und Baumarkt-Monolithen. Es ist das Schicksal des Ermittlers Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), dass er Hamburg vor allem von dieser tristen Perspektive aus erkunden muss.

Wir erinnern uns: Ursprünglich war Möhrings Falke als urbaner Cop mit Kiez-Nähe angelegt, doch dann entschloss sich der NDR, Til Schweiger als Nick Tschiller in Hamburg ermitteln zu lassen. Falke wurde zur Bundespolizei ins norddeutsche Umland versetzt, damit er dem Dicke-Hose-Kollegen nicht in die Quere kommt. Nachdem sich Tschiller zwischenzeitlich ins Aus geballert hatte (Anfang 2020 gibt es ein spannendes reumütiges Comeback), durfte Falke wieder sukzessive über die Vorstadt nach Hamburg zurückkommen.

Der aktuelle Fall beginnt an einem Autohof, auf dem Falke und seine Bundespolizeikollegin Julia Grosz (Franziska Weisz) eine Kontrolle durchführen. Ein Sniper schießt auf einen LKW, dabei tötet ein Querschläger einen Trucker. Die Polizisten ermitteln schließlich zwischen alten Speditionen und neu hochgezogenen Eigenheimarealen im zerklüfteten südlichen Hamburg. Ein Soziotop im Umbruch, ideal als Spiegel für die aktuellen gesellschaftlichen Bewegungen im ganzen Land.

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"Tatort" mit Wotan Wilke Möring: Horror der Vorstadt

Erzählerisch ist die Verlagerung von Falkes Einsatzgebiet in die Hamburger Peripherie ein Glücksfall. Denn hier, in den inzwischen leicht schimmeligen Speckgürteln des alten Westdeutschlands, zeigen sich die Verunsicherungen der Mittelschicht am stärksten. In der letzten Falke-Folge ging es bereits um Eigenheimbesitzer, die aus Sorge um Statusverlust eine Bürgerwehr zusammenstellten. Ob man es will oder nicht: In diesen (bedrohten oder auch nur vermeintlich bedrohten) Wohlstandszonen wird sich entscheiden, wohin unsere Gesellschaft driftet.

Der Mörder als emotionales Zentrum

Auch "Querschläger" (Buch: Oke Stielow, Regie: Stephan Rick) erzählt von einem Wutbürger: Schnell erfahren wir, dass hinter der Sturmmaske des Autohof-Snipers der akkurate Zollbeamte Steffen Thewes (Milan Peschel) steckt. Dessen Tochter ist schwer erkrankt, nur eine teure Operation in den USA kann sie retten, aber die wird von der Krankenkasse nicht gezahlt. Der Schuss auf dem Autohof sollte eigentlich eine Drohung an einen Spediteur sein, den Thewes erpressen wollte, um das Geld zusammenzubekommen.

Das emotionale Zentrum dieses "Tatort" ist also ein Mörder. Das funktioniert, weil Peschel seinen Thewes als hoch ambivalente Figur angelegt hat, der als Vater alle moralischen Abwägungen zur Seite schiebt, um die Tochter zu retten. Wir sind voll bei ihm, wir sind voll gegen ihn. Peschel hatte schon mal früh in seiner Karriere 2005 in "Netto" einen Familienvater gespielt, der der Welt verloren zu gehen droht. Diese aggressive, zugleich auch anrührende Nervosität legt Peschel jetzt auch noch mal über den "Tatort" - und das trägt auch über die plumperen Stellen des Schnitzeljagd-Verfolgungs-Plot.

"Ich habe mich ans Gesetz gehalten und Steuern bezahlt", barmt der zum Sniper mutierte Beamte einmal - aber mit seiner sterbenskranken Tochter stehe er nun ganz alleine da. Auch so eine Klage zeugt vom emotionalen Extremismus der Vorstadt, von der neuen Militanz der Mittelschicht, die sich (zu recht oder unrecht) um ihren ehrenwert erarbeiteten gesellschaftlichen Status gebracht fühlt. So gesehen steht Falke erneut im Zentrum aktueller gesellschaftlicher Krisenlagen.

Abends kehrt er dann von den neuen Kriegsschauplätzen am Stadtrand heim ins friedliche Herz von Hamburg-St.Pauli, wo ihn sein Sohn im gemütlichen Altbau kichernd mit vom Kiffen verquollenen Augen empfängt. Angesichts der grausamen Vorstadtkriminalität blafft der Alte den Jungen für dessen Rauschdelikte nur halbherzig an: "Digger, hör auf so breit zu grinsen, ehrlich, fürchterlich, geh mal kalt duschen."

Bewertung: 7 von 10 Punkten


"Tatort: Querschläger", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 21 Beiträge
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neue Legislaturperiode 29.11.2019
1. Aufruhr der Mittelschicht.
Wenn der Film so gut ist wie die Rezension, kann man sich auf einen interessanten Sonntag Abend freuen.
Bodenseeher 29.11.2019
2. Ich freu' mich drauf!
Liest sich gut und ich finde Herrn Möhring als Schauspieler meistens klasse. Wir werden sehen (ich zumindest). Ehrlich interessieren würde mich, ob es "Tatorte" gab, die mal die 10/10 von Herrn Buß bekommen haben!?
nocowil2 29.11.2019
3. Na ja,
seit Jahr und Tag immer wieder die gleichen Schauspieler, als wenn es sonst keine Schauspieler geben würde. Außerdem ist das Geschreie in deutschen Filmen nervend, Skandinavische Filme kommen auch ohne Geschreie aus, und sind außerdem auch noch Spannender !
Realist111 29.11.2019
4. Der zum Beispiel ...
Zitat von BodenseeherLiest sich gut und ich finde Herrn Möhring als Schauspieler meistens klasse. Wir werden sehen (ich zumindest). Ehrlich interessieren würde mich, ob es "Tatorte" gab, die mal die 10/10 von Herrn Buß bekommen haben!?
https://www.spiegel.de/kultur/tatort-es-lebe-der-tod-mit-ulrich-tukur-wie-se7en-nur-besser-a-1119037.html
katzenklopfer 29.11.2019
5. Naja
"Ob man es will oder nicht: In diesen (bedrohten oder auch nur vermeintlich bedrohten) Wohlstandszonen wird sich entscheiden, wohin unsere Gesellschaft driftet." Immer wieder versuchen sich selbst als bürgerlich identifizierende Menschen dieses mythisches Bürgertum zum Nabel der Welt zu erklären. Und zum alles entscheidenen Momentum. Mit gleicher Verve könnte man auch die 10 reichsten Menschen einer Gesellschaft oder die große Gruppe der im Verhältnis Armen und Besitzlosen dazu erklären. Im Moment sieht es mir eher nach den Superreichen und ihren Speichelleckern aus neben einer großen, heterogenen Gruppe von (Proto)faschisten.
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