Münster-"Tatort" in Psychiatrie Uns schwant Böses

Boerne und Thiel ermitteln in der Therapieeinrichtung "Schwanensee". Und versuchen nebenbei die Frage zu klären, was Autismus ist. Ein Münster-"Tatort", bei dem Belustigung und Belehrung riskant durcheinandergeraten.

WDR/ Willi Weber

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Okay, der ist gut: Steigt Professor Boerne (Jan Josef Liefers) des Nachts im feinsten Fantômas-Fummel, mit schwarzer Stretchhose und schwarzem Rolli, in eine Klinik ein, um brisante Akten einzusehen. Kommt er danach, die Brille vor Aufregung über seinen stilvollen Coup noch ganz beschlagen, in die Gerichtsmedizin, empfängt ihn Assistentin Alberich (Christine Urspruch) mit den Worten: "Waren Sie im Ballett?"

Es ist ja nicht so, dass die Pointen beim Münster-"Tatort" nicht zündeten. Es gibt nur zwischen diesen Pointen so wenig Plot. Das Dazwischen ist diesmal die Untersuchung eines Mordes in der Therapieeinrichtung "Schwanensee", in der Zwangsneurotiker aller Art untergebracht sind. Etwa eine liebestolle Alte, die im Verhör kokett die Augen verdreht. Oder persönlichkeitsgestörte Zwillinge, die sich ausgerechnet beim Tai-Chi parallel jeweils einen Arm brechen. Oder ein runtergerockter junger Depri vom Bundesfreiwilligendienst, der für die Mordnacht kein Alibi hat, weil er die ganze Zeit für sich allein ein Onlinespiel namens "Pussynator" gespielt hat.

Passabler Stoff für politisch unkorrekten Schabernack - der allerdings eben noch keine Handlung ausmacht. Die soll hier nun wiederum mit einem ziemlich ernsten Thema generiert werden: Unter den Patienten befindet sich auch der ehemalige Steuerprüfer Andreas Kullmann (Robert Gwisdek), ein Autist, der zuvor fürs Finanzamt ausgefuchste Steuervergehen aufgeklärt hat. Stichwort "Inselbegabung".

Die Massen werden es lieben

Und da wird es problematisch. Immer wenn beim Münsteraner "Tatort" der Klamauk mit einem ernsten Thema kombiniert wird, scheitert die Versuchsanordnung. Zuletzt konnte man das in der Folge "Erkläre Chimäre" sehen, in der Boerne und Thiel eine Variante von "Charleys Tante" vorlegten, die von den Machern dann als Plädoyer für die Homo-Ehe verkauft wurde.

In der Folge "Schwanensee" wird nun versucht, den Krimi-Plot mit den außergewöhnlichen Rechenkünsten des Autisten voranzutreiben. So muss der Ex-Steuerprüfer die ganze Zeit ins Leere starren, während er astronomische Zahlenkolonnen vor sich hin- und herschiebt. Auf diese Weise, so mutmaßt Kommissar Thiel (Axel Prahl), könnte er einem größeren Betrug auf die Spur gekommen sein, in den auch höhere Beamte der Stadt verstrickt sind.

Wieder mal ein Münster-"Tatort", der nicht ganz aufgeht. Das ist umso betrüblicher, da die Filmemacher eigentlich spitze sind. Das Autoren-Team Christoph Silber und Thorsten Wettcke hat einst den grandiosen "Tatort" um den Undercover-Ermittler Cenk Batu mitentwickelt, der durch seinen grimmigen Witz und genaues Timing bestach. Regisseur André Erkau hat zuletzt den Kölner Paarungs-"Tatort" "Wahre Liebe" gedreht, der durch Rhythmus, Eleganz und Leichtigkeit aus dem oft behäbigen Kölner Ermittler-Allerlei herausstach.

Das alles geht dem neuen "Tatort" nun überwiegend ab. Es gibt ein paar toll inszenierte Gruppenbilder und ein paar smart gesetzte Schnitte, doch der grobe Unfug überwiegt. Das Fernsehpublikum wird es wohl trotzdem lieben, neuer Quotenrekord nicht ausgeschlossen.

Und da wir es uns hier nicht schon wieder wie in all den anderen Besprechungen des Münster-"Tatorts" mit den Massen verderben wollen, steigen wir versöhnlich aus diesem Text aus - und zitieren eine weitere geglückte Pointe mit Boerne und Thiel: Verfolgen die beiden Ermittler einen depressiven Tatverdächtigen, der vor ihnen Reißaus nimmt. Zieht Thiel die Pistole und schreit: "Kommen Sie zurück, oder ich schieße!" Belehrt Boerne: "Ob das für einen Suizidgefährdeten eine substanzielle Bedrohung darstellt?"

Bewertung: 5 von 10 Punkten


"Tatort: Schwanensee", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Seite 1
cdrenk 06.11.2015
1. Danke
Für die warme Empfehlung sind SPON Leser immer dankbar. Je größer der Verriss in diesem Boulevard-Medium um so besser ist die Unterhaltung.
Bueckstueck 06.11.2015
2. Immerhin
Gut, dass Herr Buß mittlerweile einsieht, dass seine Meinung(en) u.a. zum Münsteraner Tatort recht exklusiv ist und keineswegs häufig geteilt wird. Das ist und bleibt die wertvollste Erkenntnis nach dem überfliegen seiner Zeilen.
experiencedsailor 06.11.2015
3. Autor hat recht!
Der Münsteraner Tatort besticht mit selbstgefälligem Schabernack gepaart mit langweiliger Dramaturgie. Schade um den Fernsehabend.
klima66 06.11.2015
4. Voreingenommen ?
Wenn der Autor in der Beschreibung seiner Person schreibt, dass er jeden "noch so schlechten Tatort" ansieht - dann ist doch schon klar was kommt. Beim Tatort aus Münster ist doch jedem klar was einen erwartet - das kann man schauen (wie die Meisten) oder halt einfach lassen- oder ?
spontanistin 06.11.2015
5. Nur (!) Unterhaltung
Der Autor scheint Unterhaltung zur Ablenkung (von was wohl) mit dokumentarischer Aufklärung (sollte Journalisten-Job sein) zu verwechseln. Jeder Zuschauer ist sich doch der Fake-Qualität der quotengesteuert immer irrealer, grotesker und meist brutaler werdenden Tatort-/Krimi-Inszenierungen bewußt! Alles soll nur davon ablenken, dass die Realität nun doch noch nicht so pervers ist. Indes, der Trend....
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