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Saar-"Tatort": "Ohren werden doch eh überbewertet!"

Foto: ARD/ Manuela Meyer

Stellbrink-"Tatort" über Gehörlose Nix verstehen!

Zwinkeralarm im "Tatort": Devid Striesow witzelt und wütet sich als Kommissar Stellbrink durch die Gehörlosen-Community an der Saar. Glücklich, wer ihn nicht hören kann.

"Ohren werden doch eh überbewertet!" Ein wunderbarer Satz, im "Tatort" in Gebärden gesprochen von einer gehörlosen HipHop-Tänzerin - und dann für die Ermittler und das hörende Fernsehpublikum durch eine Übersetzerin in Laute gefasst. Ach, hätten die Verantwortlichen diese emanzipatorische Ansage für ihren Film doch ernst genommen!

Leider vertraut dieser "Tatort", der sich einfühlsam und verständig, lässig und sogar ein bisschen sexy gibt, kaum dem Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten, das ein Gehörlosen-Krimi bereithalten könnte. Es sei denn, man hält es für einen Beweis von großem Einfühlungsvermögen, wenn sich Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) nachts auf seiner Dachterrasse die Ohren zuhält, um Taubheit zu simulieren. Klar, so fühlt sich Gehörlosigkeit für Klein-Doofi an: Nix verstehen!

Überhaupt der Kommissar: Der witzelt und nörgelt sich hier streckenweise durch die Handlung, dass man gerne selber Stöpsel in die Ohren stecken würde. Fürchterlich, wie er immerzu seine Auszubildende ironisch maßregelt; halsstarrig, wie er am Anfang auf die Gehörlosen einbrüllt, als ob sie ihn dann besser verstehen könnten. Aber das ist natürlich ein erzieherischer Kniff. Der Aha-Effekt für Stellbrink und die ganz schlichten Gemüter unter den "Tatort"-Zuschauern: Ah, die können ja Gebärden und Lippen lesen, die Gehörlosen.

Ehebruch auf Amphetaminen

Und so sehen wir Stellbrink dann bald vor dem Computer seine Hausaufgaben machen. Kichern muss er, als er lernt, welches Zeichen die Polizei symbolisiert: Der ausgestreckte Zeigefinger vor der Stirn steht für die preußische Pickelhaube. Deshalb macht Stellbrink fortan grinsend in der Gehörlosenszene von Saarbrücken mit dem Zeigefinger vor der Stirn den Grüßaugust.

Diese Gehörlosen-Erklärungen sind so penetrant pädagogisch wie die Handlung fahrlässig zusammenfabuliert ist (Buch: Peter Probst, Regie: Zoltan Spirandelli). Am Anfang sehen wir einen Ehebruch auf Amphetaminen; eine Frau schmeißt sich gleich drei Pillen beim Sex ein, während sie auf einem anderweitig verheirateten Mann rumrutscht. Dann heizt sie das Kerlchen, das sich widerstrebend gibt, auch noch zu Würgespielen mit dem Schal an. Die Frau hat einen Herzinfarkt, der Mann flieht und bittet im Auto per Telefon einen Freund, die Leiche zu entsorgen. Der gehörlose Ben Lehner (Benjamin Piwko) liest zufällig die Lippen des Fremdgehers bei dessen Telefonat und erpresst ihn. Kaum hat Lehner das Geld, wird seine Freundin ermordet.

Mittendrin in diesem Rammel-und-Stammel-Plot: Jens Stellbrink, der ungefähr so empathisch ist wie die Dschungelcamp-Brechstange Thorsten Legat, wenn dieser dem Zauderer und Zweifler Menderes Beziehungstipps gibt. Als Lehners Freundin ermordet wurde, holt Stellbrink ihm zum Trost ein Bier. Alter, lass mal quatschen. Ach so, geht ja nicht. Besonders traurig ist dieses Kommunikations-Kuddelmuddel, weil man die Gehörlosenrollen an Gehörlose vergab und die Bloggerin Julia Probst am Drehbuch mitwirken ließ. Trotzdem: ein weiteres "Tatort"-Desaster aus Saarbrücken.

Ein paar spannende Momente, die den hörenden Zuschauer in die Welt der Nichthörenden reinzieht, gibt es immerhin. Etwa als auf einer Beerdigung der Sohn des Toten in Tiraden über diesen ausbricht und Gebärdendolmetscherin sämtliche Schimpfworte in Zeichen übersetzt. Da ist, der Trauerfeier zum Trotz, Leben in der Bude. Ansonsten erfüllt der sehr, sehr ungeschickt gewählte Titel "Totenstille" leider sein Versprechen: schrecklich sprachlos, dieser "Tatort".

Bewertung: 2 von 10


"Tatort: Totenstille", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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