"Tatort" über Demenz Wer ist hier der Narr?

Verbrechen und Vergessen: Im aktuellen Münchner "Tatort" beißen sich die Ermittler die Zähne an einem Demenzkranken aus. Ein geschickter Dreh, den Krankenkrimi nicht zur Krankenakte verkommen zu lassen. Christian Buß findet: So gehen Aufklärung und Thrill perfekt zusammen.

BR

Wie verhört man einen Demenzkranken? Wie versucht man jemandem die Wahrheit zu entlocken, der in seiner ganz eigenen Wahrheit lebt? Die Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) sind am Verzweifeln: Als sie den alten Glasermeister Max Lasinger (Günther Maria Halmer) wegen des Mordes an dessen Sohn aushorchen, werden die beiden das Gefühl nicht los, der Mann würde sie bewusst täuschen.

Da muss es doch Methoden geben, um wissenschaftlich nachweisen zu können, inwieweit das Gedächtnis noch funktioniert oder nicht. Aber der aufgesuchte Neurologe enttäuscht die beiden Ermittler: Nicht mal die Wissenschaft kann objektiv feststellen, ob ein Demenzkranker simuliert.

Darf man das Thema Demenz derart spielerisch wie in der Münchner "Tatort"-Episode "Gestern war kein Tag" (Buch: Pim Richter, Daniela Mohr) angehen? Ist es dafür nicht viel zu ernst und zu dringlich? In Deutschland leiden derzeit 1,2 Millionen Menschen an der Alterskrankheit, 2050 sollen es 2,6 Millionen sein. Demenz ist ein Riesenthema, auch in der Literatur und dem Fernsehen: Arno Geigers "Der alte König in seinem Exil" avancierte zum Bestseller, und auch der "Tatort" mühte sich schon an dem Sujet ab, etwa das Leipziger Revier in der Folge "Heimwärts" von 2010, wo die Ermittler immer wieder liebevoll einen verwirrten und verzagten Senior von der Straße auflasen.

Dement, aber nicht doof

Regisseur Christian Görlitz, der Komödien wie "Fleisch ist mein Gemüse" und Melodramen wie "Außer Kontrolle" gedreht hat, verzichtet nun weitgehend auf die herzzerreißenden handelsüblichen Impressionen der Selbstentfremdung, mit der das Thema Demenz ansonsten bebildert wird. Er macht den Versehrten vielmehr zum aktiven Krimi-Teilnehmer, an dem man sich mehr als nur betreuerisch abarbeiten muss, um sein Geheimnis zu lüften.

Denn weiß der Alte tatsächlich so wenig, wie er vorgibt? Am helllichten Tage soll er seinen Sohn in der Glaserei erschlagen haben, weil er ihn für einen Einbrecher hielt. Klar, vielleicht hat er wirklich keine Ahnung, wie sein Lieblingsessen heißt, aber hat er in diesem frühen Stadium der Demenz wirklich schon das Gesicht seines eigenen Kindes vergessen? So pocht der alte Lasinger vor der Polizei darauf, für den Tod verantwortlich zu sein - und verstrickt sich dabei in viele Widersprüche. Unklar bleibt, ob er dabei bewusst oder unbewusst die Unwahrheit sagt. Gelegentlich guckt er jedenfalls die Polizisten mit diesem herausfordernden Blick an: Ich bin vielleicht dement - aber doch nicht doof.

"Gut, dass wir ihn los sind, den Arsch!", sagt der Glasermeister irgendwann am Esstisch zu Schwiegertochter und Enkel. Tatsächlich war der Tote wohl zu Lebzeiten für alle eine Qual: Die Ehefrau (Johanna Gastdorf) ließ er trotz einträglicher krummer Geschäfte in Armut zurück, den Sohn (Kai Malina) vernachlässigte er, und seines Vaters illegale bulgarische Pflegekraft (Vasela Kazakova) versuchte er zu vergewaltigen. Jede Person dieses unkonventionell zusammengewürfelten familiären Zusammenschlusses hätte also gute Gründe für den Mord - und jede legt tatsächlich im Laufe der Untersuchungen auch ein Geständnis ab, um die anderen zu schützen.

So stoßen die beiden Kommissare auf eine Gemeinschaft, die durch die Demenz nur in eine umso größere Verschworenheit getrieben wurde. Am Rande werden zwar auch die unvermeidlichen Nachbarthemen Pflegenotstand und moderne Lohnsklaverei angesprochen, doch die Filmemacher sind geschickt genug, den Krankheitskrimi nicht zur Krankenakte verkommen zu lassen.

Nach dem nicht ganz stilsicheren Sozio-Krimi "Jagdzeit", wo die "Tatort"-Mannschaft Hartz-IV-Milieustudie und Groteske zusammenbringen wollte, legt der BR hier eine formvollendete Mixtur vor: Aufklärung, Suspense und böser Witz halten sich die Balance. Als Leitmayr sagt, er würde im Falle, dass er selbst an Demenz erkranke, zur Pistole greifen, erwidert Batic nur: "Hoffentlich weißt du dann auch noch, wo du sie hingelegt hast."

"Tatort: Gestern war kein Tag", Sonntag 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 3 Beiträge
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h.lunke 04.06.2011
1. Demenz in Vielfalt
Wer mit demenzerkrankten Personen langfristig zu tun hat, bemerkt sehr bald eine Vielfalt von besonderen Vorkommnissen im dementen Verhalten des Patienten. Da gibt es leider kein einheitliches Strickmuster. Ich nehme an, das "weite Feld" der Demenz wird auch das forensische Problem des Film sein. Ich halte es aber für richtig, es filmkünstlerisch zu bearbeiten.
saberlin 06.06.2011
2. Wer ist hier der Narr...
Das habe ich mich gestern auch gefragt ... vor allem als ich zum Ende dann die Ankündigung gelesen habe das in einer Talkrunde "illegal Beschäftigte" gelesen habe ... ab da wurde mir dann richtig schlecht! Wie schön das die Massenmedien nichts besseres zu tun haben als die Propaganda der "Regierenden" so perfide unter das Volk zu bringen. Die Medien sollten sich mal lieber dafür stark machen das es endlich mal anerkannt wird das alte Menschen kein Abfall sind die man irgendwo wegsperren kann. Jeder der das Alter erreicht und Hilfe braucht dem sollten ..... nein - dem MUSS eine legal bezahlbare Möglichkeit gegeben sein um sich die Hilfe die der Mensch dann braucht zu beschaffen .... und das nicht unter dem Vorzeichen Lohndumping, 1 € Jobber oder ähnliches!
Quatschtuete 06.06.2011
3. Abhilfe Bürgerversicherung
Zitat von sysopVerbrechen und Vergessen: Im aktuellen Münchner "Tatort" beißen sich die Ermittler die Zähne an einem Demenzkranken aus. Ein geschickter Dreh, den Krankenkrimi nicht zur Krankenakte verkommen zu lassen. Christian Buß findet: So gehen Aufklärung und*Thrill perfekt zusammen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,765722,00.html
Auch wenn die Familie ihren Opa oder Oma noch so lieb hat, der Film machte die Überforderung der Familie deutlich. Nicht nur die finanzielle. Stationäre Versorgung wäre in allen Fällen wünschenswert. Finanzierbar sind solche Sachen sicher nicht im bisherigen System der Kopfpauschale sondern wir brauchen schnellstens die Bürgerversicherung. Jede andere Diskussionsansatz wäre eine Nebelkerze.
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