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"Tatort" mit Mehmet Kurtulus: Islamismus auf die hanseatische Tour

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"Tatort" über deutsche Islamisten Ich, der Schläfer

Wo andere auf kumpelig machen, eckt Mehmet Kurtulus an. Damit ist bald Schluss - und Christian Buß ist verzweifelt. Denn in seiner vorletzten "Tatort"-Episode taucht Kurtulus in eine Terror-Zelle ab und beweist dabei, wie brillant der Undercover-Krimi ist. Eine Hymne auf einen großen Fremden.

Weiß Cenk Batu, wer er ist? Und wenn ja, wie viele? Mal schnippelt er als Kebab-Brater Fleisch in der Imbissbude, mal kommentiert er als Vorzeige-Türke in der Managementetage eines Luftfahrtkonzerns die Bilanzen, mal verschiebt er als Krimineller im Balkan-Mafia-Look junge Frauen über die Grenze. Batu ist Undercover-Ermittler, er muss sich in unterschiedlichste Codes und Klischees einfuchsen. Im Spiel mit ethnischen und soziokulturellen Zuschreibungen durchläuft er sämtliche gesellschaftlichen Zonen.

Fall für Fall muss die "Tatort"-Figur Cenk Batu den Kraftakt vollbringen, sich selbst hinter seiner jeweiligen Zweit-Identität zum Verschwinden zu bringen. Entsprechend muss sein Darsteller Mehmet Kurtulus den Kraftakt vollbringen, Folge für Folge in eine andere Haut zu schlüpfen: Klamotten, Marotten und ein kuscheliges Büro, also all das, woran man seinen Serienhelden wiedererkennt, werden ihm vorenthalten. Und so muss dann auch das Film-Team den Kraftakt vollbringen, dem Ermittler Episode für Episode ein komplett neues Setting mit fast komplett neuem Personal zu schaffen.

Einzelne Produktionen wären daran fast zusammengebrochen, Drehbücher wurden wieder und wieder umgeschrieben, um dem hohen dramaturgischen Anspruch gerecht zu werden. Aber der Wahnsinn hat sich jedes Mal gelohnt, wieder und wieder wurden beim Hamburger "Tatort" kunstvoll die Grenzen des Fernsehkrimis geweitet.

Die Ermittlung als Selbstverleugnung

Der Hauptprotagonist indes wollte sich den Stress nicht mehr geben - vielleicht auch, weil er sich vom Publikum ungeliebt fühlte. In TV-Kommissars-Rankings belegte Mehmet Kurtulus regelmäßig die letzten Plätze, die Quoten waren für "Tatort"-Verhältnisse bescheiden. Das war die Kehrseite dieses Krimi-Meisterstücks: Weil er jedesmal in neuem Look daherkam, war er nie wiederzuerkennen. Er blieb der große Fremde des Sonntagabends. Vor einem halben Jahr gab Kurtulus bekannt, er wolle aus dem "Tatort" aussteigen. Auf ihn wird ab dem nächsten Jahr Til Schweiger folgen. Um dessen Wiedererkennbarkeit muss man sich nicht sorgen: Schweiger sieht immer gleich aus.

Was einem nach dem endgültigen Abgang Kurtulus' 2012 fehlen wird, das wird einem am Sonntag noch mal beim vorletzten Hamburg-"Tatort" bewusst: Wie er hier als Undercover-Ermittler vollkommen in einer islamistischen Zelle aufgeht, entspricht einer weiteren Komplettverwandlung - nicht nur in äußerlicher Hinsicht. Denn um sich in die Terrorgruppe einzuschleichen, muss der als Muslim sozialisierte Batu vor den auszuspähenden Glaubenskriegern den Koran als militantes Regelwerk auslegen. Er muss sämtliche Restverbindungen zur Außenwelt kappen, der Idealist wird zum Terrorist. Die Ermittlungen sind auf einmal ein Akt der Selbstverleugnung: Ich, der Schläfer.

Autor und Regisseur Lars Becker ("Nachtschicht"), eine Art Pate des Hamburg-Krimis, der die Stadt bereits aus jedem Winkel abgefilmt und ausgeleuchtet hat, inszeniert die Episode als Trip in eine fremde Welt, aber ohne jeden Exotismus. Was sonst anheimelnd in den Filmen Beckers wirkt, wird hier zum Hort der Unbehausten. Treibende Kraft der Hamburger Zelle ist ein deutscher Konvertit, den Ken Duken als enttäuschtes hanseatisches Bürgersöhnchen spielt, das das elterliche Eigenheim im Speckgürtel von Hamburg höchstens noch einmal aufsucht, um dort aus der Garage Zubehör zum Bombenbau zu besorgen.

Wie der türkischstämmige Ermittler Batu im Duell mit dem deutschen Fanatiker immer wieder seine eigene Identität verschleiern, ja verleumden muss, ist große psychologische Krimi-Kunst, die sich nicht dem Zuschauer anzubiedern versucht. Wo man sonst im "Tatort" angekumpelt wird, da wird man durch den Ermittler Batu und seinen Darsteller Kurtulus herausgefordert.

Mehmet Kurtulus und der Hamburger "Tatort" sind gescheitert? Vielleicht. Aber wie großartig sie dabei doch aussahen!


"Tatort: Der Weg ins Paradies", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD (im Anschluss wird das Thema islamistischer Terror in Deutschland bei Günther Jauch verhandelt)

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