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"Tatort" über Rechtspopulismus: Falkes Kampf

Foto: NDR/ Christine Schroeder

"Tatort" über die AfD Euer Hass stärkt unsere Haltung

Die AfD ist im "Tatort" angekommen: Punkrocker Falke geht in den Clinch mit einer Rechtspopulistin. Da ist ein bisschen Pathos erlaubt.

Mit Rechten reden, wie geht das? Vielleicht so wie in diesem "Tatort", in dem ausgerechnet Kommissar Falke die Spitzenkandidatin einer rechtspopulistischen Partei schützen muss und sich deshalb in ihre Gedankenwelt begibt. Die Partei nennt sich "Neue Patrioten", befindet sich auf dem Weg in alle Parlamente auf Landes- und Bundesebene, und ihre prominenten Mitglieder spielen geschickt die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen gegeneinander aus. "Das Volk" gegen "die Eliten", Bio-Deutsche gegen Migranten. Die Alternative für Deutschland lässt grüßen.

Die Spitzenpolitikerin erhält anonyme Morddrohungen, im Netz kursieren martialische Jagdaufrufe gegen sie und es wird über weite Strecken des Krimis nicht klar, ob hinter der Bedrohung linksradikale Aktivisten oder Verschwörer aus den eigenen Reihen stecken. Dies ist ein "Tatort" mit unklaren Frontverläufen.

Umso stärker ist der konkrete Schlagabtausch, den sich die Galionsfigur der Neuen Rechten, Nina Schramm (Anja Kling), und der Billstedter Prolet Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) in einer Szene über den Dächern von Hamburg liefern. Es geht um nichts Geringeres als die Frage, wie wir leben wollen.

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Und weil sich in dem Dialog beispielhaft sowohl die Ausgrenzungsrhetorik der einen als auch die Solidaritätsbeschwörungen der anderen zeigen lassen, sei hier ausnahmsweise die Filmpassage in ihrer ganzen Pracht und Niedertracht zitiert:

Politikerin Schramm: Jetzt seien Sie doch mal ehrlich, Herr Falke. Sie werden andauernd dazu angehalten, Probleme mit bestimmten Tätergruppen zu vertuschen, weil die Politiker Angst haben. Angst vor der berechtigten Wut der Bürger vor einer verfehlten Einwanderungspolitik. Gleichzeitig streichen dieselben Politiker bei der Polizei Stellen und schaffen damit rechtsfreie Räume. Und Sie wundern sich wirklich, dass das Volk diesen Gestalten in der großen Mehrheit nicht mehr traut?

Polizist Falke: Wo ich aufgewachsen bin, hier im wunderschönen Hamburg, in Billstedt, da gab es immer schon mehr Ausländer als Deutsche, vor allem Türken. Und natürlich habe ich immer wieder auf die Schnauze bekommen, als Ungläubiger, als Kartoffel. Wissen Sie, was ich gemacht habe? Ich habe mich im Boxclub angemeldet und da waren auch die Jungs, die mir vorher aufs Maul gehauen haben. Aber als die gesehen haben, dass ich mich da angemeldet habe, waren die ganz stolz, dass ein Deutscher mit ihnen trainieren will. Der Boxclub hieß Vorwärts-Wacker 1904 e.V. Den gibt es noch immer. Der Vorsitzende heißt Ali, ist ein Freund von mir, die Trainer heißen Yusuf, Milan und Kenbala, alle ehrenamtlich, und seit 15 Jahren trainieren da auch Mädchen, viele Muslima, einige sogar mit Kopftuch. Das ist mein Deutschland.

Pathos gegen rechts

Eine Rede von sentimentaler Schönheit als Antwort auf subtile Infamie? Das mag auf den ersten Blick naiv erscheinen, und doch liegt in den von Schmerz und Glück, von wahrer Nähe und echten Erfahrungen geprägten Worten Falkes eine Kraft, die die herabsetzende, verletzende und zersetzende Sprache der Rechtspopulistin ins Leere laufen lässt. Für Falke - nicht die schlechteste Konfrontationsmaßnahme - gilt: Euer Hass stärkt unsere Haltung. Ein bisschen Pathos kann da nicht schaden.

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"Tatort" über Rechtspopulismus: Falkes Kampf

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Dabei spielt Anja Kling ihre Wutbürgerin im Businessanzug mit Zurückhaltung, alles Schrille ist aus ihre Rolle verbannt; das zwingt dazu, ihr genau zuzuhören. Die gesellschaftliche Spaltung wird von ihr in einem lakonischen Singsang vorangetrieben. Die aktuellen völkischen AfD-Poltergeister Höcke, Poggenburg und Sayn-Wittgenstein scheinen bei dieser Kunstfigur noch relativ fern.

Die fiktiven Neuen Patrioten sind im "Tatort" an einem Wendepunkt, den die reale AfD schon hinter sich hat. Im Film wird der Richtungswechsel so beschrieben: "Von einer Partei der Professoren und Europaskeptiker hin zu einer jungdynamischen rechtspopulistischen Bewegung."

Im Hintergrund grölt schon der völkische Flügel

Die zentralen Charaktere erinnern in Teilen an bekannte AfD-Politiker, von denen einige schon nicht mehr in der Partei sind: Die Spitzenkandidatin der Neuen Patrioten hat in ihrem taktischen Auftreten starke Ähnlichkeit mit Frauke Petry, der innerparteilicher Rivale im "Tatort" trägt Züge von ehemaligen Petry-Gegnern wie Bernd Lucke und Jörg Meuthen. Im Hintergrund dieses "Tatort" hört man allerdings auch schon den völkischen Flügel grölen.

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Foto: Thomas Kost / WDR

Das Problem bei der Herstellung eines "Tatort" über die AfD: Wie soll man eine Partei fiktional einfangen, die sich selbst immer wieder rechts überholt? An Brisanz fehlt es dem Krimi trotzdem nicht, denn er bildet mit dem steten innerparteilichen Kampf die Radikalisierungsdynamiken der AfD ab - und rückt die ideologischen Antreiber dieses gefährlichen Beschleunigungsprozesses in die Handlung. Hinter den Kulissen agiert hier ein Medienstratege, der an Jürgen Elsässer erinnert, Chefredakteur des rechtspopulistischen Magazins "Compact".

Dieser "Tatort" vermisst vertikal alle Gestaltungsebenen der Neuen Rechten; die Fährten ins reale politische Spektrum rechts außen sind enorm. Autor und Regisseur Niki Stein hat ein Händchen dafür, viel Realität in seine komplexen Krimis zu holen. Nach Ausstrahlung seines Verschwörungsszenarios über Stuttgart 21 fühlte sich einst Oberbürgermeister Fritz Kuhn bemüßigt, klarzustellen, dass doch alles nicht so schlimm sei wie dargestellt. Der "Tatort" als Spiegel politischer Machtkämpfe.

Der Wirbel dürfte diesmal noch größer sein. Gut möglich, dass die durch ihren Einzug in die Länderparlamente auch zum Teil in die Rundfunkräte einziehenden AfD-Abgeordneten ihren neuen Einfluss nutzen, um gegen solche Politkrimis zu trommeln. Denn der Falke-"Tatort" ist Teil eines Doppelschlags gegen rechts. Der NDR hat zeitgleich einen Rostocker "Polizeiruf" zum Thema AfD in Auftrag gegeben. Schöner Arbeitstitel: "Dunkeldeutschland". Die Folge wurde allerdings erst einmal zurückgestellt und soll nun im Frühjahr 2018 gesendet werden.

Dass nach Kommissar Falke, dem Punkrocker, Kommissar Bukow, der Grunge-Rocker unter den deutschen Fernsehkommissaren, den Diskurs mit dem Wutbürgertum fortsetzt, stimmt hoffnungsfroh. So kann es weitergehen, das Reden mit Rechten.

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Dunkle Zeit", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD