"Tatort" über Homophobie im Fußball Ich glaub, mich knutscht ein Hool!

Homosexualität und Hooliganismus: Der neue Fußball-"Tatort" aus Hannover kommt provokant, aufklärerisch und sogar ein wenig amourös daher - denn Ermittlerin Charlotte Lindholm verknallt sich. Doch zwischen Toren und Trieben geht der Blick auf das Kaputte am Kickergewerbe leider verloren.

NDR

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Im ausverkauften Stadion von Hannover 96 brandet der Applaus auf, Spieler Ben Nenbrook labt sich mit feuchten Augen am Zuspruch der Fans. Dieser Zuspruch ist nicht selbstverständlich. Denn Nenbrook, eine der Hauptfiguren im neuen Niedersachsen-"Tatort", hat sich am Tag vor dem Spiel auf einer Pressekonferenz als schwul geoutet. Und glaubt man landläufigen Spekulationen, dürfte so etwas ja durchaus ausreichen, um eine Kickerkarriere abrupt zu beenden.

Wie gesagt: Es handelt sich um Spekulationen, getraut hat sich das Bekenntnis zur eigenen Homosexualität in der Realität des deutschen Spitzenfußballs noch niemand. Die Bundesliga, offiziell ist sie eine schwulenfreie Zone. Umso utopischer wirkt die beschriebene Schlussszene des "Tatorts", in dem ganz nach Art des klassischen Sportdramas die Hauptfigur nach einer Reihe harter Prüfungen in der Arena berauscht ihre Runden drehen darf.

"Out of the closet and into the streets" hieß der Slogan der amerikanischen Schwulenbewegung, im NDR-Krimi wird er nun variiert zu: Raus aus dem Schrank, rauf auf den Rasen! Doch so volkstherapeutisch wertvoll diese letzte Szene, die übrigens bei einem realen Duell zwischen Hannover 96 und dem HSV gedreht wurde, auch sein mag - die 85 Minuten davor wirken wie ein einziger Sozio-Krimi-Bausatz.

Den Anstoß zum schwulen Emanzipations-"Tatort" soll DFB-Präsident Theo Zwanziger, der homophoben Tendenzen unter Fans bislang eher glücklos begegnet ist, höchstselbst gegeben haben. Und so offiziell der Auftrag, so behäbig die Inszenierung: Fast kein fußballkritischer Aspekt, der in "Mord in der ersten Liga" (Buch: Harald Göckeritz) nicht pflichtschuldig angerissen wird.

Zwischen den Prügelein wird poussiert

Nachdem ein Hannoveraner Spieler erschlagen aufgefunden wurde, taucht Ermittlerin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) in dem Fußball verbundene Milieus ein: Sie trifft auf Ben (Luk Pfaff), den schwulen Kumpel des Toten, der sich zum Schein ein blondes Rasenluder samt Sportwagen hält; sie trifft auf einen neureichen Manager (Alexander Held), der seine Schützlinge bei zweifelhaften Transaktionen Richtung Mailand zu verdealen sucht; und sie trifft auf Hooligans, für die Fußball nur ein Anlass darstellt, ihre Aggressionen zu kanalisieren.

Gerade beim Ausleuchten des Hooliganismus zeigt sich das Scheitern dieses gut gemeinten und in vielen Punkten extrem ambitionierten Themen-"Tatorts" drastisch. Korrekt, dass gezeigt wird, aus welch unterschiedlichen gesellschaftlichen Regionen sich die Gewaltkolonnen zusammensetzen, ein Jurist befindet sich ebenso unter ihnen wie ein Banker. Doch statt die Dynamiken innerhalb dieses Frust- und Aggressionsstroms nachzuzeichnen, gibt es nur die standardmäßigen Prügelszenen mit Parkhausflair. Regisseur Nils Willbrandt, der für den NDR gerade erst den nervenzehrenden Hamburger "Tatort" mit Mehmet Kurtulus inszeniert hat, lässt seine Schlachtenszene zu schaler Gewaltfolklore verkommen.

Mitten im gestelzten Getümmel darf sich dann Ermittlerin Lindholm auch noch in einen zarten Haudrauf verlieben: Jan Liebermann (Benjamin Sadler) ermittelt als Reporter undercover im fanatisierten Fan-Milieu und kommt der Polizistin in den Verschnaufpausen zwischen den Prügelein erstaunlich nahe. Ich glaub, mich knutscht ein Hool!

Besonders auffällig sind die Schwächen dieses amourös aufgepuschten Fußballkrimis, wenn man ihn mit Ciro Capellaris Bremer "Tatort"-Folge "Endspiel" aus dem Jahr 2002 vergleicht, in der sehr klug die Themen Homophobie, Rassismus und wirtschaftliche Ausbeutung in den unteren Regionen des deutschen Fußballs ausgeleuchtet wurden.

Wie in "Mord in der ersten Liga" nun Homophobie und Hooliganismus zusammengebracht werden, das mag aus Sicht eines Sportfunktionärs wie Theo Zwanziger zwar wahnsinnig kritisch erscheinen - die destruktiven Kraftströme innerhalb der Fußballkultur werden aber nicht wirklich offengelegt.


"Tatort: Mord in der ersten Liga", Sonntag 20.15 Uhr, ARD



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Seite 1
Sapientia 18.03.2011
1. Charlotte Lindholm verknallt sich
Zitat von sysopHomosexualität und Hooliganismus: Der neue Fußball-"Tatort" aus Hannover kommt provokant, aufklärerisch und sogar ein*wenig amourös*daher -*denn Ermittlerin Charlotte Lindholm*verknallt sich. Doch zwischen*Toren und*Trieben geht der Blick auf das Kaputte am Kickergewerbe*leider verloren. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,751130,00.html
Ziemlich oft in der letzten Zeit, oder? Kommt die Gute zu kurz?
KIRI, 18.03.2011
2. Werbung
Zitat von sysopHomosexualität und Hooliganismus: Der neue Fußball-"Tatort" aus Hannover kommt provokant, aufklärerisch und sogar ein*wenig amourös*daher -*denn Ermittlerin Charlotte Lindholm*verknallt sich. Doch zwischen*Toren und*Trieben geht der Blick auf das Kaputte am Kickergewerbe*leider verloren. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,751130,00.html
---- vorneweg...ich werde mir diese Sendung nicht anschauen. Grund: Die Tatorte mit der Nicht-Schauspielerin Burda / Furtwängler sind mir in der Regel zu langweilig, zu konstruiert und nur dazu gemacht, um der Dame ein Podium für ihre Freizeitbeschäftigung zu machen. So weit, so egal Was mich stört ist, dass SPON (und andere) ungehemmt Werbung für dieses Format übernehmen. Warum? Reicht es nicht mehr, am Montag festzustellen, das dieser Film Mist war?
README.TXT 18.03.2011
3. Tatort = Zeitgeistkitsch
Irgendwelche Modethemen von vorgestern reinverwurstet in eine Krimigeschichte, das ganze als "Anspruchsvoll" vollgepinselt ins TV gehievt, nat. mit begleitenden Presseberichten. Für so einen Dreck zahlt ihr Gebühren? Wollt ihr das wirklich sehen für euer Geld? Also ich nicht.
MPeter 18.03.2011
4. Schade
das Thema Fußball für einen Tatort hätte mich interessiert, aber die Fr. Furtwängler geht mir echt auf den Keks. Ich kann mich an kaum einen Tatort erinnern, in dem sie nicht von irgendjemandem bewundert, geliebt, verehrt, begehrt etc. wird. Das ist so unglaubwürdig und öde. So toll ist die Dame nun auch wieder nicht.
kb26919 18.03.2011
5. Wie so oft in den letzten Jahren
Zitat von sysopHomosexualität und Hooliganismus: Der neue Fußball-"Tatort" aus Hannover kommt provokant, aufklärerisch und sogar ein*wenig amourös*daher -*denn Ermittlerin Charlotte Lindholm*verknallt sich. Doch zwischen*Toren und*Trieben geht der Blick auf das Kaputte am Kickergewerbe*leider verloren. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,751130,00.html
wird diese Serie benutzt um die Leute 'umzuerziehen',ein Grund mehr sich Tatort nicht mehr anzusehen. Fernsehen sollte nicht als Propaganda Sender fuer politisch korrekte Ideen.
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