"Tatort" über sexuelle Gewalt Frau Richterin entblößt sich

Bizarr geht es am Bodensee zu: Mit Stahlmanschetten hat eine Juristin einem Angreifer die Visage eingeschlagen. Start für ein sexuelles und psychologisches Verwirrspiel - der beste "Tatort" aus Konstanz seit Jahren, urteilt Christian Buß in seiner Krimikolumne.

SWR

Zwei Kilo schwere Laufmanschetten haben sein Gesicht zertrümmert, Mitleid kommt aber nicht auf. Schließlich war der Mann, der da jetzt leblos am Kieselstrand des Bodensees liegt, von hinten an eine Joggerin herangepirscht, weil er sie offensichtlich vergewaltigen wollte. Doch das mutmaßliche Opfer Heike Göttler (Karin Giegerich), als Juristin unter dem Spitznamen "Richterin Gnadenlos" bekannt, wusste sich zu wehren. Die tödlichen Schläge mit den Sportaccessoires scheinen für die Karrierefrau nicht mehr als eine Aufwärmübung gewesen zu sein.

Als undurchsichtiges Machtszenario beginnt dieser außergewöhnlich gute Bodensee-"Tatort": Wer überwältigt hier wen? Wer hat die Fäden in der Hand, und wer lässt sich manipulieren? Wer verkörpert den Trieb und wer die Tugend? Als Lesehilfe zu diesem psychosexuellen Verwirrspiel sei Marquis de Sades SM-Klassiker "Justine oder vom Missgeschick der Tugend" empfohlen, der hier immer wieder in verschiedenster Weise zitiert wird.

"Justine" ist denn auch der Spitzname, den man der unbequemen Richterin Göttler in Justizkreisen verliehen hat - weil sie als geradezu militantes Beispiel an Tugend agiert und konsequent jeden mutmaßlichen Sexualstraftäter zu Höchststrafen verdonnert, moralische Missgeschicke inklusive.

Brutale Rollenspiele am schönen Bodensee-Strand?

Während ihrer Ermittlungen findet Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) heraus, dass eben unter dem Pseudonym "Justine" der Angreifer am Bodensee-Strand übers Internet zu einem SM-Rollenspiel eingeladen wurde. War die Attacke Teil einer Inszenierung? Ließ sich die Richterin mit den Stahlmanschetten gar bewusst auf das Spielchen ein, um einen Grund zu haben, ihre Rachephantasien auszuleben?

Dass dieses riskante temporäre Aufweichen von Opfer- und Täterstatus in "Im Netz der Lügen" (Regie: Patrick Winczewski) aufgeht, liegt vor allem an Hauptdarstellerin Karin Giegerich, die viel in italienischen und französischen Produktionen mitgespielt und sich hierzulande wacker durch den handelsüblichen Serienmüll geackert hat. Auf den ersten Blick wirkt alles an ihrer "Richterin Gnadenlos" martialisch tugendhaft, doch nach und nach öffnen sich die Facetten einer gebrochenen Persönlichkeit, ohne dass die Schauspielerin mit den üblichen Emotionalisierungstricks um Mitleid für ihre Figur buhlt.

Solch radikale Entblößungen findet man am Bodensee sonst selten. Doch Drehbuchautorin Dorothée Schön, die schon einige besonders banale Episoden aus Konstanz geschrieben hat, aber auch komplexe Gesellschaftskrimis wie "Frau Böhm sagt nein", gelingt eine echte tiefenpsychologische Durchdringung ihrer weiblichen Hauptfigur, die bei genauer Betrachtung weder als Heldin noch als Antiheldin funktioniert. Das Selbstbild der betongescheitelten Juristin als Rächerin aller geschundenen Geschlechtsgenossinnen wird im Laufe des Plots porös, sonderbarerweise aber wächst die Sympathie mit jeder ihrer Verfehlungen.

Und trotzdem taugt die Paragrafen-Amazone in ihrer Unbehaustheit und Unbedingtheit nicht zur gemütlichen Runde Rotwein mit Kommissarin Blum, obwohl die einsame Ermittlerin sich doch sonst in allen anderen Fällen die Grausamkeiten dieser Welt von der Leber zwitschert. Nach vielen Jahren mal wieder ein "Tatort" vom Bodensee, der an die Substanz geht.

"Tatort: Im Netz der Lügen", Sonntag 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 10 Beiträge
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tz88ww 25.03.2011
1. Nun, ja!
Ich würd mal sagen, dass klingt alles eher ziemlich hanebüchen als spannend.
kästchen 25.03.2011
2. ...
Der "Professor Lorenz" soll wohl nach Cal Lightman, Hauptrolle der Serie Lie to me, gestaltet sein oder wie?
thomas l. 25.03.2011
3. Wann?
Wann wird denn mal über einen Tatort auf Spiegel geschrieben, der nicht aus Süddeutschland kommt? *fg*
Haddock01 25.03.2011
4. Vor genau einer Woche
Zitat von thomas l.Wann wird denn mal über einen Tatort auf Spiegel geschrieben, der nicht aus Süddeutschland kommt? *fg*
Um exakt zu sein: Genau vor einer Woche am 18. März. Die Suchfunktion hätte Ihnen geholfen. Mann oh Mann..... http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,751130,00.html
Wattläufer 25.03.2011
5. Krimis
Das liest sich wieder einmal so wie ein typisch realitätsfremder Tatort, wie wir ihn in der letzten Zeit viel zu oft gesehen haben. Hat man Frau Heisig (RIP) von Berlin an den Bodensee verlagert ? Die Bodenseekrimis sind nicht die schlechtesten aber ich freue mich heute auf "Kommissarin Lund" auf neo und Stieg Larsson am Dienstag, ebenfalls auf neo. Das sind Krimis, denen kann der "Tatort" nicht ansatzweise das Wasser reichen.
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