Krimi-Saison 2020/2021 Über diese "Tatorte" werden Sie streiten

Wende-Wut in Berlin, linker Kampf in Zürich, Frauenhass in Kiel, Mafiaterror in Dortmund und München: Das sind die neuen "Tatorte", die bald für Diskussionen sorgen werden.
75 Jahre deutsche Geschichte: Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) mit Leiche

75 Jahre deutsche Geschichte: Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) mit Leiche

Foto:

Stefan Erhard / rbb

Rubin, Karow und die deutsche Schuld

Drei Gesellschaftssysteme, drei Generationen Schuld, 75 Jahre deutsch-deutsche Geschichte. Zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung wird in Berlin wieder tief gegraben, sehr tief. Der Patriarch eines Bauclans liegt erschossen auf dem Balkon seiner Firma; um den Hals eine Tafel mit der Naziparole "Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen".

Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) steigen in die vertrackte Geschichte einer Familie ein, in der jedes Mitglied stellvertretend für einen eigenen Umgang mit Schuld und Verdrängung steht. Vom westdeutschen Bauunternehmer, der in Israel ein Schoah-Zentrum baut, über den ostdeutschen Rechtspopulisten von einer Partei namens Völkische Front, der den Holocaust als Lappalie abtut, bis zum jungen Linksradikalen, der sich in Hass und Liebe zu Vater und Großvater verzettelt.

Das hätte leicht zum überkonstruierten Polittableau werden können, hier aber führen die genauen Dialoge und stimmigen Twists von Drehbuchautor Christoph Darnstädt - schrieb zuvor die Tschiller-"Tatorte" - tief in die schuldhaften Verstrickungen einer Familie. Berlin als Topografie des deutsch-deutschen Horrors. Bewegend. (Ausstrahlung: 4. Oktober 2020).

Punks gegen Polizei: Carol Schuler (l.) und Anna Pieri Zuercher beim Dreh ihrer ersten "Tatort"-Folge

Punks gegen Polizei: Carol Schuler (l.) und Anna Pieri Zuercher beim Dreh ihrer ersten "Tatort"-Folge

Foto: Sava Hlavacek / Sava Hlavacek / SRF

Grandjean, Ott und der Punkrock

Züri brennt! Auch der neue Schweizer "Tatort" will die politischen Kämpfe der Vergangenheit mit denen der Gegenwart verknüpfen. Nach dem Fund einer verbrannten Leiche wird das neue Ermittlerduo um Fallanalytikerin Tessa Ott (Carol Schuler) und Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) in einen Fall gezogen, für den sie ins Jahr 1980 zurückblicken müssen, als in Zürich Schlachten zwischen Polizisten und Punks tobten.

Zum Auftakt des renovierten Schweizer "Tatort" geht es also urban und hochpolitisch zu. So, als wollte man den klaren Bruch mit dem Vorgänger-Revier im beschaulichen Luzern herausstellen. Die Truppe um den von Stefan Gubser gespielten Kommissar Flückiger war in Folgen von höchst unterschiedlicher Qualität zu sehen. Es gab Highlights wie den Fall, der in einer Einstellung daher kam - die Abschiedsfolge aber, in der sich die Verantwortlichen in Verschwörungstheorien verrannten, war ein wahrer Tiefpunkt.

Umso mehr hoffen wir nun, dass die Modernisierungsbemühungen mit dem Frauendoppel fruchten. Mit Profiler-Darstellerin Carol Schuler ist immerhin eine Darstellerin an Bord, die schon ganz vorn im neuen deutschen Serien-Fernsehen mitgemischt hat: Ihr Auftritt als kurdische Kampf-Rapperin in dem Hip-Hop-Panorama "Skylines" bei Netflix war Furcht einflößend gut (Ausstrahlung: 28. Oktober).

Erhöhtes Ermittler-Aufkommen: Jörg Hartmann (l.), Miroslav Nemec (2.v.l.), Aylin Tezel und Udo Wachtveitl im Jubiläums-"Tatort"

Erhöhtes Ermittler-Aufkommen: Jörg Hartmann (l.), Miroslav Nemec (2.v.l.), Aylin Tezel und Udo Wachtveitl im Jubiläums-"Tatort"

Foto: © Frank Dicks / Frank Dicks/ WDR

Batic, Leitmayr, Faber und die Mafia

Am 29. November 1970 lief mit "Taxi nach Leipzig" der erste "Tatort", das 50-jährige Jubiläum soll mit einer Doppelfolge mit Münchner und Dortmunder Team gefeiert werden. Der Weg dahin war über Strecken eine Zitterpartie. Denn beim Lockdown im März 2020 fehlten noch einige Szenen des Münchner Parts, und der Dreh des Dortmunder Strangs hatte noch gar nicht begonnen.

Der besondere Druck im Gegensatz zu anderen TV-Produktionen während des Corona-Stresstests: Man wollte das Drehbuch des ambitionierten Crossover-"Tatort" (Bernd Lange) nicht umschreiben, um leichter mit den neuen Hygiene-Anforderungen umgehen zu können, und man hatte außerdem den 29. November als Deadline im Nacken. Inzwischen sind alle Szenen im Kasten.

Wir dürfen großes "Tatort"-Kino erwarten von diesem zweiteiligen Epos um eine Familien-Pizzeria, die in Mafia-Geschäfte verstrickt ist. Regie des Münchner Teils führte Dominik Graf ("Im Angesicht des Verbrechens"), der einige der besten deutschen Gangsterthriller in Szene gesetzt hat; Regie des Dortmunder Teils führte Pia Strietmann, die vergangenes Jahr den gefeierten High-End-Großstadtschocker "Unklare Lage" geliefert hat (Ausstrahlung: Spätherbst 2020).

Im Angesicht des Frauenhasses: Axel Milberg (l.), Almila Bagriacik und Thomas Kügel während einer Drehpause

Im Angesicht des Frauenhasses: Axel Milberg (l.), Almila Bagriacik und Thomas Kügel während einer Drehpause

Foto: Christine Schroeder / NDR

Borowski, Sahin und der Frauenhass

Bislang hat sich das Team um den alteingesessen Klaus Borowski (Axel Milberg) und die relativ neue Mila Sahin (Almila Bagriacik) noch nicht recht eingespielt. Die aus "4 Blocks" bekannte Bagriacik müsste einfach mal einen stärkeren Part bei den Ermittlungen bekommen. Vielleicht klappt das ja beim nächsten Fall.

Der Plot dreht sich um Frauenhass im Netz: Nachdem neben einem Klub die Leiche einer Frau gefunden wurde, sehen sich Borowski und Sahin mit Sympathisanten der Incel-Bewegung konfrontiert, mit Männern also, die in Internetforen ihre Misogynie ausleben. Ein extrem dringliches Thema - das aber auch extrem schwierig umzusetzen ist. Wie stellt man Frauenhass dar, ohne den Frauenhassern das Wort zu geben? Regie führte Nicole Weegmann, die zuvor schon das Love-Parade-Drama "Das Leben danach" inszenierte und sich mit schwierigen Stoffen auskennt.

Ein besonderes Highlight könnte der Auftritt von Arnd Klawitter werden, der sich als Spezialist für prägnante "Tatort"-Episodenrollen etabliert hat. Wo er auftritt, wird es meist ein wenig eklig und zugleich sehr virtuos. Hier mimt er einen großspurigen Pick-up-Artist, also einen Macho, der das "Abschleppen" zur vermeintlichen Kunstform erhoben hat (Ausstrahlung: Winter 2020/2021).

Wie geht "Tatort"? Jasna Fritzi Bauer (l.), Dar Salim und Luise Wolfram

Wie geht "Tatort"? Jasna Fritzi Bauer (l.), Dar Salim und Luise Wolfram

Foto: Radio Bremen

Moormann, Andersen, Selb und die Neugeburt

"Online first!" Das ist die neue Devise der ARD, wo man jetzt alle wichtigen Produktionen vor der linearen Ausstrahlung in die Mediathek stellt. Beim "Tatort" wird das nicht passieren - den weiterhin mit Spitzenquoten gesegneten Krimi will man als letztes großes Lagerfeuer im deutschen Fernsehen bewahren. Aber beim Bremer "Tatort" gibt es trotzdem einen schönen Tribut an die Mediatheken-Gläubigkeit: Bevor das neue Team mit der Produktion der ersten Folge beginnt, drehen die Darsteller eine Mockumentary für das Netz.

Zurzeit stehen Linda Selb, Dar Salim und Jasna Fritzi Bauer vor der Kamera, um in "How to Tatort" selbstironisch zu zeigen, unter welchem Druck man steht, wenn man den prestigeträchtigen Job in der altehrwürdigen Reihe ergattert. Produziert werden die sechs mal zehn Minuten von der bildundtonfabrik, die auch die Comedy "How to Sell Drugs Online (Fast)" für Netflix an den Start brachten. Dass Darstellerin Bauer schon bei der grausam komischen Promi-Pseudo-Doku "Jerks" mitgemacht hat, kann den Fun am Fake nur erleichtern.

Erst nach Fertigstellung der Mockumentary wird dann ab November die reguläre Einstandsepisode um das Team Liv Moormann (Bauer), Mads Andersen (Salim) und Luise Wolfram (Selb) gedreht. In den alten Bremer "Tatorten" mit Sabine Postel und Oliver Mommsen glückte es ja immer wieder, schwierige gesellschaftliche Themen mit gewagten Erzählkonzepten zu kombinieren. Dass das so bleiben könnte, dafür spricht zumindest die Auswahl des Autors: Christian Jeltsch schrieb einige der brisantesten Polit-"Tatorte" für Radio Bremen, unter anderem einen über einen Frontex-Einsatz (Ausstrahlung: Sommer 2021).

Fotostrecke

Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Die Sonntagskrimi-Saison in der ARD beginnt am 6. September mit einem "Tatort" aus Wien. Lesen Sie dazu wie gewohnt am Freitag auch unsere "Fadenkreuz"-Kolumne und am Sonntag den Schnellcheck.

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