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"Tatort"-Jubiläumsfolge: Geliebtes Geschwür

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Spektakuläre "Tatort"-Jubiläumsfolge Tukur und der Tumor

Was für ein Geburtstagsgeschenk! Zum 40-jährigen Jubiläum des "Tatorts" gibt Ulrich Tukur ein brillantes Debüt als Kommissar - mit einem Krebsgeschwür, das einen Namen trägt: Lilly.

Seine Freundin sieht aus wie eine Haselnuss und haust in seinem Schädel. Die Ärztin nennt das Ding Tumor, er nennt es zärtlich "Lilly". Im Gegensatz zu den vielen einsamen Wölfen im deutschen Fernsehkrimi hat der Wiesbadener LKA-Ermittler Felix Murot immerhin jemanden, mit dem er reden, lachen und singen kann. Oft hält er Zwiesprache mit dem Geschwür im Kopf, manchmal spielt er ihm auf dem Klavier "Lili Marleen" vor.

Ulrich Tukur

Keine Frage, der neue hessische "Tatort" hätte das Zeug dazu, als bizarrste One-Man-Show der Krimireihe in die Fernsehgeschichte einzugehen: Einmal im Jahr wird zukünftig in die Rolle des LKA-Mannes schlüpfen, dabei darf er alle Register als Egomane und Swingboy ziehen, inklusive kunstvoll improvisierter Nostalgie-Hits am Piano. Der Name des Tumors, das nur nebenbei, soll eine kleine Hommage an Tukurs reale Tochter Lilli sein. Es ist nicht bekannt, wie sie das findet.

Tukurs wunderbar gewagter neuer Wiesbadener "Tatort" fungiert als Ersatz-TV-Revier jenes "Polizeirufs", den der Hessische Rundfunk einst jährlich mit Jan-Gregor Kremp in Bad Homburg drehte, 2008 aber wegen flauer Quoten einstellte. Nach dem Abgang von Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf beim HR wird es dann ab 2011 zusätzlich auch wieder ein neues Frankfurter "Tatort"-Team geben, das zwei- bis dreimal jährlich seine Runden durch die Bankenmetropole zieht.

"Tatort"

Für Tukur wird sich solche Routine nicht einstellen, in seinem genießt er sowieso Narrenfreiheit - was das ganze Unterfangen nah an den inszenatorischen Abgrund treibt: Schließlich nervten die ewigen Ego-Performances hinterm Piano des eigentlich brillanten Kremp beim Bad Homburger "Polizeiruf" auf Dauer. Der Mann klimperte und trällerte sich vom eigentlichen Fall weg - und verspielte jegliche gesellschaftspolitische Relevanz.

"Ewiger Unruhezustand"

Genau das aber passiert zum Glück bei der großen Tukur-Show nicht. Regisseur Achim von Borries ("Was nützt die Liebe in Gedanken") und Drehbuchautor Christian Jeltsch, dessen Neudefinition des Fernsehkommissars im ProSieben-Format "Kreutzer" leider gerade in die Hose gegangen ist, finden in der Einstiegsepisode "Wie einst Lilly" einen riskanten, aber durchaus effizienten Weg, über das Tumortreiben im Schädel des Ermittlers auf die Wucherungen der jüngeren deutschen Zeitgeschichte zu kommen: Es geht um nichts Geringeres als immer noch nicht endgültig geklärte Attentate der RAF.

Samt frisch diagnostiziertem Tumor reist Kommissar Murot am Anfang in seine alte Heimat am Edersee, auf dem ein Angler ermordet wurde, der in Verbindung stand zum bewaffneten Widerstands. Die Ermittlungen führen zurück zu einem Terroranschlag in den achtziger Jahren, den Murot als junger BKA-Mann untersuchte. Damals war er vom Fall abgezogen und zum LKA versetzt worden, weil er die falschen Fragen stellte. Jetzt muss er sie alle noch einmal stellen.

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"Tatort" Frankfurt: Abschied von Sänger und Dellwo

Foto: Werner Baum/ picture-alliance/ dpa

Eine der stärksten Szenen spielt im Eigenheimkeller eines Ex-BKA-Bosses: Zwischen verstaubten Akten zieht sich die Zeit bleiern dahin, der Deutsche Herbst ist hier unten noch lange nicht vorbei. Rentner Paul Krafft (Vadim Glowna), einst Vize bei den nationalen Verbrechensbekämpfern in Wiesbaden, hortet unterm Haus Unterlagen, die angeblich so brisant sind, dass sie man sie noch immer nicht im Zentralrechner eingespeist hat. "Ewiger Unruhezustand beim Thema RAF", nuschelt der Antiterrorkämpfer im Ruhestand.

Wie sich herausstellt, wurden damals wichtige Hinweise von V-Leuten im bewaffneten Untergrund unterschlagen. Durch die bewusst nicht vereitelten Attentate versprachen sich die BKA-Verantwortlichen, repressive Maßnahmen bei der RAF-Bekämpfung durchsetzen zu können. Ziel, so der fahle BKA-Greis Krafft, sei ein starker Staat gewesen.

Mit Rotwein zur Rolle überredet

Auf diese Weise schenkt der Hessische Rundfunk dem "Tatort" zum 40-jährigen Jubiläum an diesem Wochenende ein brisantes Highlight - spiegeln die Verwicklungen in diesem RAF-Krimi doch frappierend die aktuellen Erkenntnisse und Mutmaßungen, die durch die Wiederaufnahme des Mordfalls Buback in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen sorgten.

Zum "Tatort"-Jubeltag wird somit ein Stoff aufgegriffen, der in der Reihe bislang vernachlässigt wurde: Während in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Folgen der Wiedervereinigung wieder und wieder thematisiert wurden, traute man sich an die blinden Flecken der RAF-Zeit nie wirklich heran. Die explizite Verhandlung des Sujets war bislang geradezu ein Tabu; lediglich Radio Bremen traute sich im Jahr 2002 in Anspielung auf die Vergangenheit des damaligen Außenministers Joschka Fischer und dessen Sponti-Vergangenheit mit der Folge "Schatten" in die Nähe des Themas.

So gesehen beweist sich der HR, der schon mit seinen jüngsten Frankfurt-"Tatorten" ästhetisch und politisch die Schmerzgrenzen des ARD-Primetime-Publikums auslotete und dafür auch immer wieder miese Quoten in Kauf nahm, ein weiteres Mal als unbequemste aller ARD-Rundfunkanstalten. Zur Geburtstagsfolge, Respekt, schickt man gar eine böse Grußadresse an das im Sendegebiet beheimatete BKA in Wiesbaden.

Wie es weitergeht mit Felix und Lilly? Über die Beschaffenheit seines Tumors will Ermittler Murot überhaupt nichts wissen. Ob man ihn entfernen könnte, ob er tödlich ist - darüber lässt er sich selbst und damit auch den Zuschauer im Unklaren. Der Egomane Tukur, der - wie er selbst dem SPIEGEL sagte - nur unter starkem Rotweinkonsum der Rolle zugeführt werden konnte, hat sich damit eine bequeme Ausstiegsklausel geschaffen. Wir hoffen inständig, dass er die nächsten Jahre keinen Gebrauch von ihr macht.


"Tatort: Wie einst Lilly", 20.15 Uhr, ARD

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