Erster "Tatort" aus Zürich Punk ist nicht tot, er macht nur ein Nickerchen

Neue Ermittler, alter Fall, offene Wunden: Der erste "Tatort" aus Zürich führt in die Punk-Proteste der frühen Achtziger. So explosiv kann es gern weitergehen.
Tessa Ott (Carol Schuler, M.) und Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher): Grenzgängerinnen zwischen den Systemen

Tessa Ott (Carol Schuler, M.) und Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher): Grenzgängerinnen zwischen den Systemen

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Sava Hlavacek / SRF

Wie viel explosive Energie doch in den morschen Knochen der Menschen steckt, die in diesem "Tatort" um die Deutungshoheit über die Vergangenheit streiten. Eine Brandleiche und Knochenfunde führen die Ermittlerinnen zurück ins Jahr 1980, als in Zürich die sogenannten Opernhauskrawalle zwischen Punks und Polizei tobten. Unter dem neobürgerlichen Burgfrieden schlummert noch immer die alte Verachtung für die andere Seite, die offenbar jederzeit in Gewalt umschlagen kann.

Der einstige linksradikale Rädelsführer, der nun Chefredakteur der großen konservativen "Zürcher Tageszeitung" ist. Der Polizeiveteran, der auf seine Verrentung in allen Ehren wartet. Die Grande Dame des Zürcher Punkrock, die auch jenseits der 60 noch im ehemals umkämpften Kulturzentrum Rote Fabrik Konzerte gibt - für sie alle sind trotz des schönen Arrangements offensichtlich noch nicht alle alten Rechnungen beglichen.

"Besser angezogen und ne Vagina, aber immer noch die gleichen Arschlöcher bei den Bullen." So zischt die alte Punk-Lady, nachdem sie von einer der jüngeren Ermittlerinnen vor dem Auftritt mit der Drohung "Keine Namen, kein Konzert" unter Druck gesetzt wurde, alte Weggefährten zu verraten. Es scheint nicht viel zu brauchen, um den Unmut aller Charaktere wieder gefährlich aufflammen zu lassen. Die Asche von damals glimmt noch.

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Die Vergangenheit lodert weiter

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Als Brandbeschleuniger wird am Anfang des "Tatort" die Punk-Hymne "Züri brännt" der Band TNT  gespielt, 42 Sekunden geballte Wut gegen das Schweizer Establishment, die noch heute sehr attraktiv und aggressionsfördernd klingen. Dazu gibt es reichlich Bildmaterial aus dem Mai 1980, wo sich junge Menschen und Ordnungskräfte Auseinandersetzungen lieferten.

Die Wut entfachte sich damals daran, dass der Zürcher Stadtrat zwar 60 Millionen Franken für die Renovierung des Opernhauses genehmigte, aber gleichzeitig die Forderungen nach einem autonomen Jugendzentrum ablehnte. Hunderte Verletzte soll es damals auf beiden Seiten gegeben haben.

Grenzgängerin zwischen den Systemen

40 Jahre später werden in diesem "Tatort" der Schädel und die Knochenreste einer jungen Frau gefunden, die wohl auf ganz eigene Weise an den Krawallen beteiligt war: Bei dem Opfer handelt es sich um eine Polizeischülerin, die als Maulwurf in der linksautonomen Szene eingesetzt wurde. Sie war eine Grenzgängerin zwischen den Systemen.

Gleiches gilt für die Profilerin Tessa Ott (Carol Schuler, "Skylines"), die zwar aus besten Zürcher Kreisen stammt, aber verdrahtet ist mit der alten linksradikalen Szene. Sie trifft bei ihrem ersten Job auf die abgeklärte Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher), die zuvor als Ermittlerin für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag in Ex-Jugoslawien Massengräber aushob.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: SWR/Daniel Dornhöfer

Bis letztes Jahr ermittelten in der Schweiz Stefan Gubser und Delia Mayer in Luzern, viele ihrer Fälle scheiterten auch daran, dass die Ermittlercharaktere so plakativ in Szene gesetzt wurden. Das ist jetzt bei dem neuen Zürcher Team trotz der auffälligen Rollenbiografien nicht so: Bei Grandjean blitzt trotz ihres Auftretens als fleißiges Knochensammler-Lieschen erheblicher Karrierewille auf, und Ott verbirgt hinter dem schnoddrigen Punkrock-Gestus ein bürgerliches Ich.

Dialog zu diesem Thema: Ott starrt mit einem Kollegen auf den Bildschirm, wo ein altes Video aus dem Jahr 1980 mit dem späteren Opfer läuft. Ott sagt: "Zwei Leben in einem, Polizistin und Punk." Fragt der Kollege: "Und wer bist du alles?" Antwortet Ott: "Ein ungelöster Konflikt." Diese Widersprüche passen bestens in einen Fall, bei dem die Fronten zwischen anti und arriviert streckenweise sehr fließend verlaufen.

Das Drehbuch stammt von dem Schriftsteller Lorenz Langenegger und Stefan Brunner, der die Netflix-Serie "Freud"  mitschrieb und die "Tatort"-Folge mit Gubser und Mayer, die in einem Take aufgenommen wurde und einen der wenigen Höhepunkte des Luzerner Reviers darstellt. "Züri brennt" (Regie: Viviane Andereggen) verfügt über eine ebensolche Grandezza und Energie.

Nach der brillanten Berliner Folge über 75 Jahre deutsche Geschichte ein weiterer "Tatort" darüber, dass historische Ereignisse auch Jahrzehnte später noch lange düstere Schatten werfen. Dass dabei die Stimmung der frühen Achtziger so gekonnt in die Gegenwart der alt gewordenen Charaktere geholt wird, ist ein weiterer Bonus. Punk ist nicht tot, er macht nur ein Nickerchen.

Brennpunkt: 8 von 10 Punkten

"Tatort: Züri brännt", Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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