"Team Wallraff" bei RTL Undercover in der psychiatrischen Steinzeit

Das "Team Wallraff" bei RTL suchte verdeckt nach Missständen in psychiatrischen Einrichtungen und wurde fündig. Ein erschütternder Bericht - mit an einer Stelle leider zweifelhaft montierten Bildern.
Von Klaus Raab
Günter Wallraff

Günter Wallraff

Foto: TVNOW

Am Ende zeigt Günter Wallraff ein positives Beispiel: Er besucht, nun ohne versteckte Kamera, eine geschlossene psychiatrische Einrichtung in Herne, in der allerdings die Türen alle offen sind. In der sich Menschen miteinander beschäftigen, statt nur gelangweilt auf Fluren zu stehen und allmählich zu verzweifeln. Als Botschaft an Menschen, die ärztliche Hilfe brauchen, ist das unbedingt von Bedeutung: Ja, natürlich kann man welche bekommen!

Vorher allerdings geht es fast ausschließlich um zum Teil erschreckende Missstände in anderen psychiatrischen Einrichtungen. Das "Team Wallraff", das Reporterteam um Wallraff, hat sich während der Recherchen für die neueste Folge der RTL-Reihe, die diesmal "Hinter geschlossenen Türen" heißt, "undercover in Psychiatrien und Jugendhilfe" begeben. Aus einer Reporterin wird im Lauf des Films die Pflegepraktikantin Petra auf der Akut-Station einer Psychiatrie in Frankfurt. Ein Reporter wird zu Praktikant Phil. Und eine Pädagogin arbeitet in Wallraffs Auftrag als Betreuerin Melanie in einem Haus in der Eifel. Es wird an Frisur, Brille und Kleidung gebastelt, und dann geht es mit versteckter Kamera los.

Das Versprechen einer versteckten Kamera ist, dass sie Zustände sichtbar macht, die sonst kaum sichtbar gemacht werden könnten. Die Idee, die Wallraff seit Jahrzehnten verfolgt, ist, dass verdeckte Rechercheure Transparenz schaffen, indem sie sich eine Tarnkappe aufsetzen: Sie sind als Reporter nicht bemerkbar, können aber als solche agieren. So ist es auch in diesem Film der Reihe, in dem die heimlich gefilmten Gesichter mit einem Milchglasschleier unkenntlich gemacht und die meisten Stimmen verfremdet sind. Er setzt ganz auf die Kraft seiner Bilder, und seien sie noch so undeutlich.

Fiese Worte und Urinlachen

Die Verzweiflung einer depressiven Patientin, die in Lackschuhen auf ihrem Bett sitzt und ob des Gebrülls um sie herum "fix und fertig" ist, wie sie sagt, kommentiert eine offensichtlich überforderte Pflegerin im Personalraum mit den Worten, das sei ihr vielleicht "eine Lehre", und sie überlege sich beim nächsten Mal besser, ob es "notwendig ist, suizidale Äußerungen zu machen".

Man sieht eine Urinlache in einer Ecke, die, wie einer der Reporter, der sich als Praktikant eingeschleust hat, sagt, auch nach drei Stunden noch nicht weggeputzt sei. Kranke werden fixiert, angeblich tagelang.

Tür zu einem Keller - in dem das "Team Wallraff" Missstände wittert

Tür zu einem Keller - in dem das "Team Wallraff" Missstände wittert

Foto: TVNOW

Und es geht um Strafmaßnahmen wie Essensentzug oder um einen Deeskalationsraum in einer Jugendhilfeeinrichtung, in den - laut Filmteam wider die Empfehlung der zuständigen Behörden - junge Leute zum Teil über mehrere Tage gesperrt würden, wenn sie "was angestellt" haben; ohne Tageslicht, längere Zeit unbeobachtet, angeblich zeitweise mit Eimer statt mit Toilettenzugang (was die Einrichtung bestreitet).

Eine "weitere Entmündigung"

Expertinnen und Experten kommentieren zwischendurch den "extrem unfreundlichen Ton des Umgangs", die "weitere Entmündigung" der Patienten. Die Zustände auf der überbelegten Akut-Station in Frankfurt, wo eine Arztvisite in einer Szene nur 16 Sekunden dauert, wo Patienten dem Film zufolge ruhiggestellt statt therapiert werden, nennt ein Facharzt "psychiatrische Steinzeit".

Wie häufig, wenn Günter Wallraff, der dem Reporter-Team Namen und Expertise leiht und die Szenen zum Teil aus dem Off kommentiert, seine Finger im Spiel hat, geht es um den Neuigkeitswert der Recherchen allein bei alldem weniger. Auf welchen Stationen sich Menschen schlecht behandelt fühlen, kann man in ähnlicher Form auch auf Portalen wie klinikbewertungen.de  nachlesen. Es geht vielmehr darum, Aufmerksamkeit zu schaffen für ein Thema, das Menschen umtreibt, die diesbezüglich keine große Durchschlagskraft haben.

Szene aus "Team Wallraff" mit sadistischen Monologen

Szene aus "Team Wallraff" mit sadistischen Monologen

Foto: TVNOW

Wallraff selbst teilte vor der Ausstrahlung mit, dass "noch nie in dieser Massivität versucht worden" sei, eine Sendung der Reihe "im Vorhinein zu verhindern". Natürlich schuf er auch damit Aufmerksamkeit. Er kündigte sogar schon vor Ausstrahlung Reaktionen von Behörden und Politik an, ohne einen Konjunktiv zu bemühen: "Hier wird sich einiges dort ändern."

Aufregung im Essensraum

Mit einer Szene schadet das "Team Wallraff" seinem Anliegen allerdings womöglich, weil sie die Glaubwürdigkeit beschädigt: In einer Jugendhilfeeinrichtung für Menschen mit psychischen Problemen gibt es Aufregung im Essensraum, als ein aufgebrachter Teenager plötzlich zum Fenster rennt. Die verdeckte Reporterin vom "Team Wallraff" kommentiert, er versuche hinauszuspringen. "Ein anderer Bewohner kann ihn im letzten Moment daran hindern. Was hier im Raum keiner mitbekommt, aber eine unserer Kameras zufällig aufnimmt: Der 13-Jährige läuft ins Nebenzimmer, klettert aus dem Fenster auf ein Vordach und lässt sich an einer Metallkette herab auf den Boden. Dann rennt er weg."

In der nächsten Szene wird das Fenster geöffnet, und die Reporterin richtet ihre versteckte Kamera nach unten. Draußen liegt Schnee. Die besagte Kamera aber, die den 13-Jährigen von außen zufällig beim Türmen gefilmt haben will, zeigt einen schneefreien Parkplatz. (Hier können sie die Reportage in der Mediathek anschauen. )

Wie kann das sein? Wurde die Schneeszene an einem anderen Tag nachgedreht? Oder was zeigen die Bilder, wenn nicht das, was der Text sagt? Wo kommen sie her? Und wie in den Film? (RTL hat zu der fraglichen Szene inzwischen Stellung bezogen.)

Die politische Ursachenforschung für die Zustände, die im Film nach vielen Beispielen in überzogener Kürze auch noch betrieben wird, läuft letztlich auf eine von der Politik beförderte Ökonomisierung des medizinischen Bereichs hinaus. Auf eine zu große Dominanz der Verwaltung über die Mediziner. Auf Überbelegung und Überforderung. "Einen regelmäßigen Psychiatriereport im Auftrag der Bundesregierung", fordert deshalb Jann Schlimme, ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der im Film auftritt - sowie "Transparenz über das, was in geschlossenen Psychiatrien vor sich geht".

Man ist sofort bereit, ihm zustimmen: Ja, Transparenz wäre wohl die Voraussetzung - alte Wallraff-Schule. Die Frage, wie transparent die Montage seines Films ist, die bleibt allerdings auch.

Anmerkung der Redaktion: RTL hat zu den fraglichen Szenen inzwischen Stellung bezogen, dieser Text wurde darum aktualisiert.

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