"Team Wallraff" über Psychiatrie-Missstände RTL erläutert unglückliche Bildmontage

Mit einer Reportage aus der Reihe "Team Wallraff" wollte RTL Missstände in psychiatrischen Einrichtungen aufdecken. Nun erklärt der Sender eine irreführende Sequenz und berichtet über Ärger im Vorfeld - juristische Konsequenzen fürchtet er aber nicht.

Von Klaus Raab


Die am Montag ausgestrahlten Folge der RTL-Reihe "Team Wallraff" ist ein eindrückliches Dokument der Missstände in einigen psychiatrischen Abteilungen in Deutschland.

Die Reporter um Günter Wallraff haben sich dafür undercover in entsprechende Einrichtungen begeben, der Film setzt ganz auf die Kraft der heimlich gemachten Bilder, die zum Teil schlimme Zustände offenbaren.

Eine Szene deutet allerdings auf eine Unsauberkeit in der Montage der Bilder hin. Während in einer Szene Schnee zu sehen ist, liegt in der Szene unmittelbar zuvor noch keiner. Der Sender hat sich dazu nun auf SPIEGEL-Nachfrage geäußert. Und gibt an, eine Bildabfolge sei nicht abends - direkt im Anschluss an die vorangegangene Handlung - gedreht worden, wie im Film insinuiert wird, sondern erst tags darauf, nach Schneefall.

Es geht um eine Szene in einer Jugendhilfeeinrichtung für Menschen mit psychischen Problemen. Dort gibt es Aufregung im Essensraum, als ein Teenager plötzlich zum Fenster rennt. Die verdeckte Reporterin kommentiert, er versuche hinauszuspringen. Anschließend heißt es: "Was hier im Raum keiner mitbekommt, aber eine unserer Kameras zufällig aufnimmt: Der 13-Jährige läuft ins Nebenzimmer, klettert aus dem Fenster auf ein Vordach und lässt sich an einer Metallkette herab auf den Boden. Dann rennt er weg."

"Team Wallraff"-Grafik
TVNOW

"Team Wallraff"-Grafik

In der nächsten Szene wird das Fenster geöffnet, und die Reporterin richtet ihre versteckte Kamera nach unten. Draußen liegt Schnee. Die besagte Kamera aber, laut RTL eine fest installierte GoPro, die den 13-Jährigen von außen gefilmt haben will, zeigt einen schneefreien Parkplatz.

Schnee oder kein Schnee?

Von RTL heißt es, die Reporterin habe erst bei der Auswertung der GoPro-Aufnahmen am Abend im Hotel "den tatsächlichen Fluchtweg des Jungen" gesehen. "Daraufhin hat sie am nächsten Morgen bei der ersten möglichen Gelegenheit die Höhe noch einmal dokumentiert. In der Nacht hatte es geschneit." Für die Dokumentation sei es dabei "völlig unerheblich, wann der Blick aus dem Fenster gedreht wurde, weil die Höhe" zwischen Fenster und Boden "sich über Nacht nicht geändert hat".

Dass die Filmemacher diesen nachträgliche Zusammenschnitt nicht im Film offen gelegt haben, ist unter dokumentarischen Gesichtspunkten allerdings sehr unglücklich. Zumal die Reportage immer wieder in ihrer Machart den Anspruch der absoluten Authentizität behauptet. Rechtliche Konsequenzen wird dies freilich nicht haben - obwohl schon vor der Sendung es extrem viele Abmahnungen und andere juristische Androhungen gegen RTL gegeben haben soll -, er wirkt sich aber auf jeden Fall etwas auf die Glaubwürdigkeit der eigentlich erschütternden Reportage aus.

RTL selbst sieht in der betreffenden Bildmontage kein Problem. Grundsätzlich, so der RTL-Sprecher, könnte man "jede einzelne Situation lückenlos" aus dem Filmmaterial beweisen, "weil die versteckten Kameras ohne Unterbrechung durchlaufen. Dies legen wir auch - wenn erforderlich - dem Gericht vor." Sinnenstellende Zusammenschnitte würden "in den sicher zu erwartenden juristischen Auseinandersetzungen erhebliche Probleme machen und entspräche auch nicht unserem journalistischen Selbstverständnis."

Anmerkung der Redaktion: RTL hat zu den fraglichen Szenen inzwischen Stellung bezogen, dieser Text wurde darum aktualisiert.



insgesamt 18 Beiträge
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iffelsine 19.03.2019
1. Für die Quote macht RTL alles !
Wir schauen uns "Team Wallraff" gar nicht mehr an - die zweite Silbe des Namens gibt ja schon die Richtung vor. Das Ganze sieht auch mehr so aus wie die restlichen Sozial-Dokus wie "Verklag mich doch" und Co., in einer meiner Wohnungen haben sie mal eine Episode der "Mieten oder kaufen" - Dokus gedreht. Alles fake, abgesprochene Dialoge, Daten und Fakten zur Wohnung wurden komplett gegen "passende" ausgetauscht, ich habe die Wohnung im Film dann kaum wiedererkannt.
udoklaudia 19.03.2019
2.
Die Mitarbeitenden Menschen in diesen Einrichtung sind tagtäglich diesen Situationen ausgesetzt, nicht nur um Mal eben eine Reportage zu machen, sie sind abhängig angestellt und haben nicht die Möglichkeit einfach ihren Beruf oder ihre Stelle zu wechseln. Es darf natürlich keine Gewalt in den Einrichtungen stattfinden, aber die Realität ist leider eine andere. Gewalt geht häufig auch von den zu Betreuenden Menschen aus. Fremd und Selbst Aggressiv! Es ist einfach, die Mitarbeitenden zu verurteilen, ich weiß es aus eigener Erfahrung, aber in Zeiten der Personalknappheit sich keine Hilfe holen zu können, ist mehr als nur belastend. Alleine arbeiten ist fast die Regel. Nach 30 Jahren in der Behinderten Arbeit weiß ich wovon hier berichtet wurde.
DieButter 19.03.2019
3.
Alles gestellt, erstunken und erlogen. Seit Vera Int Veen weiß man doch, mit welche fragwürdigen Methoden da reine Meinungsmache betrieben wird.
dasfred 19.03.2019
4. Gut gemacht geht besser
Allerdings einen Schnittfehler von zehn Sekunden aus einer zwei Stunden Doku so aufzubauschen, ist, als würde man den Spiegel wegen Relotius komplett zu Fake News zu erklären. Mich hat es beeindruckt, überhaupt Filmaufnahmen aus geschlossen Einrichtungen zu bekommen und wenn nicht von Zeit zu Zeit das Thema skandalisiert wird, ändert sich auch in zwanzig Jahren nichts. Das reine Verwahren und ausschließlich medikamentöse Behandeln ohne eine geborgene Umgebung ist auf keinen Fall einer Gesundung zuträglich und das ist der Kern der Doku. Nicht, ob es geschneit hat oder nicht.
matteo51 19.03.2019
5.
Zitat von dasfredAllerdings einen Schnittfehler von zehn Sekunden aus einer zwei Stunden Doku so aufzubauschen, ist, als würde man den Spiegel wegen Relotius komplett zu Fake News zu erklären. Mich hat es beeindruckt, überhaupt Filmaufnahmen aus geschlossen Einrichtungen zu bekommen und wenn nicht von Zeit zu Zeit das Thema skandalisiert wird, ändert sich auch in zwanzig Jahren nichts. Das reine Verwahren und ausschließlich medikamentöse Behandeln ohne eine geborgene Umgebung ist auf keinen Fall einer Gesundung zuträglich und das ist der Kern der Doku. Nicht, ob es geschneit hat oder nicht.
100% Zustimmung. Dass RTL den Schnittfehler so schnell und unverzüglich zugegeben hat, verschärft die Brisanz des Themas m.E. noch: wenn man jetzt vom Schnittfehler absieht.....was bleibt? Horror!
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