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Spionage-Serie "Teheran" Ecstasy beim Erzfeind

Eine Mossad-Agentin in Iran zwischen Party und Schattenkrieg: Die Serie "Teheran" bei Apple TV+ soll die nächste Erfolgsproduktion aus Israel werden.
aus DER SPIEGEL 40/2020
Niv Sultan als Agentin Tamar Rabinyan: Im Land des Erzfeindes

Niv Sultan als Agentin Tamar Rabinyan: Im Land des Erzfeindes

Foto: Apple TV+

Anfang Juli meldeten die Nachrichtenagenturen eine Reihe von Explosionen in iranischen Militärbasen und Nuklearanlagen. Experten vermuten, dass der israelische Geheimdienst Mossad hinter den Attacken steckt. Kurz zuvor liefen bei einem israelischen Sender die ersten Folgen von "Teheran", einer Serie, in der eine junge Mossad-Agentin undercover in der iranischen Hauptstadt ihren ersten großen Einsatz hat: Sie soll einen Anschlag auf ein Atomkraftwerk vorbereiten.

"Teheran" ist das jüngste Beispiel dafür, wie frappierend sich in israelischen Serien Fiktion und Realität überlagern; wie psychologische Thriller von der Konfrontation im Nahen Osten erzählen – und von den damit verbundenen Themen Identität und Loyalität.

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Dafür werden die Produktionen aus Israel weltweit gefeiert, deshalb werden sie von US-amerikanischen Streamingplattformen lizenziert und kopiert . So wie die Serie "Hatufim", die in den USA unter dem Titel "Homeland" adaptiert wurde. Oder "Fauda", ein Hit auf Netflix.

Verwandlung auf der Flugzeugtoilette: Tamar im Einsatz

Verwandlung auf der Flugzeugtoilette: Tamar im Einsatz

Foto: Apple TV+

Die Serie "Teheran", die nun auch beim Streamingdienst Apple TV+ läuft, treibt das Konfrontationsszenario auf die Spitze: Tamar Rabinyan (Niv Sultan), eine Mossad-Agentin mit iranisch-jüdischen Wurzeln, wird unter falscher Identität in Iran eingeschleust. Das Land gilt als Erzfeind Israels, es gibt keinerlei diplomatische Verbindungen. Um in das Datennetz des Kraftwerks einzudringen, nimmt sie mit einem iranischen Hacker Kontakt auf, der in der Dissidentenszene aktiv ist. Auf dem Stützpunkt in Israel warten derweil Bomber auf das Zeichen zum nächtlichen Angriff.

Hinrichtung auf öffentlichem Platz

Die Eröffnungsszenen sind im Stil eines paranoiden Thrillers ins Bild gesetzt: Der Flughafen von Teheran, wo Rabinyan sich als iranische Stewardess verkleidet, um ins Land zu kommen, scheint aus endlosen Gängen zu bestehen, die zu keinem Ausgang führen. Als die Agentin dann endlich in ein Taxi steigt, um zu ihrem iranischen Scheinehemann zu fahren, sieht sie eine Männerleiche an einem Kran hoch oben in der Luft über einem öffentlichen Platz hängen. Teheran ist fest in der Hand der Revolutionswächter.

Oder doch nicht? Denn bald lernt Rabinyan über den Hacker ein Iran kennen, in dem die Menschen auf illegalen Partys Ecstasy nehmen und ihre Sexualität frei ausleben, in dem die Intellektuellen freimütig über politische Theorien diskutieren. Auch wenn die Einheimischen Farsi sprechen: Teheran fühlt sich hier für die Heldin auf einmal an wie Tel Aviv.

In einem Videochat schwärmt die Hauptdarstellerin Niv Sultan davon, wie Musik, Essen und Lifestyle die Menschen miteinander verbänden und dass "Teheran" die Metropole in einem Licht zeige, wie man sie noch nie im Fernsehen gesehen habe. Über schwierigere Themen darf sie leider nicht sprechen, Apple TV+ ist da sehr strikt. Direkt vor dem Gespräch mahnt aus dem Off eine Stimme: "Keine politischen Fragen!"

Wirklich? Da erwirbt der Streamingdienst von Apple als erste ausländische Produktion eine Serie, die vom Schattenkrieg Israels im Nahen Osten handelt, aber das politische Weltgeschehen darf bei der Promotion keine Rolle spielen? Das zeigt, wie nervös die Chefs von Apple TV+ sind, deren inhaltliche Strategie im Gegensatz zu Mitbewerbern wie Netflix oder Disney noch nicht überzeugt.

Die Unruhe mag auch mit der hohen Investition in "Teheran" zu tun haben. Israelische Serien werden im internationalen Vergleich extrem billig hergestellt, in der Regel kostet eine Folge rund 200.000 Dollar, Apple TV+ aber soll für "Teheran" eine Million Dollar pro Folge für die internationalen Rechte gezahlt haben.

Unbekanntes Iran: Agentin Tamara gerät auch in Demonstrationen von Dissidenten.

Unbekanntes Iran: Agentin Tamara gerät auch in Demonstrationen von Dissidenten.

Foto: Apple TV+

Die Angst davor, politisch anzuecken, zeigt einen großen Schwachpunkt der mit massiven Kapitalströmen aus den USA vorangetriebenen Streaming-Industrie. Die großen Player sind zwar darauf aus, mit brisanten Stoffen global größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen und so die Konkurrenz auszustechen, zugleich scheuen sie es oft, sich zu politischen Fragen zu äußern. Stromlinienförmigkeit regiert das Streaminggeschäft.

Was gerade angesichts konfliktgeladener israelischer Serien im Programm absurd wirkt. In der hochpolitischen Konfrontation dieser Geschichten liegt ja gerade ihre Besonderheit. Ideologien und Religionen treffen hier meist mit voller Wucht aufeinander. Trotzdem schafft "Teheran" eine fast utopisch anmutende Durchlässigkeit, indem sie die israelische Agentin und den iranischen Hacker in einer Liebesgeschichte vereint.

Der Feind in meinem Bett: Dass psychologisch glaubhaft das menschliche Glück inmitten der politischen Grausamkeiten aufleuchtet, spricht für die Serie. Eine zweite Staffel ist in Planung. Hoffentlich nimmt Apple TV+ nicht zu viel Einfluss.

"Teheran", bei Apple TV+

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