Finale von "Temptation Island" Vergebens versucht

"Temptation Island", das sündig gemeinte Paarprüfe-Format, verdümpelt mit einem komplett ereignislosen Finale. Noch fantasieloser wurde im Trash-Genre selten versucht, eine Treueprüfung abzuschließen.

TVNOW

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Wäre "Temptation Island" nicht von einer moralisch minderinteressierten TV-Produktionsfirma, sondern tatsächlich in der Hölle erfunden worden, hätte das satanische Controlling den Verantwortlichen spätestens nach dem gestrigen Finale ordentlich die behuften Hammelbeine langgezogen: Zwei Wochen lang wurden acht beziehungsgebundene Menschen mit äußerstem Fleisch- und Alkoholeinsatz auf Teufel komm raus von professionellen Treuecrashern angeflötet, betatscht und sonstwie versucht - und die magere Betrugsbilanz weist gerade mal einen einzigen, mittel-engagierten Fremdkuss auf?

Hatte man wirklich alles versucht, um die voneinander getrennten Turtler auf stolperige Unzuchtspfade zu locken? Warum hatte man sie beispielsweise nicht ausgehungert und das verlockend gemeinte Verführungspersonal parallel mit Mett eingerieben, um die Anziehung anzukurbeln?

Tatsächlich konnte man sich die zweiwöchige, gestern abgeschlossene Treueprüfung kaum ereignisloser und fader vorstellen. Was natürlich schön ist, wenn man ein Fan von monogamitätsbasierten Beziehungskonzepten ist, aber schlecht, wenn man ein liederlichkeitszentriertes Fernsehformat produziert.

Unsichtbare Fremdknutscherei

Zumal Salvatores Fremdknutscherei mit Anastasiya (deren Verführerinnen-Persona offenbar mit den ganz groben, ungespitzten Wachsmalkreiden skizziert worden war) wegen eines geschickt gewählten toten Winkels nicht einmal zu sehen, sondern nur verschmatzt zu hören war - theoretisch könnten die beiden auch einfach auch nur barfuß eine besonders matschige, uneinsehbare Stelle des Temptation-Areals durchwatet haben.

Salvatore jedenfalls war vor den abschließenden Übernachtungsdates der einzige vergebene Wackellackel, alle anderen freuten sich nur brav auf die vorangehenden, komplett verzichtbaren und lieblos fehlkonstruierten Zwangsunternehmungen: "Der absolute Wahnsinn, wir werden gleich Quad fahren!" Tatsächlich hat auch der abgeschmackteste Bananenboot-Ritt beim "Bachelor" mehr erotische Sprengkraft als eine gemeinsam, aber eben doch meistens getrennt absolvierte Zipline-Tour, bei der das Fremdgehen ja schon rein logistisch kompliziert wäre.

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"Temptation Island": Sündhaft langweilig

Als bei der gemeinsamen Übernachtung die meisten Vergebenen und Versucher dann auch noch in strikter Geschlechtertrennung verteilt auf Bett und Fußboden kampierten, hätte man die anschließende, brisant gemeinte Pärchen-Wiedervereinigung unter dem Vorsitz von Moderatorin Angela Finger-Erben eigentlich auch direkt absagen können. Selbst Salvatore verwehrte sich Anastasiyas Avancen - am Ende, klar, ist es eben dann doch wieder die plattgesessene Kamelle von der bösen, weiblichen Versucherin, der der wackere Mann zumindest teil-widersteht.

So sah man am finalen Lagerfeuer schließlich zunächst drei weinende, nach Koala-Art ineinander verklammerte, reformierte, unverwüstlich glückliche Paare, obendrein auch noch einen Heiratsantrag, und das erwartbar unangenehme Wiedersehen des mutmaßlichen Fremdküssers Salvatore mit seiner Freundin Christina war schließlich einfach nur trist: Er versuchte, sich nach seinem Betrug mit beleidigend billigen Umkehrmanövern herauszureden - "wenn du so reagierst, überlege ich mir, ob ich mit dir eine Zukunft habe" - und bezeichnete seine Freundin als "dummes Mädchen".

Finger-Erben wies ihn dafür zurecht, was in einem solchen Format ungewohnt und gut ist. Noch besser wäre es allerdings gewesen, sie hätte auch Christina zurechtgewiesen, als die zuvor die als "Verführerinnen" engagierten Teilnehmerinnen als "verfickte Nutten" bezeichnet hatte. "Es ist vorbei, geil!", hatte Fabian zuvor jubiliert, und am Ende ist man sogar zu gelangweilt, um mitzujubilieren.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
m82arcel 15.04.2019
1.
Die Auftaktfolge hat offenbar mehr versprochen, als der Rest zu bieten hatte. Zum Glück hatte ich die Sendung nach dem Wechsel des Sendeplatzes nicht weiter verfolgt (ja, auch ein paar Trash-Fans müssen morgens aufstehen und arbeiten). Verpasst habe ich offenbar nichts. Dennoch vielen Dank für die Zusammenfassung der nicht vorhandenen Ereignisse.
dasfred 15.04.2019
2. Ich habe nichts versäum. Danke dafür
Wer sich dieses Konzept ausgedacht hat, scheint über die Moral eines Straßenköters zu verfügen und glaubt, dass auch jeder Andere bei erster Gelegenheit ein neues Weibchen bespringen wird. Die Typen würden doch selbst für Gratis im Edelpuff nicht mit einer Frau aufs Zimmer gehen, wenn ein Kamerateam daneben steht und die Partnerin draußen auf dem Parkplatz wartet. Soviel Rest an Anstand bleibt sogar, wenn jemand von Kopf bis Fuß tättowiert ist. Also beim nächsten mal lieber gecastete Pärchen aus dem RTL Unterhaltungspool mitnehmen, denen Sex vor der Kamera wichtiger ist, als eine Beziehung. Klappt doch sonst auch.
karlo1952 15.04.2019
3. Ohne die Sendung selbst gesehen zu haben,
lässt die Zusammenfassung doch den Schluss zu, dass die Moral von Paaren, auch wenn sie geistig nicht zu den intelektuellsten gehören, sehr hoch ist.
theo# 15.04.2019
4. Private Sender und Zeitgeist
Dieses Format entspricht dem Zeitgeist: oberflächlich, niveaulos, voyeuristisch und nichtssagend, aber einigermaßen gutaussehend RTL und Co und deren kranke Autoren scheinen da Kundenbedarf zu bedienen oder glauben es zumindest.
derLordselbst 15.04.2019
5. Beeindruckende Leistung
Hat die Autorin wirklich mehrere oder gar alle Folgen dieses TV-Ereignisses gesehen? Oder nach drei Minuten den Fernseher auszuschalten oder zumindest den Sender zu wechseln? Und sie kann danach noch ohne erkennbares Trauma darüber schreiben! Mir haben zweimal drei Minuten beim Zappen mehr als gereicht, die aber anscheinend durchaus repräsentativ für die Staffel waren. Wie so oft sollte man nicht den Fehler machen, die von Frau Rützel rezensierten TV-Produkte selbst zu schauen, nur weil sie unterhaltsam beschrieben werden.
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