"Terror" in der ARD Im Namen des Fernsehvolkes

Ein Soldat hat ein Flugzeug abgeschossen, um 70.000 Menschen zu retten: Das ARD-Experiment "Terror" nach Ferdinand von Schirach ist ein Versuch, interaktives Fernsehen zu machen - die Zuschauer fällen das Urteil.

ARD/ RBB/ Julia Terjung

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Draußen ist es dunkel geworden, durch die große Fensterfront sieht man die Reichstagskuppel im Dämmerlicht funkeln. Drinnen im Gerichtssaal kommt gerade der Richter samt Schöffen zurück, der Angeklagte, die Anwälte, die Zuschauer, alle stehen auf. Die Nebenklägerin hat ihre Hände zu Fäusten geballt, sie atmet schwer, hört den Richter sagen: "Ich verkünde folgendes Urteil: Der Angeklagte Lars Koch wird auf Kosten der Landeskasse freigesprochen." Sie bleibt stehen, die Mine starr, sinkt langsam auf ihren Stuhl.

"Danke!" - die Szene ist im Kasten und Jördis Triebel, die die Nebenklägerin in dem Fernsehfilm mit dem Arbeitstitel "Terror" spielt, tupft sich mit einem Taschentuch die Tränen ab, putzt sich die Nase. Und dann alles noch mal von vorne. Nur dass der Richter diesmal sagt: "Der Angeklagte Lars Koch wird wegen Mordes in 164 Fällen verurteilt." Und Triebel lächelt.

Noch eine Totale von oben, dann Applaus, Regisseur Lars Kraume ("Der Staat gegen Fritz Bauer") und Burkhart Klaußner, der den Richter spielt, umarmen sich: Drehende, nach 15 Tagen in einem Studio nördlich von Berlin-Spandau.

Aber die Zuschauer werden nur eine der Versionen zu sehen bekommen, wenn das Gerichts-Kammerstück im Herbst (geplant: 10. Oktober) in der ARD ausgestrahlt wird. Denn bei diesem Film, der auf dem Theaterstück "Terror" von Ferdinand von Schirach basiert, werden sie per Telefonanruf, Twitter, Facebook entscheiden, ob der Soldat Lars Koch verurteilt oder freigesprochen werden soll dafür, dass er ein Flugzeug mit 164 Menschen abschoss, um das Leben von 70.000 Stadionbesuchern zu retten.

Zudem soll der Film in der Woche davor zusätzlich in verschiedenen Städten - derzeit stehen 150 auf der Liste - im Kino gezeigt werden, auch die Ergebnisse dieser Vorführungen fließen in die Entscheidung ein. Diese Interaktivität ist auch schon im Stück angelegt, das derzeit auf 17 deutschen Bühnen gezeigt wird (59,4 Prozent der Zuschauer stimmten bislang für Freispruch).

TV-Ereignis des Jahres?

Dass dieser Fernsehabend Wumms entwickeln soll (Degeto-Chefin Christine Strobl prognostiziert gar "Das TV-Ereignis des Jahres"), merkt man nicht nur daran, dass man durchweg die derzeitige Crème de la Crème besetzt hat: Neben Klaußner und Triebel spielt Martina Gedeck die Staatsanwältin, Lars Eidinger den Verteidiger und Florian David Fitz den Angeklagten. Wie hoch die ARD das Drama hängt, lässt sich auch daran ablesen, wer alles bei diesem Pressegespräch zugegen ist: Neben von Schirach, Regisseur Lars Kraume, den Hauptdarstellern und Produzent Oliver Berben, sind etwa Programmdirektor Volker Herres, Christine Strobl, Geschäftsführerin der ARD-Film-Tochter Degeto, und WDR-Talkshowmann Frank Plasberg angereist.

Kein Wunder: Ein Fußballstadion, ein Terroranschlag - wie realitätsnah das Thema spätestens mit den Attentaten in Paris im November 2015 sein würde, war kaum abzusehen, als von Schirach das Stück schrieb. "Es ist eine Versuchsanordnung", sagt er. "Ich würde niemals auf die Idee kommen, über einen tatsächlichen Fall abstimmen zu wollen. Das wäre totaler Quatsch und irre gefährlich."

Brisante ARD-Projekte

Aber die Nähe zwischen Realität und Fiktion ist so unleugbar geworden, dass das Erste ein paar Sicherheitsnetze aufgezogen hat. Denn während im Theater immer unzweifelhaft ist, dass das eben nur Theater ist, wurde spätestens mit Til Schweigers "Tatort"-Idee, eine "Tagesschau"-Sendung von Terroristen überfallen zu lassen, klar, wie haarig die Sache auf dem TV-Bildschirm wird: Journalistische Fakten und fiktionale Dramen vermischten sich.

"Man kann nicht nebenher bügeln"

Der Plan für den TV-Abend ist nun, eine echte "Hart aber Fair"-Sendung zum Thema rund um den Film zu bauen: Während der 15 Minuten, in denen die Richter - also die Zuschauer - abstimmen, soll erstmals zu Frank Plasberg geschaltet und die Diskussion dann nach der Urteilsverkündung fortgesetzt werden. Ob das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität nicht eher zusätzlich verwischt, ist allerdings fraglich.

Ausgestrahlt wird "Terror" im Ersten und im ORF, ob auch das Schweizer Fernsehen mitmacht, ist derzeit noch offen. Die Koppelung mit der Talksendung "Hart aber fair" ist nur für die ARD geplant. Es soll auch eine Infoseite geben, auf der Zuschauer sich nebenher über einschlägige Urteile des Bundesverfassungsgerichts informieren können, um ihre Haltung weiter zu schärfen.

"Komplexe Inhalte über eine solche Dauer so konzentriert in einem Film zu zeigen, ist eine Seltenheit", sagt Regisseur Lars Kraume. Oder wie Produzent Berben es formuliert: "Man kann nicht nebenher bügeln." Er weist die Assoziation von sich, die man von den bisherigen Versuchen von interaktivem Fernsehen kennt: "Das ist keiner jener Krimis, bei denen es beim Abstimmen nur um das Ende selbst geht. Hier geht es vielmehr darum, dass sich jeder diesem Entscheidungsprozess stellt." Nur so würden sich die Zuschauer als Teil des Ganzen verstehen, so die Erklärung, als verantwortliche Mitbürger dieser Demokratie.

"Es ist eine fiktive Idee", sagt von Schirach. "Es geht um eine Diskussion über unseren Staat, darüber, wie wir leben wollen." Auch wenn die Motivation hinter dem Film ab und an fast nach einem Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung klingt: Dass die Debatte selbst im Vordergrund steht und nicht das Urteil, hat großen Charme. Ob es gelingt, hängt wohl von Sehgewohnheiten ab: Für Anhänger dialoglastiger US-Serien wie "House of Cards" oder "The West Wing" könnte es funktionieren. Zumal anders als sonst bei den TV-Versionen von Ferdinand von Schirachs Geschichten diesmal die Nüchternheit seiner juristischen Argumentation nicht einer emotionalisierten Erzählweise geopfert wird: Kein Flugzeug mit schreienden Menschen, keine Massenpanik im Stadion - der ganze Film spielt ausschließlich in jenem nüchtern schwarzen Gerichtssaal.

Ferdinand von Schirach hat seine Haltung dennoch schon klargemacht: In einem Debattenbeitrag für den SPIEGEL stellte er sich gegen einen Freispruch. Es sind aber nicht nur die Plädoyers oder aktuelle Ereignisse, die das Urteil der Zuschauer beeinflussen werden: "Wir haben ein Problem in dem Film", sagt von Schirach in Berlin mit Blick auf den Hauptdarsteller Florian David Fitz: "Der Angeklagte sieht zu gut aus."



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
alsterherr 28.04.2016
1.
Klassisches Trolley car Problem medial umgesetzt, ich bin gespannt!
ex2012 28.04.2016
2. Termin?
Und wann genau findet das Ganze statt?
karlwein 28.04.2016
3. Mord?
Nach §211 Strafgesetzbuch dürfte eine Verurteilung als "Mord" gar nicht in Frage kommen, da bei dem vorgestellten Szenario die nötigen Voraussetzungen für einen "Mord" (z. B. Heimtücke, niedrige Beweggründe, Habgier etc.) gar nicht gegeben sind.
hilde_b 28.04.2016
4. Das Theaterstück
habe ich 2 x live gesehen. Ich bin gespannt, wie es im TV wirkt...auch ohne Abstimmung regt die Geschichte zum Mit-/Nachdenken an.
Illya_Kuryakin 28.04.2016
5. @alsterherr
Natürlich! Das Trolley Car Problem! Wer kennt es nicht? (Augenrollen)
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