Terror-Thema im "Polizeiruf" Bombe gezündet, Sendeplatz explodiert

Terror in München, die Stadt versinkt in Schutt, Asche und Angst. Um junge Zuschauer vor dieser Zumutung zu schützen, verlegte die ARD den "Polizeiruf" von der Primetime in den späten Abend. Ein Jammer: Selten hat man so viel über junge Attentäter gelernt wie hier.

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Was ist dem öffentlich-rechtlichen Zuschauer unter 16 Jahren zumutbar? Ist ein berstender Schädel, so wie er unlängst in dem Jugendgewaltdrama "Sie hat es verdient" zu sehen und hören war, für ihn zu verarbeiten? Und ist ein vor Terrorangst buchstäblich zitterndes München, wie es jetzt in der "Polizeiruf"-Folge "Denn sie wissen nicht, was sie tun" vorkommt, für die junge Seele unmöglich zu ertragen?

Beide ARD-Produktionen behandeln Themen, die durchaus für Menschen unter 16 eine hohe Relevanz besitzen: In "Sie hat es verdient" ging es um die extremen Auswüchse eines Angst- und Unterdrückungsmechanismus, mit dem Jugendliche potentiell auf jedem Schulhof konfrontiert sind. Der "Polizeiruf" erzählt davon, dass Terror kein Phänomen ist, dessen Ursachen irgendwo in der fernen arabischen Welt liegen: eine Erkenntnis, der der jugendliche ARD-Zuschauer spätestens seit den Anschlägen von Norwegen ausgesetzt ist, bei dem viele Altersgenossen ums Leben gekommen sind.

Eine hohe gesellschaftspolitische, eventuell auch therapeutische Bedeutung ist also beiden Produktionen zuzusprechen. Sonderbarerweise wurde die eine von der zuständigen Instanz durchgewunken, während man die andere beanstandete: Nach der Sichtung der Münchner "Polizeiruf"-Folge legte die Jugendschutzbeauftragte des Bayerischen Rundfunks (BR) ihr Veto ein: Bei dem Krimi, in dem es um einen verheerenden Anschlag auf die Münchner Allianz-Arena und die Traumatisierung der Opfer geht, werde der Zuschauer in ständiger Panik gehalten, so die Argumentation, das könne gerade bei Jugendlichen eine nachhaltige Angst hervorrufen.

Problembären statt Brisanz

Die Verantwortlichen waren gezwungen zu handeln: BR-Fernsehdirektor Gerhard Fuchs kam der Empfehlung seiner Prüferin nach, ARD-Programmdirektor Volker Herres, der aus seiner Verwunderung über die Jugendschutz-Entscheidung keinen Hehl machte, hatte die Aufgabe, einen Sendeplatz nach 22 Uhr zu finden, auf dem der ambitionierte Film nicht wie weggesendet wirken würde, und die Sonntagskrimi-Koordinatoren mussten einen Ersatz für den freigewordenen Programmplatz finden. Deshalb tapsen an diesem Sonntag nun Ballauf und Schenk vom WDR-"Tatort" durch einen Fall, der zwar ums brisante Thema Gentechnik kreist, aber doch nicht so ungemütlich ist, dass der Zuschauer beunruhigt ins Bett gehen müsste.

Tatsächlich erfüllen die beiden sympathischen Problembären Ballauf und Schenk mit ihrem "Tatort" genau jene Kriterien, die die BR-Jugendschützerin für eine Primetime-Freigabe anlegt. Denn sie vermisse im "Polizeiruf", so die Begründung für ihr Veto, "entspannende Momente, die für einen 20-Uhr-Krimi typisch sind und einer emotionalen Überreizung und Ängstigung von Kindern und Jugendlichen entgegenwirken". Kurz gesagt: Für die Hauptsendezeit am Sonntag kann es Brisanz nur im Schongang geben.

Diesen Schongang aber liefert der "Polizeiruf" tatsächlich nicht. Nach etwa 20 Minuten wird hier eine Bombe in einer Fußgängerunterführung der ausverkauften Allianz-Arena gezündet, Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) taumelt mit Trauma-bedingtem Tremor durchs postapokalyptische Szenario. Im Betonstaub versucht er, die Orientierung zu finden, im fernen Polizeipräsidium streiten sich derweil Einsatzleitung (Rainer Bock), LKA (Hannes Hellmann) und Verfassungsschutz um Kompetenzen und Schuldfragen.

Die Wut in den Wohlstandszonen

Drehbuchautor Christian Jeltsch ( "Tatort: Der illegale Tod") hat das Szenario dicht und ohne jeden spekulativen Impetus entwickelt - und reißt doch kollektive Traumata auf. Anders Breivik war beim Schreiben dieses Krimis noch kein Name, und trotzdem weist der "Polizeiruf" auf einen neuen Terrorismus hin, der weniger aus arabischen Camps als aus der europäischen Wohlstandszone erwächst. Auch werden schmerzhaft Erinnerungen an die Love Parade in Duisburg wach, an den Tunnelhorror genauso wie an das zynische Behördenhickhack danach.

Nein, Entspannung sucht man hier vergeblich. Die Kunst dieses "Polizeiruf" liegt allerdings darin, wie der Druck der Gewalt in ein nervenaufreibendes Kammerspiel verlagert wird. Regisseur Hans Steinbichler, der mit Hauptdarsteller Brandt schon das Ödipaldrama "Die zweite Frau" gedreht hat, konfrontiert den Ermittler bald mit dem Täter (Sebastian Urzendowsky), der unter den Trümmern liegt, die er durch seine Bombe verursacht hat.

Mitleid mit dem Massenmörder? Keineswegs. Aber mit der Annäherung an den Sterbenden wird eine interessante Facette des neuen Terrorismus herausgearbeitet. Der Attentäter, ein junger Deutscher, der zum Islam konvertiert ist, erinnert in vielen Aspekten an die deutschen Islamisten der Sauerlandgruppe. Adoleszenz und Ideologie, Weltschmerz und religiöser Wahn sind auch beim Mörder in diesem radikalen "Polizeiruf" fatal verschmolzen.

Warum sich jugendliche Fernsehzuschauer damit nicht beschäftigen dürfen, bleibt das Geheimnis der bayerischen Jugendschützerin.

"Polizeiruf 110: Denn sie wissen nicht, was sie tun", Freitag 22.00 Uhr, ARD

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seduro34 23.09.2011
1. Unergründlich
Die Gedankengänge einiger Jugendschutzbeauftragter sind manchmal sehr verworren. Da dürfen Filme wie "Full Metall Jacket" um 20:15 Uhr laufen, "Born Natural Killers" auch, die Tittis (Sexwerbung) dürfen schon ab 23 Uhr gezeigt werden. Jedoch ein Film der anscheinend zu nahe an der Realität ist, nicht. Für wie rückständig halten sie eigentlich die heutigen Jugendlichen? Oder anders gefragt: wie rückständig sind denn die Jugendschutzbeauftragten? Ich empfehle einen Blick auf YouTube zu werfen; so etwas schauen sich Jugendliche heutzutage an.
Strandhaus 23.09.2011
2. Internet statt Fernseher
Kleiner Trost: Viele, sehr viele Jugendliche nutzen eh nur noch selten den Fernseher, sondern gucken sich ihre Filme (auch Fernsehfilme) über das Internet an - auch die Tatorte und Polizeirufe lassen sich ja später noch zu beliebigen Tag- und Nachtzeiten abrufen.
Wooster 23.09.2011
3. ..ohne mich ...
"Ballauf und Schenk"? Seh' ich grundsätzlich nicht mehr: immer die gleichen Sprüche, die gleiche (permanent beleidigte) Mimik der beiden, besonders von dem nicht-Dicken (sieht man ihn deshalb nie in anderen Filmen, weil er so'n schlechter Schauspieler ist?). Und natürlich diese zu häufige Karussel-Kameratechnik: zum wegrennen, resp. umschalten. Also ohne mich.
leser008 23.09.2011
4. Jugend sieht heute Splatterfilme
......................... Der Attentäter, ein junger Deutscher, der zum Islam konvertiert ist, erinnert in vielen Aspekten an die deutschen Islamisten der Sauerlandgruppe. Adoleszenz und Ideologie, Weltschmerz und religiöser Wahn sind auch beim Mörder in diesem radikalen "Polizeiruf" fatal verschmolzen. Warum sich jugendliche Fernsehzuschauer damit nicht beschäftigen dürfen, bleibt das Geheimnis der bayerischen Jugendschützerin. ............................ Das bleibt wirklich unverständlich, vor allem, wenn man sich US Produktionen mit Flugzeugabstürzen, Erdbeben, Vulkanausbrüchen oder Kriegen ansieht. Da liegen blutverschmierte Menschen und Körperteile zuhauf herum. Eine Erklärung könnte Ziff 12.1 des Pressecodex des dt.Presserates in der revidierten Version sein. -Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.- Wenn der Täter also nicht zum Islam konvertiert wäre, sondern zum Beispiel der IRA angehörte, wäre das Drehbuch demnach o.k.. Werde mir den Film trotzdem heute abend ansehen, empfinde es aber als Zumutung, dass der Fr Abendkrimi dann bis fast Mitternacht läuft.
derlabbecker 23.09.2011
5. da musste halt...
... mal wieder jemand sein Pöstchen rechtfertigen, und halt einmal im Jahr sein Veto einlegen. Jeder soll halt merken wie wichtig diese Dame ist und dass sie auch mal was arbeitet....
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