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"The 100": Die Schulhof-Apokalypse

Foto: ProSieben/ Warner Brothers

Sci-Fi-Serie "The 100" Vom Weltraumknast ins Dschungelcamp

97 Jahre nach der nuklearen Katastrophe ist die Erde wieder ein Paradies! Und was machen die letzten Menschen im US-Serienhit "The 100", der jetzt auf ProSieben startet? Schicken zur Erkundung ausgerechnet eine Horde jugendlicher Straftäter.

Enge neue Welt: Rund 100 Jahre, nachdem ein nuklearer Krieg getobt und die Erde unbewohnbar gemacht hat, fristen die letzten Überlebenden auf einer Raumstation ein tristes Dasein. Aus ursprünglich 400 Überlebenden sind im Laufe der Jahre rund 2500 geworden. Raum, Lebensmittel und Sauerstoff werden knapp, zumal auch noch ein paar wichtige Gerätschaften der aus multinationalen Modulen zusammengesetzten "Arche" so langsam dem Verschleiß anheimfallen. Wer älter als 18 und straffällig ist, wird daher gleich zum Tode verurteilt, nur die Jüngeren kommen in den Weltraumknast.

Doch natürliche Sterberate und gelegentliche Todesstrafe reichen bei Weitem nicht aus: Der zaudernde Kanzler Jaha (Isaiah Washington) und sein zackiger Mann fürs Grobe, Kane (Henry Ian Cusick, bekannt aus "Lost"), stehen vor der brisanten Entscheidung, demnächst einige Hundert unbescholtene Gesellschaftsmitglieder in den Weltraum zu schießen, um den Fortbestand der Menschheit zu gewähren.

Zuvor jedoch sollen 100 jugendliche Delinquenten auf die Erde entsandt werden, um nachzusehen, ob ein Leben dort wieder möglich ist. Eine reine Verzweiflungstat, denn man schickt noch nicht einmal eine erwachsene Aufsichtsperson mit, so wenig rechnet man mit einem Erfolg der Mission.

Stereotypen und Pilcher-Romantik

"The 100", vom Free-TV-Sender The CW ("Arrow", "Supernatural", "The Vampire Diaries") produziert, basiert auf den gleichnamigen Teenie-Romanen von Kass Morgan und gehört spätestens seit der 2015 ausgestrahlten zweiten Staffel zu den erfolgreicheren neuen US-Serien. Dabei kommt ihr aus "Battlestar Galactica", "Game of Thrones", "Twilight"-Saga und "Lost" zusammengeklaubtes Inventar reichlich fadenscheinig daher - und der Plot schwankt zwischen abenteuerlich und hanebüchen. "So stellt sich The CW die ultimative Zukunftsvision vor", hämte das US-Branchenblatt "The Hollywood Reporter" zum Start . "Eine Welt, die ausschließlich mit attraktiven Teenagern bevölkert ist."

Teenager, von denen die wenigsten einer anderen ethnischen Gruppe angehören als der kaukasisch-weißen, könnte man hinzufügen. So ist sie, die schöne, grausame Hollywood-Welt. Auf verschlungenen Story-Pfaden gelangen die Hauptfiguren der Serie an Bord des "Dropships": Clarke (Eliza Taylor) ist die Tochter der "Arche"-Ärztin Abby (Paige Turco) und hat von ihrer Mutter viel selbstgerechte Penetranz geerbt. Nachwuchs-Hippie Finn (Thoms McDonell) möchte am liebsten Pazifist bleiben, was natürlich nicht klappt. Und Bellamy (Bob Morley), muskulös, düster und gut aussehend, wollte eigentlich nur seine nymphomane Schwester Octavia (Marie Avgeropoulos) beschützen, schwingt sich dann aber gleich zum Anführer auf.

Zu diesen Stereotypen gesellen sich noch der sympathische Technik-Nerd und sein niedlicher asiatischer Sidekick sowie der Brutalo mit seinen protofaschistischen Schergen - und eine Hundertschaft austauschbarer, marodierender Chaoten, die nach ihrer Landung auf der Erde eine lange, ausdauernde Springbreak-Party starten.

"Herr der Fliegen" reloaded

Grund zum Feiern gibt es allemal, denn die nordamerikanische Ostküste, Ort der Bruchlandung, präsentiert sich 97 Jahre nach der Apokalypse nicht als das aus Film und Fernsehen hinlänglich bekannte wasteland, sondern als urtümlicher Dschungel. Gut, hier und da streift ein mutiertes Reh mit zwei Köpfen durchs Gebüsch, und im Dunkeln fluoreszieren Moos und Schmetterlinge im radioaktiven Glimmer, aber sonst? Ein Paradies!

In dem die 100 Teenies natürlich nicht alleine sind. Aber bevor die sogenannten Grounders, wilde Gestalten aus dem "Mad Max"-Charakterkoffer, sie in kriegsähnliche Zustände und paramilitärische Strukturen zwängen, machen sich die Kids das Leben im Dschungelcamp schon ganz allein zur Hölle: Die von Bellamy fröhlich ausgerufene Anarchie ("We can do whatever the fuck we want!") mündet bald in willkürliche Gewalt, Lynchjustiz und Cliquenbildung wie auf dem Schulhof - "Herr der Fliegen" reloaded.

Die Möglichkeiten, die das postnukleare Szenario in Sachen Gesellschaftsutopie bieten würde, verschenkt die Serie zugunsten reaktionärer Reflexe und biederer Pilcher-Romantik: Wird sich Blondie Clarke für den friedliebenden Finn oder den Macho Bellamy entscheiden?

Erstaunlich: Trotz aller Ärgernisse, trotz unterkomplexer Handlung, billiger Computertricks und einiger haarsträubender Plausibilitätsprobleme ist "The 100" trashig und unterhaltsam genug, um zum guilty pleasure zu werden. Man darf halt nur nicht zu viel drüber nachdenken.

Korrektur: In einer früheren Fassung dieses Artikels behaupteten wir, dass aus ursprünglich 400 Überlebenden 4000 geworden wären. Richtig ist, dass es zur Zeit des Handlungsbeginns nur rund 2500 sind. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.


"The 100": Ab 22. Juli Mittwochs um 20.15 Uhr auf ProSieben