TV-Serie über Trump und James Comey "Oh Gott, das war nur der Anfang"

Eine neue US-Serie zeichnet den Skandal um Trump und den damaligen FBI-Chef Comey nach. Die hochkarätige TV-Produktion reißt alte Wunden auf - wenige Wochen vor den Wahlen.
Von Marc Pitzke, New York
Ungemütliches Dinner: Jeff Daniels und Brendan Gleeson in "The Comey Rule"

Ungemütliches Dinner: Jeff Daniels und Brendan Gleeson in "The Comey Rule"

Foto: Ben Mark Holzberg / CBS / Sky

Es gibt Angebote, die schlägt man nicht aus. Fast das ganze vergangene Jahr verbrachte Jeff Daniels auf einer New Yorker Broadway-Bühne. Als Star des Dramas "To Kill a Mockingbird" trat er achtmal die Woche auf. Nach diesem Kraftakt, sagt er, hätte er gerne mal "zwei Monate horizontal" verbracht.

Doch dazu hätte der Hollywood-Veteran auf die Rolle seines Lebens verzichten müssen: Daniels ("The Newsroom") stand neun Tage später wieder vor der Kamera - als James Comey, der frühere FBI-Chef, der 2017 von Donald Trump geschasst wurde, weil er die Russlandermittlungen betreut hatte.

"Es war wie nach einem Marathon", erinnert sich Daniels, 65, im Video-Interview an die Dreharbeiten für die neue TV-Serie "The Comey Rule", die jene Ereignisse dramatisiert. "Jemand reicht dir kurz ein Glas Wasser und sagt: Los, jetzt renn' noch mal. Aber es war wichtig. Es war riskant. Es war eine Herausforderung. Das lässt man nicht sausen."

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Die Causa Comey spaltet die Amerikaner weiter tief. Weil der stoische, von Trumps Vorgänger Barack Obama ernannte FBI-Direktor verstrickt war in die Präsidentschaftswahl 2016, ist er für beide Seiten bis heute ein rotes Tuch. Für Trump und die Republikaner, weil sie den Russlandskandal als linke Erfindung abtun, die ihnen schaden sollte. Für die Demokraten, weil sie glauben, dass Comeys Verhalten mit zu Hillary Clintons Wahlniederlage beigetragen habe.

Dabei wollte Comey, wie er in seinen Memoiren "Größer als das Amt" schreibt, es allen recht machen - und machte sich am Ende nur alle zum Feind. "The Comey Rule" dampft dieses nationale wie private Trauma auf vier Fernsehstunden ein, die kaum verheilte Wunden aufreißen dürften. Der US-Sender Showtime strahlt die 40 Milionen Dollar teure Produktion am 27. und 28. September in zwei Episoden aus. In Deutschland ist sie am 2. November bei Sky zu sehen - am Vorabend der US-Wahl.

Tragische Helden: Holly Hunter und Jeff Daniels in "The Comey Rule"

Tragische Helden: Holly Hunter und Jeff Daniels in "The Comey Rule"

Foto: Ben Mark Holzberg / CBS / Sky

Sind wirklich schon vier Jahre vergangen? Trump feuerte Comey im Mai 2017, ein damals schockierender Vorgang. Doch so viel ist seither geschehen, so viel noch Schockierenderes. Die Comey-Affäre wirkt angesichts von Trumps heutigen Übergriffen wie ein Kammerspiel, das den Anfang vom Ende markierte.

Die Serie zeichnet den Verfall der US-Demokratie als TV-Krimi nach – und offenbart, wie rasant sich der Absturz vollzog. Comeys Entlassung führte zwar zur Bestellung des Russlandermittlers Robert Mueller (in der Serie gespielt Peter Coyote in einem Emmy-würdigen Moment), doch dessen Bericht umfasste fast 500 Seiten und wurde von Trumps Schergen erfolgreich sabotiert. Auch von den vielen Kongressanhörungen blieb nur ein Nebel der Verwirrung. Der Impeachment-Freispruch macht Trump seitdem unangreifbar, zumindest bis November.

Unwürdig gefeuert: Der echte James Comey (2018)

Unwürdig gefeuert: Der echte James Comey (2018)

Foto: J. Scott Applewhite / AP

"Wir wollten eine Geschichte erzählen, die bewegend und emotional und packend und entsetzlich und hoffnungsvoll zugleich ist", sagt Drehbuchautor Billy Ray, ein Spezialist für Doku-Dramen ("Richard Jewell", "Captain Phillips"). "Aber wir wollten auch die Wahrheit erzählen."

"Die jetzige Regierung macht 'House of Cards' fast irrelevant."

Michael Kelly

Die Serie kondensiert die Frage der Legitimität Trumps zu einem telegenen Duell zwischen zwei Super-Egos. Comeys Gegenspieler Trump wird von dem irischen Charakterdarsteller Brendan Gleeson ("Harry Potter") gespielt, flankiert von hochkarätiger Starbesetzung, allen voran Oscar-Preisträgerin Holly Hunter als Vizejustizministerin Sally Yates. Weder Daniels noch Gleeson versteigen sich zu Karikaturen à la "Saturday Night Live". Daniels trägt Plateauschuhe (Comey ist 2,03 Meter groß). Gleeson deutet Trump nur an, mit Zuckerwatte-Perücke, eher gemäßigtem Make-Up und einem sonoren Bass, bedrohlich und lächerlich zugleich.

Alles kommt vor, was einen in jenen Monaten in Atem hielt: der Pseudoskandal um Clintons E-Mails. Russlands Wahlmanipulation. Trumps Moskau-Verbindungen. Comeys Verblendung, als tragisches Heldentum kaschiert. Seine krude Entlassung, gefolgt von der seiner Vasallen im FBI.

Machenschaften und Manipulationen: Brendan Gleeson als Trump in "The Comey Rule"

Machenschaften und Manipulationen: Brendan Gleeson als Trump in "The Comey Rule"

Foto: Ben Mark Holzberg / CBS / Sky

Von den realen Akteuren, die hier porträtiert werden, ist nur noch einer im Amt - Trump. Und der handelt seither nur noch schamloser.

"Die jetzige Regierung macht 'House of Cards' fast irrelevant", sagt Michael Kelly dem SPIEGEL. "Als wollten sie unsere Verrücktheiten noch übertreffen." Er spielte in der früheren Erfolgsserie den Stabschef eines korrupten Präsidenten und gibt jetzt Comeys gepeinigten Stellvertreter und Nachfolger Andrew McCabe.

Der Plot von "The Comey Rule" hält sich eng an Comeys Memoiren. Das ist nicht unbedingt von Vorteil: Zwar können sich alle Seiten hier bestätigt sehen, ob Freund oder Feind. Doch die Pathosmonologe über Patriotismus, Anstand und Rechtsstaatlichkeit, die Daniels im Namen Comeys hält, stammen fast wortgetreu von dem. Sie sind selbstgefällig und naiv - gerade wenn man merkt, welches Desaster er mit seiner Verbohrtheit ausgelöst hat.

Der Ex-FBI-Chef zögerte denn wohl auch, sein Buch verfilmen zu lassen. "Hauptsächlich wegen seiner Familie", sagt Ray. "Die wollten das nicht noch mal durchleiden." Ehefrau Patrice (Jennifer Ehle) war eine der wenigen, die das Unheil ahnten.

Schlimmer als "House of Cards": Michael Kelly in "The Comey Rule"

Schlimmer als "House of Cards": Michael Kelly in "The Comey Rule"

Foto: Ben Mark Holzberg / CBS / Sky

Eine Schlüsselszene verfolgte Comey persönlich am Set mit - das Dinner, bei dem Trump ihm "Loyalität" abverlangte. Die acht Minuten nahmen einen ganzen Drehtag in Anspruch und wurden zum beklemmenden Mini-Thriller.

"Es war uns echt wichtig, dass die Amerikaner das vor den Wahlen sehen", sagt Ray. Doch ViacomCBS, der Mutterkonzern von Showtime, plante die Serie zunächst für Ende November ein, Wochen nach der Wahl, wenn sie untergegangen wäre. ViacomCBS-Chefin Shari Redstone und Trump sind nach eigenem Bekunden freundschaftlich verbunden, trotzdem zeichnet der Mediengigant auch für Trump-kritische Werke verantwortlich, etwa für die Memoiren von Trumps Nichte Mary Trump  und Bob Woodwards neues Skandalbuch "Rage" , beide bei der Verlagstochter Simon & Schuster erschienen.

Erst nachdem sich Drehbuchautor Ray in einem Brief über den Sendetermin beschwert hatte, zog ViacomCBS die Premiere auf Ende September vor.

Die Serie dürfte bei den US-Demokraten PTSD auslösen, so scharf kristallisiert sie Trumps Machenschaften und Manipulationen. Doch kann sie etwas bewegen? Wenn selbst Woodwards Enthüllungen über die Corona-Lügen Trumps nichts mehr ändern?

"Die Show informiert die Leute über Dinge, die sie so noch nicht wussten", sagt Daniels, ein engagierter Linksliberaler. Selbst er habe erst nach dem Dreh, als er das Endergebnis gesehen habe, gemerkt: "Oh Gott, das war nur der Anfang."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.