"The Dark Crystal" bei Netflix "Muppets" trifft auf "Game of Thrones"

Die Netflix-Serie "The Dark Crystal" wirkt wie aus der digitalen Zeit gefallen, wie ein Puppenspiel für Erwachsene. Doch die schaurige Welt des Planeten Thra lässt die Retro-Verfremdung schnell vergessen.

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SPOILERWARNUNG! Sollten Sie die erste Staffel von "The Dark Crystal" mit dem Genuss des Unwissenden sehen wollen, lesen Sie nicht weiter.

Auf den ersten Blick wirkt es nicht unbedingt naheliegend, den Fantasy-Film "The Dark Crystal" aus dem Jahr 1982 fast drei Jahrzehnte später zur Grundlage einer neuen Streaming-Serie zu machen. Sicher, das damals mit bahnbrechender Puppentechnik und gleichsam düsterer wie einfallsreicher Gestaltungslust beeindruckende Werk von "Muppets"-Erfinder Jim Henson und Co-Regisseur Frank Oz genießt Kultstatus.

Doch rechtfertigt das 2019 den Aufwand eines zehnteiligen Prequels, das mit seinem Rückgriff auf analoge Modelle aus der digitalen Zeit gefallen scheint?

Nach Ansicht der Macher von "The Dark Crystal: Age of Resistance" ("Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands") muss die Antwort "ja" lauten. Denn weil die von der Jim Henson Company für Netflix produzierte Serie so bewusst ihre ästhetische, technische und narrative Eigenheit behauptet, ragt sie aus dem Gros phantastischer Fiktionen heraus. Und es ist erstaunlich, wie schnell der initiale Verfremdungseffekt des Puppenspiels weicht und man sich als Zuschauer bereitwillig auf den Planeten Thra und seine faszinierenden Bewohner einlässt.

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Phantastisches Puppenspiel: Bilder zur Netflix-Serie "The Dark Crystal"

Alles Leben auf Thra kreist um den Kristall der Wahrheit, der zugleich rätselhaftes Naturphänomen, quasi-religiöses Relikt und Objekt der Begierde ist. So richten sich auch die in Tausenden von Jahren zementierten Machtverhältnisse an ihm aus: Als vermeintlich wohlmeinende Hüter des Kristalls herrschen die Skekse, eine technologisch fortgeschrittene Aristokratie vogelartiger Wesen, über den Planeten. Ihre Untertanen sind die Gelflinge, die in verschiedenen Klans verteilt auf und unter der Oberfläche Thras leben. Ethnische Vorurteile prägen das Verhältnis der Klans zueinander, und einig sind sich die Gelflinge nur in ihrer Ehrfurcht gegenüber dem Kristall und den mächtigen Skeksen.

Entschleunigte Erzählung mit Liebe zum Detail

Diese Ordnung bringt jedoch der junge Gelfling Rian ins Wanken. Rian, der in der Burg der Skekse als Wachsoldat dient, wird Zeuge, wie die vom körperlichen Verfall heimgesuchten Herrscher den Kristall zur Erlangung ewigen Lebens missbrauchen wollen - indem sie Gelflinge opfern und deren durch den Kristall entzogene Essenz aufnehmen. Rian gelingt die Flucht aus der Burg, doch bei seinem Versuch, die schreckliche Wahrheit in Thra zu verbreiten, muss er sich nicht nur dem Zugriff der Skekse entziehen, sondern hat auch mit dem Unglauben der anderen Gelflinge zu kämpfen. Damit nicht genug, befällt eine sonderbare Krankheit zunehmend Flora und Fauna des Planeten. Ihre Ausbreitung scheint ebenfalls im Zusammenhang mit dem Kristall zu stehen.

Im Video: Der deutsche Trailer zu "The Dark Crystal: Age of Resistance"

Für die Einführung der eigenen Mythologie und der zahlreichen Hauptfiguren lässt sich die Serie zunächst ungewohnt viel Zeit. Das entschleunigte Erzählen bietet dabei nicht zuletzt Gelegenheit, die kunstvoll gefertigten Puppen und Schauplätze in aller Detailpracht zu entdecken. Wenn dann ab der vierten Episode die einzelnen Handlungsstränge vermehrt zusammenfinden, zieht das Tempo merklich an. Aber bis dahin lohnt sich die Geduld, denn ein beträchtlicher Reiz von "The Dark Crystal" liegt in der sorgfältigen Herausarbeitung der Charaktere und ihrer wahrhaft von magischer Hand beseelten Welt, in der noch das kleinste Element erstaunen und verzücken kann.

Im englischsprachigen Original unterstützen zudem prominente Sprecher wie Helena Bonham-Carter, Simon Pegg, Andy Samberg, Jason Isaacs und Mark Hamill die Illusionsbildung. Diese Sprachversion ist unbedingt zu empfehlen, zumal "The Dark Crystal" trotz Puppenspiels mitnichten für kleine Kinder geeignet ist: Zwar geht es in Thra oft farbenfroh zu, und die Serie enthält auch Szenen von fast "Fraggles"-artiger Putzigkeit, doch schon im nächsten Moment lassen Mord, Folter und Intrigen das Ganze wirken wie einen erstaunlich schlüssigen Crossover aus Muppets und "Game of Thrones".

Allein schon den Skeksen bei ihrem grotesken Festbankett zuzusehen, kann für weniger robuste Mägen und Gemüter traumatische Folgen haben.So ist es vor allem die virtuos aufrecht gehaltene Ambivalenz zwischen Staunen und Schrecken, die "The Dark Crystal" als Fantasy überraschend hell strahlen lässt.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben eine Spoilerwarnung eingebaut.


"The Dark Crystal: Age of Resistance": Staffel 1 auf Netflix verfügbar



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
spon-facebook-1455703215 30.08.2019
1.
Danke für die Spoilerwarnung. Not.
BubbaGump 30.08.2019
2. Spoiler?
Was erwartet man, wenn man einen Bericht über eine neue Serie/ einen neuen Film liest? Das Spoilergeheule ist echt unerträglich geworden...
daypsidupsi 30.08.2019
3. Danke für die Spoilerwarnung! Indeed!
Nur das Fazit ist interessant. ?
jnek 30.08.2019
4. Klingt mäßig interessant
All das, worüber im Beitrag geschwärmt wird, was positiv angemerkt wird, all das findet sich bereit in der wirklich beeindruckenden Originalverfilmung. Doch das, was ich aus der Beschreibung hier herauslese, bedeutet, dass die Story wohl ziemlich verändert wurde. Wo sind die Uru, warum gibt es auf einmal so viele Gelflinge, was ist mit dem Dualismus der Uru und der Skekse die Gut und Böse darstellen und zum Schluss wieder vereint werden? Wo ist der Splitter des Kristalls, der fehlt und den der Gelfling Jen, so heißt er eigentlich, wieder einfügen soll? https://de.wikipedia.org/wiki/Der_dunkle_Kristall#Handlung Mein Tipp - lieber das Original anschauen. Dauert nicht so lange und ist auch toll.
axelkl 31.08.2019
5.
Das ist ja das schlimme an Netflix. Die verleiten dich andauernd dazu, dir Sachen anzusehen, die auch noch richtig gut sind, die Du dir ohne nie angesehen hättest
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