Neue Staffel »The Great British Bake Off« Totaler Eskapismus

Wie es mit der Monarchie weitergeht und wie mit Großbritannien überhaupt – unklar. Sicher ist aber: »The Great British Bake Off« bietet noch immer eine Welt, in der ein geschmolzenes Eis die größte Katastrophe ist.
GBBO-Kandidatin Rebs versaute ihre Karamellsauce

GBBO-Kandidatin Rebs versaute ihre Karamellsauce

Foto: mark bourdillon / Mark Bourdillon / Love Productions / Channel 4

Das Leben im Vereinigten Königreich ist zurzeit kein Zuckerschlecken, die Zukunft ungewiss. Wie es mit der Monarchie weitergeht, wie und ob Charles III. erneuert oder nur ab und an cholerisch austickt, ob endlich breite Debatten über die kolonialistische Vergangenheit Großbritanniens geführt werden und was eine Liz Truss diesem Land bringt – alles offen.

Was zählt, ist ein hemdsärmeliger Sportsgeist

Vielleicht ist angesichts dieser unsicheren Übergangssituation umso wichtiger, sich auf das zu konzentrieren, wo wirklich immer alles gleich bleibt, der Brexit ebenso wenig eine Rolle spielt wie die Frage, warum Charles III. von der Erbschaftsteuer befreit ist: Seit dieser Woche kürt die Realityshow »Great British Bake Off«, kurz »GBBO«, auf dem Fernsehsender Channel 4 die besten Bäcker des Landes. Es ist die 13. Staffel einer Show, die einen Raum jenseits politischer und gesellschaftlicher Kämpfe schafft.

Zwölf Kandidaten stehen einander in Küchenzeilen unter einem weißen Festzelt im südenglischen Berkshire gegenüber, es ist ein Setting, das sich zusammensetzt aus britischer Gartenparty, Country House und Willy Wonkas Schokoladenfabrik. Sie backen um die Wette und proklamieren in ihrem Tun eine in der politischen Zwietracht der vergangenen Jahre fast vergessene britische Utopie: Geografische und soziale Herkunft, Beruf, sexuelle Orientierung oder Gehalt spielen unter Kochschürzen und Mixern keine Rolle mehr. Was zählt, sind ein hemdsärmeliger Sportsgeist, Skills im Umgang mit ungesunden Lebensmitteln und das Urteil einer strengen, aber fairen Jury.

Juror Paul Hollywood musste sich zwar vor fünf Jahren dafür entschuldigen, dass er sich 15 Jahre zuvor auf einer Party als Nazi verkleidet hatte und Moderator Matt Lucas wurde mit Sendungen wie »Little Britain« oder »Come Fly With Me« berühmt, in denen er in Sketchen jahrelang mit schwarzer Schminke im Gesicht People of Color nachäffte. Die kleinen Skandale, die die Show selbst produziert, sind aber maximal unsportliche: Beim »Bin-Gate« etwa verlor ein Teilnehmer 2014 beim Anblick seiner geschmolzenen Eisspeise die Beherrschung und kippte sie daraufhin in die Tonne. Seiner Konkurrentin warfen Zuschauer daraufhin – unberechtigterweise – vor, das Dessert in einem Sabotageakt aus dem Kühlschrank genommen zu haben.

Zwölf neue Kandidaten backen beim GBBO um die Wette

Zwölf neue Kandidaten backen beim GBBO um die Wette

Foto: mark bourdillon / Mark Bourdillon / Love Productions / Channel 4

Selbst die Entstehungsgeschichte von »GBBO« ist ein modernes britisches Märchen: Mehrere Jahre lang pitchten die Produzenten Richard McKerrow und Anna Beattie ihre Idee an verschiedene Fernsehsender, bis sich die BBC im Jahr 2009 erbarmte und sie ins Programm nahm. Binnen sechs Staffeln wurde »GBBO« überraschend zu einer der beliebtesten Shows der britischen Fernsehgeschichte. Auf einem Höhepunkt – mindestens 13 Millionen Menschen schauten im Jahr 2015 das Finale – wechselte die Sendung für 75 Millionen Pfund zum Konkurrenten Channel 4 und blieb dort bis heute.

Auch zu Beginn der neuen Staffel nun, die bis Mitte November ausgestrahlt wird (und in Deutschland, genau wie die anderen Staffeln, nur über Channel 4 gestreamt oder über Amazon Prime gekauft werden kann), bewegt sich alles im Bereich der kleinen Tragödien: Viel zu flüssiges Karamell versaute der nordirischen Studentin Rebs fast ihre kaffeetrunkenen Sandwich-Cakes. Der Londoner Hausmann Will ruinierte in einer Challenge gleich zweimal die Buttercreme und Küken Maisam, 18 Jahre alt, schnitt ihren Biskuitteig zu, als er noch warm war. »Ooh«, seufzte Jurorin Prue Leith bei der Verkostung wissend, »fatal.«

Drei Kandidaten stellen alle anderen schon nach drei Wettbewerben in den Schatten: Der in Angola geborene Londoner Sandro besitzt eine einschlägige Vergangenheit im Boxen und Ballett und arbeitet nun mit 30 hauptberuflich als Vollzeit-Nanny. Daneben geht er zweimal am Tag ins Fitnessstudio und sieht das Backen als eine Form von Therapie, die ihm über den frühen Tod seines Vaters hinweghalf. Seine Küchlein in Form von weißen Rosen, die aus einem mit Rotwein-Ganache und Himbeeren gefüllten Schoko-Blumentopf wuchsen, waren ein süßer Traum.

Schrullig, schrill, campy

Konkurrent Janusz lebt mit Freund und Dackel in Brighton und haute die Jury mit einer Fondant-Replika des mit Blumen gesäumten Balkons seiner Mutter in Polen aus den Socken. Und Syabira aus Malaysia stellte in zwei Stunden den perfekten zwölfschichtigen Red Velvet Cake auf den Teller. »GBBO« ist bunt, schrullig, schrill, campy, totaler Eskapismus. Von allen für alle.

Der Londoner Will kämpfte mit der Buttercreme

Der Londoner Will kämpfte mit der Buttercreme

Foto: mark bourdillon / Mark Bourdillon / Love Productions / Channel 4

»Meine Einstellung zu Kuchen lautet: Ich bin dafür ihn zu haben und ihn zu essen«, meinte Ex-Premier Boris Johnson einst im Kampf um einen lebkuchenharten Brexit. Der Schaumschläger ist aus dem Amt, doch wie es mit Großbritannien weitergeht weiß keiner. Die Idee vom Kuchen für alle – und diesmal wirklich alle – lebt auch in der 13. Staffel im »GBBO« weiter.

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