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Erfolgsserie "The Handmaid's Tale" Plötzlich ist die Welt eine andere

Endlich ist das dystopische Drama "The Handmaid's Tale" auch in Deutschland zu sehen. Die Serie erzählt von einer Religionsdiktatur, die gleichermaßen radikal anders als auch schrecklich nah zu sein scheint.

"Normal ist immer das, woran ihr gewohnt seid", sagt eine der Frauen, die die Neuen einweist ins Neue. "Das alles hier mag euch momentan nicht normal vorkommen, aber in einer Weile wird es das sein. Es wird normal werden."

Das Neue, das erst noch normal werden muss, kam über sie wie vom Himmel geworfen. Über sie, die neuen Frauen, die sich als "Mägde" in einem Staat namens "Gilead" wiederfinden. Gerade ging noch jede ihrem Alltag nach: abends mit Freundinnen unterwegs, im Job genervt, mit dem Ehemann unterm Wolldeckenzelt albernd. Nun herrscht nach einem Staatsstreich eine autoritäre Theokratie: Frauen dürfen nicht arbeiten, ihr Dasein ist reduziert darauf, ob sie fruchtbar sind oder nicht. Alle Freiheiten und Rechte: weg. Plötzlich ist alles anders als in der "Zeit davor".

Es ist zunächst dieses Überrumpeltfühlen, das die Story von "The Handmaid's Tale", zu deutsch: "Report der Magd", so unheimlich wirken lässt. Das Gefühl, in einer Welt aufzuwachen, deren Regeln und Codes sich fundamental geändert haben, ist das Gefühl nach dem Brexit-Votum, nach dem Putschversuch in der Türkei, in der Erdogan mit einem Federstrich Journalisten zu Terroristen macht, nach der Wahl Donald Trumps. Und das obwohl der Roman aus dem Jahr 1985  stammt.

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Es passt also, dass Margaret Atwoods Weltbestseller ausgerechnet jetzt als Serie ins Fernsehen kommt - ab 4. Oktober nun endlich auch in Deutschland auf EntertainTV zu sehen. Grandios fängt die erste Staffel die beklemmende Stimmung der Vorlage ein, auch dank der brillanten Elisabeth Moss in der Hauptrolle der titelgebenden Magd. Gerade wurde die Serie überhäuft mit Emmys (fünf Stück), Staffel 2 ist in der Mache. Sie ist nichts weniger als die gesellschaftskritische Serie der Stunde.

Dann war es zu spät

"Spekulative Fiktion" sei es gewesen, als sie den dystopischen Stoff entwickelt habe, so die 77-jährige Atwood. 2017 wirkt diese Fiktion nun gar nicht mehr spekulativ, sondern reichlich real. Das Setting, eine unspezifisch nahe Zukunft in den USA, wurde in der Serie unverkennbar aktualisiert, mit Tinder, hässlich modernen Kinderwagen, Sätzen wie: "Als wir irgendwann von unseren Telefonen aufblickten, war es zu spät."

Als die Frauen aufblicken, finden sie sich nämlich in einer Geschlechterordnung nach der rassistischen Ideologie der Strengkonservativen. Männer haben in der Religionsdiktatur das Sagen, Frauen sind nur Prototypen, definiert über ihre Körper, markiert mit Farben: In jungfraumariablauen Kleidern die strenggläubigen, aber unfruchtbaren Ehefrauen. In blutroten Umhängen die Gebärfähigen, die "Mägde", mit enormen weißen Hauben wie Scheuklappen, die Kinderlosen zugeteilt werden, um sich einmal im Monat begatten, also: vergewaltigen, zu lassen. In grünen Wallekleidern die "Marthas", die Dienstboten der Häuser. Und Homosexuelle werden gehenkt.

"Wir haben ihnen mehr gegeben, als wir ihnen weggenommen haben", sagt einer über die Frauen. Man denke an früher, an die, die sich Silikon in die Brüste packten, nur um einen abzukriegen auf diesem "Fleischmarkt". "Unsere Gesellschaft ist an zu viel Auswahl gestorben", heißt es, und: "Frauen waren damals nicht sicher."

Es sind Momente wie diese, die uns unser Jetzt so präzise spiegeln. Sie lassen an Trumps Männerkabinett denken, das über Abtreibungsrechte urteilt , an die reaktionäre These, "deutsche Frauen" müssten verteidigt werden, an den AfD-Wahlslogan "Neue Deutsche? Machen wir selber", an den nebensächlichen Ton, mit dem über die Existenz von Hebammen entschieden wird. Und daran, wie Trump-Beraterin Kellyanne Conway den Euphemismus "alternative Fakten" erfand, um die Normalisierung des Unvorstellbaren zu forcieren.

Die Schemata sind simpel in Gilead, die Welt sortiert nach Blau, Rot, Grün. Lesen und Schreiben ist Tabu für jene Frauen. Selbst überm Fleischer hängt nur das Bild eines Schweins.

"Reiß dich zusammen. Kämpfe!"

Das aufrührerische Potenzial der Mägde zeigt sich in der Serie immer dann, wenn die Kamera in Adlerperspektive hoch über ihnen kreist: Die roten Punkte unten, sie wirken wie eine menstruationsfarbene Armee. Und in der Tat entsteht ein Geheimbund, ausgerichtet auf den Umsturz, auf eine Zeit "Danach". "Reiß dich zusammen", zischt Elisabeth Moss' Magd ihrer Freundin Moira (Samira Wiley, Poussey aus "Orange is the New Black") zu, "Kämpfe!". Die pinkfarbenen Mützen der neu erstarkten Frauenrechtsbewegung unter Trump sind da nicht weit - wobei sich Frauen gleich als Magd verkleiden, für stillen Protest.

Unterstützerinnen von Planned Parenthood protestieren vor dem Capitol im Juni 2017

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Foto: LO SCALZO/ EPA/ REX/ Shutterstock

Atwood, die die Drehbücher mitschrieb, betonte stets, dass sie sich für diesen Kosmos des Unrechts in der Realität bediente: So klingt das Lebensborn-Programm der Nazis genauso an wie die Stasispitzel-Atmosphäre der DDR - sie schrieb damals in West-Berlin -, der Umsturz im Iran 1979, die Desaparecidos während der argentinischen Junta, die Sklaverei mit ihrer Underground Railroad.

Wie phänomenal das Gespür der kanadischen Autorin dafür ist, über Unterdrückung derart zeitlos zu schreiben, wird sich in den kommenden Wochen noch häufiger zeigen: Im Oktober wird ihr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Und Anfang November erscheint mit "Alias Grace" ein weiterer Roman in Serienform erscheint, für Netflix adaptiert von Atwood zusammen mit der Filmemacherin Sarah Polley ("The Stories We Tell") und inszeniert von "American Psycho"-Regisseurin Mary Harron.

Ein "Report" ist ein Augenzeugenbericht, hier von einer, die der offiziellen Wahrheit über Gilead etwas entgegensetzt. Damit nicht nur die von Männern erfundene Historie - übrigens auch Thema von "Alias Grace" - über diese Ära gilt. Es ist die Kernbotschaft von Atwoods Schreiben: Wir brauchen immer auch die Zeugnisse der anderen.


"The Handmaid's Tale - Der Report der Magd", ab dem 4. Oktober bei EntertainTV von Telekom Deutschland

Hinweis der Redaktion: Wir haben die Bildunterschrift unter dem Foto aus Washington korrigiert

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