TV-Serie "The Hour" Und jetzt die Nachrichten

"Mad Men" im Medienzirkus: Die TV-Miniserie "The Hour" über Journalisten, die in den Fünfzigern das britische Fernseh-Flaggschiff BBC flottmachen wollen, lockt mit Vintage-Flair und tollen Schauspielern. Die Story wirkt zwar etwas atemlos, aber sechs Stunden Spaß sind drin.

Arte/ Kudos Film

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Die große Frage, die sich nach jeder Folge "Mad Men" stellt, ist: Trinke ich jetzt lieber einen Martini oder einen Old Fashioned? Die US-Serie inszeniert die sechziger Jahre mit solch sinnlicher Opulenz, dass die Getränkewahl ihrer Figuren sich fast unmittelbar in Durst beim Zuschauer übersetzt.

Bei der BBC-Serie "The Hour", die Arte von Donnerstagabend an zeigt, liegt die Sache anders - zum Glück. Denn obwohl sich "The Hour" mit den fünfziger Jahren einer zurzeit allgegenwärtigen Stil-Dekade annimmt, kommt die Miniserie so schattig, kühl und unglamourös daher, wie man sich das Kalte-Kriegs-London nun mal vorstellt. Was nicht heißt, dass mit Zeitkolorit gegeizt wird. Auch hier fangen Nierentische und kurvenumschmeichelnde Wollkleider unsere Blicke ein. Doch "The Hour" will vor allem viel erzählen - fast ein bisschen zu viel.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die alten Freunde Bel Rowley (Romola Garai, "Abbitte") und Freddie Lyon (Ben Wishaw, "Cloud Atlas"), die gemeinsam bei den Fernsehnachrichten der BBC arbeiten. Ihre Freundschaft, die, ginge es nach Freddies Willen, auch gerne mehr als nur das sein könnte, erlebt eine erste Belastungsprobe, als ein neues investigatives Nachrichtenmagazin entwickelt wird und Bel zu einer der ersten Produzentinnen im Senderverbund aufsteigt.

Spionage-Thriller, Journalisten-Soap, Sittenporträt

Die zweite Belastungsprobe folgt, als der schnöselige Hector Madden (Dominic West, "The Wire") als Moderator für "The Hour" eingekauft wird und Bel langsam, aber sicher dem Karrieristen erliegt. Bevor sich Freddie jedoch zu sehr über die Liebelei erzürnen kann, steckt er selbst in einer undurchdringlichen Sache: Eine junge Frau ist ermordet worden, die Indizien deuten auf eine Verschwörung in höchsten Regierungskreisen - und Freddie ist der Einzige, der an die Geschichte glaubt.

Konzipiert und geschrieben hat "The Hour" Abi Morgan, die spätestens seit ihrem Drehbuch zum Thatcher-Porträt "Die eiserne Lady" zu den profiliertesten Film- und Fernsehautoren Großbritanniens gehört. Auch die Vorlage zum Sexsucht-Drama "Shame" stammt von ihr. Dessen Regisseur Steve McQueen sagte später über die Zusammenarbeit mit Morgan: "Sie ist brillant, aber ihre Geschichten und Sätze haben immer ein klares Ziel vor Augen." Damit benennt er ziemlich genau das Problem von "The Hour": Flüchtige Stimmungen gibt es hier nicht, alles hat seinen Zweck und geht atemlos dem Finale entgegen.

Das heißt nun aber nicht, dass sich Morgan entschieden hätte, welche Art von Serie "The Hour" denn eigentlich sein soll. Spionage-Thriller? Journalisten-Soap? Sittenporträt? Ein bisschen von allem steckt drin, was ja nicht stören muss, wenn alles nur unterhaltsam genug ist. Und das ist "The Hour" durchaus, wenn man sich denn an das ruckelige Erzähltempo gewöhnt hat.

Das kann nur altes Geld

Vor allem die drei Hauptfiguren sind amüsant überzeichnet. Dominic West versprüht bulligen Charme, der verständlich macht, wie das britische Klassensystem funktioniert: Sein Hector hat weder großes Talent noch Überzeugungen, nimmt seinen Platz vor der Kamera aber mit einem Anspruchsdenken ein, wie es nur von old money herrühren kann. Romola Garai verleiht ihrer Bel eine leicht schlafwandlerische Sinnlichkeit, die nicht so recht zu ihren beruflichen Anforderungen passt, aber immerhin das Liebesdreieck stabilisiert. Ben Wishaws Freddie ist derweil damit beschäftigt, seine journalistischen Ambitionen, die Gefühle für Bel sowie seine Haartolle in den Griff zu kriegen.

Wirklich stimmig ist allerdings nur eine Nebenfigur: die gestandene Kriegsreporterin Lix Storm, bei der Anna Chancellor gekonnt durchscheinen lässt, welchen persönlichen Preis sie für ihre Karriere bezahlen musste. Über ihren Werdegang hätte man gern mehr erfahren, doch dafür nimmt sich "The Hour" keine Zeit. Dass die Serie gestaucht wirkt, liegt natürlich auch daran, dass die Staffeln nur sechs Folgen umfassen, für größere Erzählbögen also gar kein Platz ist.

Dennoch drängt sich die Frage auf, ob ein labyrinthisches Gebilde wie die BBC ein gut gewählter Handlungsort für so eine Miniserie ist. Wo sich eigentlich Hunderte, nein, Tausende von Mitarbeitern durch die Gänge drängeln sollten, wirkt die überschaubare Zahl an Figuren in "The Hour" künstlich begrenzt. Dass außerdem ein Vertreter der Regierung, der beste Kontakte zu Downing Street Nr. 10 unterhält, kaum etwas anderes zu machen scheint, als am Set des Nachrichtenmagazins das Treiben zu kontrollieren, erscheint wenig plausibel.

Aber Plausibilität sollte man bei "The Hour", wie gesagt, eh in den Wind schreiben, dann kann man mit der Serie sechs vergnügliche Stunden verbringen. Und vielleicht stellt sich ja zum Schluss doch das Bedürfnis nach einem großen Glas kohlesäurearmen Biers ein.


"The Hour", 20.15 Uhr, Arte



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liberale18 07.03.2013
1. Empfehlenswerte Sendung
Ich habe die erste Staffel bereits im vergangenen Jahr im englischen Original gesehen. Interessant ist die Entwicklung des Charakters von Dominic West während der ersten Staffel. In vielen Dingen ist die Serie eine Momentaufnahme der Fünfziger Jahre, v.a. auch wenn man die zweite Staffel sich anschaut. In vielen Dingen bezieht sich die Handlung auf Grossbritannien aber sie laesst sich auch auf die Bundesrepublik übertragen. Da es eine Serie der BBC ist wurde sie im übrigen durch Gebühren finanziert. Nur nicht durch die des deutschen Gebührenzahlers dessen Beitrag von ARTE (einem Spartensender) verwendet wurde um eine Sendung einzukaufen die durchaus auch in der ARD ihren Platz hätte.
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