Kostümdrama "The King" auf Netflix Kettenhemd im Skinny-Fit-Look

Netflix geht auf Oscarjagd, unter anderem mit der Shakespeare-Adaption "The King". Die wirkt zwar stahlgebürstet für die Award-Saison, entpuppt sich jedoch als zähe Schwarte.

Netflix

Von Joachim Hentschel


Undenkbar, im November 2019 einen neuen Film über alte englische Königshäuser, Machtspiele und britisches Territorialgeplänkel zu sehen, ohne ihn minütlich nach Brexit-Metaphern abzusuchen. Allerdings: Es dauert fast zwei Stunden Lebenszeit, bis man in "The King" von David Michôd endlich etwas findet.

Da kommt der englische König Heinrich V. 1420 in die Stadt Troyes. Er betritt mit seiner Entourage den Audienzsaal Karls VI. von Frankreich, und wir sehen diesen Karl, wie er - schräg auf seiner Sitzbank liegt. Exakt wie Jacob Rees-Mogg, der berühmte böse Mann des britischen Unterhauses, der keine Lust mehr auf Debatten hat. Zufall? Oder ein Kommentar zum Allmachtswahn der Briten? Das Türchen hoch zur Metaebene von "The King", der neuen, tonnenschweren Shakespeare-Verfilmung, die man auf Netflix sehen kann?

Nein, nein und nein. Abgesehen davon, dass bei genauem Hinschauen keine der Interpretationen einen halbwegs belastbaren Sinn ergibt: Als sich Jacob Rees-Mogg am 3. September gähnend auf der Parlamentsbank aalte, war die Premiere von "The King" in Venedig schon einen Tag vorbei. Ganz abgesehen davon, aber das nur am Rand, hat die Erzählung vom Brexit nicht mal im Ansatz das dramaturgische Potenzial, das man aus Shakespeares Dramen kennt. Ihre Figuren sind einfach nicht tragisch genug. Sie haben zu wenig Fallhöhe, pflegen zu viel plattes Kalkül.

Alibi-Kinostart zur Oscarqualifikation

Leider ist dem australischen Regisseur David Michôd ("Animal Kingdom", "The Rover") mit "The King" etwas ganz Ähnliches passiert. An drei Theaterstücken - Teil eins und zwei von "Heinrich IV." sowie "Heinrich V." - hat er so lange geschabt und gepresst, bis die Überreste in einen einzigen, knapp zweieinhalbstündigen Spielfilm hineinpassten. Anders gesagt: "The King" ist eine ziemlich zähe Schwarte geworden. Und die Worcestersauce reicht längst nicht für alle.

Worum es geht: Der Königssohn Heinrich (Name von der Synchronisation vorbildlich ins Deutsche übersetzt) folgt im frühen 15. Jahrhundert widerwillig seinem Vater auf den Thron. Er muss die lustige Sauferei aufgeben, ins politische Leben eintauchen. Wird dann auch noch von seinen Beratern zu einem Krieg gegen Frankreich gedrängt, den er für überflüssig und ekelhaft hält.

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"The King": Tief im Historiendrama-Tunnel

"The King" wurde von Brad Pitts Firma Plan B und Netflix produziert, im selben Bündnis wie Michôds Vorgängerprojekt "War Machine". Der neue Film wirkt allerdings, als sei er noch intensiver für die Award-Saison stahlgebürstet worden. Ein kurzer Alibi-Kinostart in den USA diente vor allem der Oscarqualifikation (im Gegensatz zu Spanien, Irland oder Japan lief der Film in Deutschland nicht im Kino), das Thema und die Gravitas von "The King" liegen entsprechend. Nominierungen für die Heinrich-Rolle gab es schon 1946 für Lawrence Olivier und 1989 für Kenneth Branagh, den gefürchteten Shakespeare-Volksaufklärer der Achtziger- und Neunzigerjahre.

Jetzt trägt Timothée Chalamet das heilige Kettenhemd, im Skinny-Fit-Look, und mit dieser herrlichen Mischung aus bodenloser Daseinsverzweiflung und Couldn't-care-less-Zickigkeit, die ihn zum Jungstar der Stunde gemacht hat. Für den Oscar wurde er schon 2018 mit "Call Me By Your Name" nominiert, er braucht Shakespeare nicht.

Aber hier hängt er nun leider mit drin, im langen Historiendramatunnel voller entsättigter Farben und flackernder Funzeln, guttural geraunter Dialoge, starrender Geistlicher und sterbender Könige, die im letzten Moment noch irgendeinen Satz beginnen, den sie natürlich nicht mehr fertigkriegen. Besonders in der ersten Hälfte von "The King" gibt es Momente, in denen man hofft, Anthony Hopkins könnte hereinkommen und einen übereifrigen King-James-Englisch-Monolog abfeuern. Und das wünscht man sich sonst nur sehr selten.

Pattinsons "Ritter der Kokosnuss"-Akzent

Dabei ist das Problem nicht bloß die altbackene Bildsprache. Damit alle Personen in den strikt gerafften Plot passen, hat Regisseur Michôd viele der bestens differenzierten und motivierten Shakespeare-Figuren zu Funktionscharakteren zusammengestoppelt. Und so ist es in der letzten Filmstunde einem bizarren Gimmick zu verdanken, dass "The King" doch noch in die Gänge kommt, zumindest ein bisschen.

Da hat Robert Pattinson zwei Auftritte als obszöner französischer Thronfolger, mit blonder Hundesalonfrisur und beklopptem "Ritter der Kokosnuss"-Akzent. "Eure Eier müssen gewaltig sein", ärgert er den Engländer, "gewaltige Eier mit einem kleinen Schwanz!" Der Satz stammt nicht aus der Vorlage und rutscht nur knapp unter der "Frei ab 16"-Latte durch. Aber dramaturgisch schafft er das, was davor kein Murmeldialog hingekriegt hat: Er weckt den müden Ritterfilm aus seinem Tiefschlaf.

Vielleicht ist im Jahr 2019 eben viel mehr "Game of Thrones" und viel weniger Shakespeare nötig, um eine Schlacht anzuzetteln.

insgesamt 12 Beiträge
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cherrylady 06.11.2019
1.
In der Tat, der Film war öd. Bei Ton und Farben hatte ich zwischendurch den Eindruck mein Fernseher wäre kaputt. Es war aber vom Künstler so gewollt.
Askanius 06.11.2019
2.
Herr Hentschel, ich teile ihre Kritik nicht ! Ich bin ein großer Fan von historischen Filmen und ich fande ihn sehr gut. Schade das er nicht in deutschen Kinos lief. Bei dem ganzen Schrott an Filmen in den Kinos, ist dies doch sehr verwunderlich.
Marinus_Ladegast 06.11.2019
3. Hmm nnnja.
Für meinen Geschmack ein etwas zu selbstverliebter Artikel, der ein bisschen so klingt, als müsste ein Shakespeare-Versteher erst einmal "Dilettanten" wie Kenneth Branagh und Anthony Hopkins auf ihren Platz verweisen, bevor er zum Thema kommt. Besonders merkwürdig finde ich, dass Herr Hentschel einen Großteil seiner Rezension für einen sinnlosen Brexit-Vergleich verschwendet - und dabei bizarrerweise sogar selber zum Schluss kommt, dass der EU-Austritt der Briten und "The King" nichts miteinander zu tun haben. Ca. 30 Prozent einer Filmbesprechung für die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Von diesen Punkten abgesehen erscheint mir die Kritik schlüssig, auch wenn ich den Film noch nicht gesehen habe. Ich mir durchaus vorstellen, dass es Verfilmungen dieser Art in der Nach-GoT-Zeit nicht ganz leicht haben. Ich werde mir "The King" auf jeden Fall anschauen, eine Bewertung von momentan 7,4 auf imdb klingt ja jetzt auch nicht sooo schlecht.
Wirrrkopf 06.11.2019
4. Ist so mittelmäßig. Mir haben die Versionen von
Kenneth Branagh besser gefallen. Da war nichts originelles, überraschendes, berührendes im Film. Alle Figuren blass und lahm. Kann man so an einem Abend wegsehen aber wers nicht gesehen hat der hat definitiv nichts verpasst. Einen Oskar hat das Teil mit Sicherheit NICHT verdient.
W.C.Fields 06.11.2019
5. .....
Was kann schon noch nach Kenneth Branaghs grandiosen Verfilmung/Darstellung kommen? Nichts! Allein "The salic law" ist ein Highlight in der Filmgeschichte!
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