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Neue Amazon-Prime-Serie: Das Böse hat gesiegt

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Amazon-Serie "The Man in the High Castle" Die Vereinigten Nazi-Staaten von Amerika

Von Thomas Andre

Was wäre, wenn das "Dritte Reich" den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte? Amerikaner begrüßen sich mit Hitlergruß, und der Ausdruck "Greater Nazi Reich" fällt unentwegt - in der Amazon-Produktion "The Man in the High Castle" regiert das Böse.

Die neue Prestige-Serie zeigt Japan als Besatzer der Westküste: den Pacific States of America. Die Deutschen herrschen über die Ostküste. Braunhemden patrouillieren auf den Straßen New Yorks, auf dem Times Square prangt ein überdimensionales Hakenkreuz. Es ist 1962, man begrüßt sich mit "Sieg Heil", spricht von "The Fuhrer", der im fernen Zentralstaat seine zitternden Parkinson-Hände vor dem weltweiten Publikum versteckt, während Goebbels und Göring mit den Hufen scharren: Wenn Hitler stirbt, soll die Atombombe auf Japans Provinzen in Amerika fallen.

Das ist das Setting in der überaus dystopischen - wäre eine negativere Utopie vorstellbar? - zehnteiligen Serie von "X-Files"-Regisseur Frank Spotnitz. Eine Adaption des gleichnamigen und auf Deutsch "Das Orakel vom Berge" betitelten Science-Fiction-Romans von Philip K. Dick, der bereits 1962 erschien. Dessen geschichtliche Alternativversion des blutigen 20. Jahrhunderts wird nun aufwendig produziert wiederbelebt.

Es ist ein teutonisiertes Amerika, das einem hier begegnet: Schon in Jeanette Olssons Titelsong, einem raunenden, sinistren Cover des Fünfzigerjahre-Musicals "Edelweiss", dringen deutsche Vokabeln in die freie Welt, die hier eben genau das nicht ist. Auch die Statthalter der Nazis in Übersee heißen "Obergruppenführer", tragen Nazi-Binden und halten am Frühstückstisch Erbauungsreden, die ihren Söhnen den Individualismus austreiben sollen und die Herrlichkeit des übergeordneten Ziels preisen, das Einreihen in die Volksgemeinschaft. In den Kinos laufen aufs US-Publikum zugeschnittene Propagandafilme.

Gaskammern gibt es jetzt serienmäßig

In dieses überdeutlich konturierte Horrorszenario wird in "The Man in the High Castle" der Kampf Gut gegen Böse gepflanzt. "Gut" ist notwendigerweise in der Minderheit, exemplarisch tritt es in Juliana Crain (Alexa Davalos) und ihrem Freund auf, dem jüdischstämmigen Frank Frink (Rupert Evans). Crains Halbschwester wird von der brutalen japanischen Sicherheitspolizei in San Francisco getötet. Sie war im Besitz geheimer, antifaschistischer Filmaufnahmen, die den Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg imaginieren und deren rebellische Kraft die Gewaltherrscher fürchten.

Eine Filmrolle selbigen Inhalts entdeckt auch Joe Blake (Luke Kleintank) auf seiner Auftragsfahrt in Richtung der Rocky Mountain States, einer neutralen Zone zwischen dem japanischen und dem deutschen Gebiet, in seinem Fahrzeug. Blake hat sich gerade der Ostküsten-Resistance angeschlossen und hält gleichzeitig, wie bald gezeigt wird, Kontakt zu einem der schneidigen US-Chefnazis, John Smith (Rufus Sewell).

Womit klar ist: Blake ist ein Doppelagent, an dessen Schicksal sich das Ringen zwischen den Freiheitskämpfern und den Unterdrückern mutmaßlich entscheiden wird.

Die Mixtur aus Agentenstoff, Actionsequenzen, Film Noir und historischem Spiel - Letzteres ist in einem Kalten Krieg zwischen Deutschen und Japanern auf die Spitze getrieben, den geheime Kräfte auf beiden Seiten zu verhindern suchen - wird mit einem Sinn für symptomatische Szenen und Spannung ins Werk gesetzt. Die alles überlagernde klaustrophobische Atmosphäre spiegelt das Ersticken der westlichen Werte und gipfelt in einem drastischen Handlungsteil, der beispielhaft für den Plot sein mag: Die jüdische Familie eines im japanischen Polizeigefängnis erfolglos Gefolterten wird in einem Nebenraum der Marteranstalt nicht einfach nur getötet, sie wird vergast. Die Tötungsart hat sich schließlich bewährt, Gaskammern gibt es jetzt serienmäßig.

Der eigentliche Clou von "The Man in the High Castle" ist der Verfremdungs- und Entfremdungseffekt, der sich mit der fiktiven Überlagerung der Epochen einstellt. Die verstörende Wirkung des Design-Mash-ups ist nachhaltig, weil die amerikanischen Sechzigerjahre, die im kulturellen Gedächtnis für die Geburt der Popkultur und für Hollywood stehen, durch die alles durchdringende Nazi-Symbolik heftig kontaminiert werden.

Die Führer-Visage auf den Dollarscheinen wirkt wie ein dreckiger Witz aus der Hexenkammer der Es-hätte-alles-anders-ausgehen-können-Paranoiker. Und ja, in einer Zeit der abermaligen Bedrohung der freiheitlich-demokratischen Welt durch den Terror der falschen Ideen darf "The Man in the High Castle" eine besondere Aktualität beanspruchen.


"The Man in the High Castle" läuft ab Freitag in der englischsprachigen Originalfassung und auf Deutsch ab dem 18. Dezember auf Amazon Prime.

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