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"The Marvelous Mrs. Maisel", Staffel Drei: Uferlos, elegant und stürmisch

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Amazon Studios/ Prime Video

Comedy-Juwel "Mrs. Maisel" In Gag-Gewittern

Adventszeit ist "Mrs. Maisel"-Zeit: Ein weiteres Mal beglückt uns Amazon zum Jahresende mit einer neuen Serienstaffel um die grandiose Stand-Up-Komikerin. Ein Serien-Highlight!

Wer sich später einmal fragt, wie das war, als die Kunstform Serie eine visuelle Kraft entwickelte, die zuvor nur im Kino zu sehen war, müsste "The Marvelous Mrs. Maisel" schauen. In den acht Folgen der dritten Staffel sorgen die Einfälle von Amy Sherman-Palladino und ihrem Mann Daniel, die "Mrs. Maisel" gemeinsam schreiben und inszenieren, geradezu für Schwindelgefühle.

Die Kamera kreiselt, verliert die Hauptfiguren aus dem Blick und findet sie erst nach Umwegen durch Kulissen und vorbei an Kostümen wieder; gleichzeitig entladen sich über diesem Bilderrausch Dialog- und Gag-Gewitter, uferlos, elegant und stürmisch.

Die neue Staffel der seit 2017 laufenden Amazon-Serie um eine New Yorker Upper-Class-Hausfrau, die Ende der Fünfzigerjahre als Stand-up-Comedian Karriere macht, prunkt mit mehreren dieser komplizierten, meist ungeschnittenen Sequenzen, in denen die Hauptfigur Midge Maisel (Rachel Brosnahan) sich unter Hunderte Statisten mischt, während die Kamera ihr durchs Getümmel folgt: Eine Szene spielt in einem Flugzeughangar, wo Maisel vor US-Soldaten auftritt, eine andere in einem Spielkasino in Las Vegas.

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"The Marvelous Mrs. Maisel", Staffel Drei: Uferlos, elegant und stürmisch

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Das schönste Beispiel für die Kunst der Palladinos aber ist einfacher, es spielt in der labyrinthischen Wohnung von Maisels Eltern an Manhattans Upper West Side. Hier wird der Zuschauer Zeuge eines Familienstreits, der sich über sechs Minuten in eine epische Wortschlacht steigert. Eigentlich will Midge Maisel nur schnell ein Kleid abholen, aber sie platzt in eine Auseinandersetzung zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater über seine Weltfremdheit und die Frage, woher überhaupt das Geld stammt, das der Familie ihr mondänes Leben mit Hausangestellten und Gesellschaftsempfängen ermöglicht.

Sie wird hineingezogen in den Strudel der gegenseitigen Vorwürfe, es geht um Materialismus und die gescheiterte Ehe von Midge, um Jack Kerouac und Che Guevara, um den Stand-up-Comedian Lenny Bruce und das Recht auf freie Rede. Die verbalen Stürme wogen immer wilder, und schließlich entringt sich der Kehle ihres Vaters der offenbar ultimative Vorwurf: Sie habe aufgehört, Klavierunterricht zu nehmen. Worauf sie antwortet: "Da war ich acht, Papa."

In solchen Momenten wirkt die Serie mit ihren liebevoll übertriebenen Miniaturen jüdischen Familienlebens wie Woody Allen auf Speed. Im Gegensatz zu dessen Filmen verkapselt sich "Mrs. Maisel" aber nicht in dieser Welt, sondern lässt die Geschichte Themen der Gegenwart spiegeln. Im Kern geht es nach wie vor um Selbstermächtigung und Selbstverwirklichung.

Mittlerweile ist die Geschichte in den frühen Sechzigerjahren angekommen. Midge Maisel erhöht ihren Bekanntheitsgrad signifikant, als sie mit dem Swingsänger Shy Baldwin auf Tour geht. Mit ihrer Managerin gerät sie in Streit, weil die sich entschließt, ausgerechnet ihre größte Konkurrentin zusätzlich als Klientin zu vertreten. Auch Maisels Eltern werden sich an neue Umstände gewöhnen müssen: Ihr Vater hat seinen Job als Professor an der Universität gekündigt, der Geldstrom aus dem Treuhandfonds der reichen Familie seiner Frau versiegt - und das Ehepaar bezieht gezwungenermaßen ein Zimmer im Haus der verhassten Eltern ihres Ex-Schwiegersohns.

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Wohin Midge Maisels Weg führen wird, ist noch nicht klar. "Männer wachsen, wenn sie scheitern; Frauen schrumpfen", sagt sie, nachdem ihr erster Auftritt vor großem Publikum in Las Vegas gründlich schiefgeht. Der Wirbel der Veränderung, der sie quer durch die USA fegt, lässt ihr zwar kaum Zeit zum Luftholen; aber langsam dämmert ihr, welch hohen Preis sie für die Entscheidung wird zahlen müssen, als Künstlerin zu leben.

"Mrs. Maisel" bleibt die Geschichte einer Emanzipation gegen alle Widerstände. Die diesem Thema inneliegende Dramatik allerdings geht stellenweise verloren, wenn jede Szene wie ein filmischer Trommelwirbel choreografiert ist und jeder Dialog wie eine Reminiszenz an Screwballkomödien wie "Leoparden küsst man nicht" klingt.

Dann scheint es, als würde die Serie doch arg um sich selbst kreisen. Als berauschten die Schöpfer sich an den Möglichkeiten, die sie dank der finanziellen Mittel und der kreativen Freiheit haben, die Amazon ihnen bietet.

Andererseits macht gerade das "Mrs. Maisel" so reizvoll: Im Zeitalter der Streamingserien bekommen Künstler wie Amy Sherman-Palladino erstmals in der Geschichte des Fernsehens die Möglichkeit, ihre Ideen wirklich auf die Bildschirme zu bringen. Möglich, dass sie dabei hier und da übers Ziel hinausschießt. Aber selbst dieses Scheitern ist bei "Mrs. Maisel" so schön anzusehen wie nirgends sonst.