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The Masked Singer auf ProSieben: Kakadu und Steampunk-Antilope

Foto: Willi Weber/ProSieben/ DPA

"The Masked Singer" Plüschmonster mit Haltungsschaden

Endlich wieder wertiger Wahnsinn im TV! Der international erfolgreiche Gesangsshow-Ratespiel-Mummenschanz "The Masked Singer" startete in Deutschland - und ist zum Glück so komplett bescheuert wie anderswo.

Carsten Maschmeyer, verkleidet als distinguierter Grashüpfer? Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Hat sich Stefan Raab in seinem TV-Exil vom bestimmt bequemsten Sofa der Welt hochgewuchtet, um in einem flamboyanten Kakadu-Kostüm "You are so beautiful to me" zu croonen? Pfff, könnte ja sein. Könnte es tatsächlich, zumindest scheint in dieser Show - wenigstens zu Beginn - alles möglich zu sein. Bei der deutschen Premiere von "The Masked Singer" konnten alle Fans der internationalen Fassungen dieses Formats schon nach wenigen Minuten beruhigt aufatmen beziehungsweise exaltiert aufquietschen: Auch die hiesige Variante des Gesangsshow-Ratespiel-Mummenschanzes ist völlig plemplem, gnadenlos überdreht - und toll.

Die Grundidee klingt dabei wie ein Pitch aus einer Komödie über die Unterhaltungsbranche, den seine irren Erfinder dort mit heißen Ohren einem mächtigen Senderboss vortragen, um wegen der Absurdität ihrer Idee sogleich grob durch eine Falltüre entsorgt zu werden: Zehn Prominente stecken in aufwendigen, mutmaßlich in dampfenden Fieberträumen designten Kostümen und treten in Gesangsduellen gegeneinander an. Wer sie sind, weiß selbst aus dem Produktionsteam bei ProSieben nach Senderangaben nicht mal ein Dutzend Leute - der Reiz der Sendung liegt nicht darin, den besten Sänger oder die beste Sängerin unter ihnen zu ermitteln, sondern im detektivischen Spaß, anhand ihrer Stimmen und kleiner verschlüsselter Hinweise zu enttarnen, wer hinter der Steampunk-Antilope, wer im pinkfarbenen Plüschmonster mit Haltungsschaden steckt: Am Ende jeder Folge wird jeweils das Kostüm demaskiert, das für seinen Auftritt die wenigsten Zuschaueranrufe bekam. Damit an dieser sensiblen Stelle nichts durchsickert, sendet ProSieben seine Shows als einziger der internationalen "Masked Singer"-Sender live.

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The Masked Singer auf ProSieben: Kakadu und Steampunk-Antilope

Foto: Willi Weber/ProSieben/ DPA

Unter den Geheimkandidaten sollen sich "Weltmeister, Gesangsstars, Leinwandhelden" verbergen, verspricht Moderator Matthias Opdenhövel zu Beginn, und die wirklich spannende Frage ist darum zum Auftakt: In welcher Preisklasse hat ProSieben seine Kostümfüllmasse eingekauft? Steckt in den elaborierten Vermummungen nur bereits angegrabbelte, Sender-nahe Wühltischware, oder könnte tatsächlich am Ende wirklich auch der internationale Topstar enttarnt werden, den die Jury zumindest in einem der Viecher vermutete? Schließlich schälte sich in der koreanischen Variante auch schon Ryan Reynolds aus einem eher improvisierten Einhorn-Duschvorhang.

Grashüpfer in Nadelstreifen

Die deutschen Kostüme sind, angelehnt an die US-Version, deutlich aufwendiger: Es gibt etwa einen venezianisch anmutenden Engel, der einen möglicherweise aus abgelegten Strapsgürteln gefertigten Heiligenschein und ein Kajagoogoo-mäßiges Frisurengebimsel trägt (und sehr ambitioniert "Tainted Love" röhrt), dazu einen Grashüpfer, der im Nadelstreifenanzug die Dandyvariante einer Investoren-Heuschrecke verkörpert. Herrlich, wie unpraktisch ihm die hinteren Hüpfbeine aus dem Rücken ragen!

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US-Version "The Masked Singer": Ensemble aus Wunderviechern

Foto: imago/ Cinema Publishers Collection

Einziger Schwächepunkt von "The Masked Singer" ist eventuell die Jury, der zur perfekten Komposition ein unberechenbarer, brüllfreudiger Wahnsinniger fehlt, wie ihn die US-Variante genial mit Ken Jeong aus "Community" besetzte. In der deutschen Version raten Ruth Moschner, Collien Ulmen-Fernandes, Max Giesinger und jeweils ein Gast, in der Auftaktfolge war das Rea Garvey. Nach der ersten Show darf man getrost die Vermutung äußern, dass (der verstörend tief dekolletierte) Max Giesinger als Kind eher keinen Detektivkoffer hatte: Die meisten seiner Tipps waren schlicht hanebüchen, so vermutete er im Kostüm des offensichtlich hochgewachsenen, gesangsbegabten Panthers die entschieden kleingewachsene, eeek-stimmige Bibi "aus dem Beauty-Paradise", im Oktopus mit der Röhrenstimme wähnte er Verona Pooth. Tatsächlich handelte es sich um Lucy Diakovska, ehemals bei den "No Angels", wie am Ende der Sendung enthüllt werden wird.

Ahnungslos und kenntnisreich

Die Jury funktioniert trotzdem, weil sie mit ihren mal offensichtlich ahnungslosen, mal durchaus kenntnisreichen Spekulationen ("Nur 'Bachelor'-Kandidatinnen können auf solchen Schuhen laufen!") den Mitrate-Impuls beim Zuschauer befeuern, dem man sich auch dann nicht entziehen kann, sollte man diese Show einfach nur nachgerade albern finden. Ist der Grashüpfer Lou Bega oder Giovane Elber? Steckt im Monster Blümchen oder Maite Kelly - oder doch Evelyn Burdecki, wie die Stimme und vor allem der Umstand, dass das Monster nach seinem Auftritt den Bühnenausgang nicht fand, nahelegen? Beim Auftritt des Astronauten (in einem Glitzeranzug zwischen Swarovski und Topfscheuerschwämmchen) kräuselt man bei den leicht angejammerten Stellen konzentriert die Ohren: Ist das mehr Max Mutzke oder doch Andreas Bourani? "Ist der Kakadu vielleicht Gregor Gysi?", twittert jemand, und man überdenkt seinen eigenen Jürgen-von-der-Lippe-Verdacht noch einmal. Unbestritten hat "The Masked Singer" echtes Digitales-Lagerfeuerpotenzial, das über die bloße Lästergemeinschaft bei Trash-Formaten hinausgeht, und das ist heute ein seltenes Gut.

Es bleibt sehr zu hoffen, dass die Show ihre guten Anlagen nicht durch ein allzu inzestuös aus typischem Senderpersonal zusammengecastetes Ensemble verramscht. Dann kann "The Masked Singer" wirklich wertiger Wahnsinn sein, eine sonst schlimm vernachlässigte Unterhaltungsfarbe. "Es ist doch schön, dass in diesen politischen Zeiten ein Monster, ein Astronaut, ein Oktopus und ein Schmetterling friedlich nebeneinander auf der Bühne stehen können", sagt Collien Ulmen-Fernandes an einer Stelle, und sie hat recht: Wenn schon Fernsehen als Eskapismus, dann bitte so.

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