"The Masked Singer" im Corona-Modus Klozart-Kugeln und Trash-Pralinen

Klopapier-Komponisten, einäugige Nudelsocken und nonchalante Rapper: "The masked Houseparty" des österreichischen Senders Puls 4 lotet aus, wie weit Mangel-TV gehen kann. Die Antwort: ziemlich weit.
Klozart bezirzt die TV-Zuschauerinnen und Zuschauer

Klozart bezirzt die TV-Zuschauerinnen und Zuschauer

Foto:

PULS 4

Möglicherweise singt hier gerade eine Unterhose, hastig als Handpuppe in Form gezurrt. Die Nase scheint aus dem Eingriffstück modelliert, die Augen könnten aus umgedrehten Schnapsgläsern sein, gefüllt mit je einer schwarzen Kullerolive. Die Frisur der Puppe wurde aus leeren Toilettenpapierrollen im Rokoko-Stil zurechtgeklebt, denn das hier ist "Klozart", und die Sendung, in der der Unterhosenkomponist auftritt, ist die österreichische Notvariante von "The Masked Singer". Und eines der spektakulärsten Ausstellungsstücke im Museum für Mangel-TV, das sich in diesen Wochen zügig füllt.

Weil die gerade gestartete österreichische Variante des global erfolgreichen musikalischen Mummenschanzes Corona-bedingt bis mindestens in den Herbst pausieren muss, behalf man sich beim österreichischen Privatsender Puls 4, einem Ableger der ProSiebenSat.1-Gruppe, mit "The masked Houseparty": Sechs Prominente, die nicht zum eigentlichen Ensemble der Staffel gehören, maskieren sich zu Hause, wo ihre Auftritte im ungelenken Homevideo-Stil auch gefilmt werden. Das Rateteam ist per Videoschalte verbunden, Moderatorin Arabella Kiesbauer notiert ihre Tipps mit Stift und Zettel, nach jedem Gesangsduell der Maskierten wird einer von ihnen entkostümiert.

Wer steckt unter Inspektor Austria?

Wer steckt unter Inspektor Austria?

Foto: PULS 4

Es wäre eine hübsche Idee gewesen, die detaillierten, aufwendigen Verkleidungen des Originals durchgängig durch Handpuppen zu ersetzen, nur die solcherart vermummten Hände der zu erratenden, singenden Prominenz zu zeigen, doch neben Klozart tritt nur noch eine zyklopische, mit Penne-Pasta beklebte Socke auf, das "Nudelaug", eine beliebte Wiener Beschimpfung (die möglicherweise auf die Harnröhrenöffnung des männlichen Geschlechtsteils anspielt).

Die Kostüme könnte man selbst zusammentackern

Zwei weitere Kandidaten hat man in Ganzkörper-Kostüme gesteckt, deren Improvisiertheitsgrad einen dann fast schon rührt, weil er die Grandezza des Originals in einer durchaus interessanten Mischung aus Hybris und Hilflosigkeit nachzuahmen sucht: "Inspektor Austria" trägt eine Uniform aus Altkartonagen, man kann sich gut vorstellen, eine ähnliche Verschalung nach der Sendung bei entsprechendem Altpapiervorrat schnell selbst zusammentackern zu können. Der "Covidjäger" trägt einen weißen Einwegoverall und einen Mundschutz, es ist zu befürchten, dass uns diese Schwundstufe einer Karnevalskostümierung nie mehr verlassen wird.

Der "Kaufhamster" und "Dr. Teddy" schließlich sind gar nicht wirklich verkleidet, man hat ihre Köpfe in der Videobearbeitung mit fast schon zu bewundernder Chuzpe schlicht mit einem Hamster- beziehungsweise Bärchen-Emoji unkenntlich gemacht. Weiter könnte man sich von der Grundidee, die den Reiz des Originalformats ausmacht, eigentlich nur entfernen, würde man den zu erratenden Menschen einfach beherzt einen Putzeimer über den Kopf stülpen.

"The masked Houseparty" ist trotzdem beste Unterhaltung, zumindest für alle Zuschauer, die nicht mit dem Kernpersonal der österreichischen Fernseh- und Unterhaltungslandschaft vertraut sind. Für sie beginnt der eigentliche Ratespaß erst nach der Demaskierung: Wofür könnten all diese Menschen, die man naturgemäß kaum kennen kann, wohl berühmt sein? Ein wenig fühlt man sich beim Zuschauen wie ein Kind, das für die große TV-Show ausnahmsweise länger aufbleiben darf und aus all den Menschen, die da mittun, nur sehr wenige wiedererkennt. Arabella Kiesbauer, klar. EAV-Knickknietänzer Klaus Eberhartinger kennt man natürlich auch, ist dann aber leider doch nicht der Teddybär, wie irgendwer tippt, Nathan Trent aus dem Rateteam sang 2017 für Österreich beim Eurovision Song Contest, und Lizz Görgl, die Klozart-Bespielerin, kennt man als Ski-Weltmeisterin. Aber wer sind Gery Seidl, Karl Ploberger, Bernie Rieder, Missy May?

Fast glaubt man sich irgendwann in einer neuen Folge aus Olli Dittrichs TV-Parodiezyklus, als der österreichische Rapper Skero ("Siebzehn Schnops und a Jagatee/I bin a Gfoah wie a AKW") seine Gründe dafür erklärt, als Nudelaugen-Bespieler bei dieser Sendung mitzuwirken: "Na ja, warum ned? Zurzeit hob i eh nix anders zu tun." Womöglich wäre wirklich alles ein bisschen einfacher, würden sich nicht nur Fernsehschaffende bei dieser neuen Minimal-Motivation einpendeln.

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