Globalisierungs-TV-Kritik Die beste beknackteste Show der Welt

Die US-Show "The Masked Singer" ist die letzte Wettsing-Sendung, die das Fernsehen noch braucht, ein detektivischer Mummenschanz mit albern kostümierten Berühmtheiten - und irre gut.

imago/ Cinema Publishers Collection

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Sie halten das Dschungelcamp für die effizienteste Wiederverwertungsanlage verbrauchter Promis? Sie sehen im "Bachelor" die brutalste Massenbrautschau aller Zeiten? Sie lehnen "Germany's Next Topmodel" als gruselige Mädchendrillanstalt ab? Wappnen Sie sich, es kommt noch schlimmer: In unserer Rubrik "Die Globalisierungs-TV-Kritik" berichtet SPIEGEL-ONLINE-Expertin Anja Rützel regelmäßig von den schönsten und den schrecklichsten Auswüchsen auf dem internationalen Fernsehmarkt.


Der Hirsch trägt eine Gasmaske und sieht aus, als habe man ihn aus altem "Mad Max"-Plunder zusammengeschweißt. An den Armen des weißen Riesenkaninchens baumeln Zwangsjackenbändel. Das Nilpferd trägt eine silberne Daunenjacke wie die Primark-Version eines Hip-Hoppers, der Löwe sieht aus, als habe man Christina Aguilera in ihrer Moulin-Rouge-Kreppmähnenphase mit flüssigem Gold glasiert. Das Monster ist ein mannsgroßes türkisfarbenes Zäpfchen mit Flauschüberzug.

Das gruseligste unter diesen Gruselwesen aber ist die Ananas, ein entfernt menschenähnliches Wesen mit Plastik-Umschnallmuskelbody, Hawaiihemd und Obstkopf, in den irgendwer grob einen Knicktrinkhalm gerammt hat. Die Ananas grinst trotzdem, es ist nur durch Drogen zu erklären.

Ein Ensemble aus all diesen Wunderviechern, das allein würde schon reichen, um jedes TV-Format, nun ja: besonders zu machen. Ein neuer Fernsehmeilenstein des US-Senders Fox geht noch weiter: Sie singen. Um die Wette. Und unter ihren Verkleidungen stecken Prominente, deren Identität bis unmittelbar nach ihrem Rauswurf streng geheim gehalten wird. Kurz gesagt: "The Masked Singer" ist komplett beknackt und sehr wahrscheinlich die beste Show der Welt.

Der Pfau, die Biene und das Monster

Seit acht Wochen rätselt Amerika, welche zwölf Stars sich unter den extrem elaborierten Kostümen verbergen. Inzwischen sind nur noch drei von ihnen übrig, die am Mittwoch das Final bestreiten werden: Der Pfau, die Biene und das Monster. Selbst Moderator Nick Cannon schwört, er habe keine Ahnung, wer in der Verkleidung steckt: "Mit manchen könnte ich befreundet sein. Manche könnte ich mal geheiratet haben."

Wenig überraschend hat der bizarre Mummenschanz ein asiatisches Vorbild: "The King of Mask Singer" heißt das südkoreanische Original, in dem Charaktere wie "Die sexy Singgrille", "Die Katzenmädchen-Amazone" und, ein köstlicher Einfall, "Bob Ross" auftreten. Die Masken sind im Vergleich zur US-Version extrem minimalistisch, die Promis darunter (zumindest teilweise) umso spektakulärer: Notdürftig als Einhorn verkleidet sang so etwa Ryan Reynolds einen Song aus dem Musical "Annie".

Erraten werden sollen die amerikanischen Geheimstars von einer adäquaterweise ebenfalls leicht wunderlichen Jury: "Blurred Lines"- Sänger Robin Thicke, "Community"-Komiker Ken Jeong, Nicole Scherzinger von den Pussycat Dolls und Schauspielerin (und prominente Impfgegnerin) Jenny McCarthy. Sie sind mit Operngläsern ausstaffiert, um jedes Detail der vermummten Kandidaten studieren zu können, was allerdings selten zielführend ist.

Sexy Zahnbürste

So kommentierte Jeong einen Auftritt des vage ameisenköpfigen, schmalen "Alien" mit "She looks like a sexy toothbrush." Sehr schlau ist diese Jury nicht, was einerseits im Laufe der Folgen schwerst nervt, andererseits aber auch ganz praktisch ist, denn die kleinen Hinweise, die die Kostümierten in jeder Folge (mit verzerrten Stimmen) zu ihrer Identität geben, wären sonst zu einfach zu entschlüsseln.

Besonders Scherzinger erwies sich bei ihren Deduktionsversuchen schon nach wenigen Folgen als Königin der Buchstäblichkeit und des papageienhaften Plapperns: Wenn der Pfau verrät, er habe schon mehrere verschiedene Rollen gespielt, scharfsinniert Scherzinger: "Rollen? Er könnte ein Schauspieler sein!" Kokettiert das Einhorn damit, es werde bei seinem Auftritt feinstes "model behavior" an den Tag legen, schließt daraus Sherlock Scherzinger: "Vielleicht ist sie ein Model?"

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"The Masked Singer": Ensemble aus Wunderviechern

Manchmal versteigen sich die Jurymitglieder zu extrem waghalsigen Mutmaßungen. Thicke glaubt, im Löwenkostüm stecke ein Mitglied von Destiny's Child - wegen des "kraftschenkligen Beyoncé-Gangs". Die anderen mutmaßen, Zac Efron oder Jimmy Kimmel könnten der Pfau sein. Ist der Pudel Jane Fonda? Mitunter driften sie dabei auch ins schlichtweg Bizarre ab: Ist irgendwer Justin Bieber? Singt da gar Meghan Markle? "Welcome to 'The Masked Singer, President' Obama!", ruft Ken Jeong nach einem Auftritt der Ananas, komplett in Rage.

"Take it off! Take it off!"

Tatsächlich war es dann doch nur Kiffhippie-Darsteller Tommy Chong, der nach seinem Rausschmiss den Ananaskopf abnahm - Jury und Studiopublikum bewerten tatsächlich auch die gesangliche Leistung, man könnte es bei dem ganzen Spektakel fast vergessen. "Take it off! Take it off!", brüllt das Publikum vor jeder Demaskierung, das kann einen nach ein paar Wochen Masked-Singer-Konsum derart mitreißend, dass man selbst erst recht spät merkt, wenn man zu Hause auf dem Sofa euphorisch "Ausziehen, ausziehen!" plärrt.

Meist teilt man die zumindest gut gespielte Überraschung der Jury: Der Löwe ist Rumer Willis, Tochter von Bruce, das Alien ist La Toya Jackson, das Kaninchen Joey Fatone, vor vielen Monden einmal NSYNC-Mitglied (was ziemlich schnell klar war, als er den Tipp gab, er sei ganz gut im Synchrontanzen). Und das Einhorn wird schließlich überraschend als Tori Spelling enttarnt, Produzententochter und für immer Donna Martin aus "Beverly Hills, 90210" - obwohl man selbst fast sicher war, dass es sich um Denise Richards handeln muss. "I lost my sheen", hatte sie irgendwann als Hinweis gegeben, und wer denkt da bitte nicht sofort an Charlie Sheen, Richards Ex-Ehemann? Es ist Allgemeinwissen.

Einhorn Tori ist es auch, die einen am nachdrücklichsten auf die tiefere Bedeutung des ganzen knallbescheuerten "Masked Singer"-Kostümzinnobers stößt: Sie sei ihr ganzes Leben lang unsicher gewesen, weil ihr alle immer zu verstehen gaben: Du bist nicht gut genug, sagt sie, um dann auf der Bühne eine rührend selbstbewusste, "I don't care"-feiernde Version von Icona Pops "I love it" zu singen. Ihre Teilnahme an der Show sei eine ernsthaft therapeutische Erfahrung gewesen, sagt sie nach ihrer Demaskierung, und auch ihre Kollegen erzählen Ähnliches, etwa Löwin Rumer: "Zum ersten Mal bin ich nicht das Kind meiner Eltern."

Einer der nervigsten Schlimmsätze, die Promis in Realityshows abspulen, ist ja: "Ich will zeigen, wer ich wirklich bin." Das Ergebnis ist nicht immer erfreulich. "The Masked Singer" lehrt, dass man bekannte, mit fertig geschnitzten Urteilen beschwerte Menschen am klarsten sehen kann, wenn man sie eben nicht sieht. Die Show spielt mit Masken, auch im übertragenen Sinn, mit Fremd- und Selbstbildern, mit der Sicherheit, die Menschen im Kostümpanzer spüren. "Aren't we all masked singers in our way?", fragt der "Rolling Stone", und da ist tatsächlich etwas dran.

Gerüchteweise will ProSieben "The Masked Singer" nun nach Deutschland holen. Wenn man sich was wünschen darf: Bitte Ruth Maria Kubitschek als Meerschweinchen und Jürgen Klinsmann im Pommestüten-Kostüm.



insgesamt 9 Beiträge
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hileute 26.02.2019
1. warum denn nicht auch nach Deutschland
sicher unterhaltsamer als dsds und inzwischen unerträglichen the voice.
siebenachtneun 26.02.2019
2.
Ich hoffe die deutsche Adaption wird nicht so schlimm. Gut, es ist nicht nur mir aufgefallen, dass die Jury dumm ist. Jenny McCarthy schlug ihren Ehemann (Sänger von New Kids on the Block) vor als es um die Identität des Hasen ging. Sowas sollte man doch mitbekommen. Bei den Hinweisen, die die Jury bekamen waren es wohl nur ein Bruchteil von denen, die die Zuschauer bekamen.
at.engel 26.02.2019
3.
Eigentlich ist es langsam vollkommen egal, was das Fernsehen noch so produziert: Heute machen die meisten den Fernseher an, ohne zu schauen, was da eigentlich läuft, und die nächste Generation schaut sowieso nicht mehr fern.
alabama110 26.02.2019
4. Ich ....
....würde einschalten, genau mein Ding :)
BruceWayne 26.02.2019
5. Warum ist die Banane krumm? Und wer spielt sie?
Zugegeben, die Besprechung von IBES Queen Frau Rützel macht dann auch auf dieses Format neugierig. Es ist ja auch wirklich originell. Aber warum, warum, warum fällt so etwas nicht einmal einer sicher nicht schlecht bezahlten Show & Entertainment Truppe hier in Deutsche Land ein? Nur immer nach Cannes zur MIP TV fahren und Formate shoppen gehen kann es doch nicht sein. Oder?
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