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ProSieben-Show: Irrsinn für Fortgeschrittene

Foto: Marcel Kusch/ DPA

"The Masked Singer"-Finale Noch ein bisschen Likör ins Trinkwasser, bitte!

Die letzten Kostümwesen sind enttarnt: Max Mutzke gewinnt "The Masked Singer" als funkelnder Astronaut. Das ist schön, aber wirklich wichtig sind bei dieser hysterischen Show die irren Details.

Kurz vor Schluss schraubt der glitzerverkrustete Astronaut dem Grashüpfer im Nadelstreifenanzug den Kopf ab. Und dass man über eine Show im deutschen Fernsehen gagaistische Sätze wie diesen schreiben kann, ist nur einer von diversen weiteren Verdiensten von "The Masked Singer".

Auch wenn die letzten fünf Enttarnungen im Finale für halbwegs interessierte Beobachter der vergangenen Shows keinerlei Überraschung mehr bot: Dieser hysterische Quatsch mit Soße bleibt ein echter Gewinn, denn seine Spannungsmomente speisten sich nicht nur aus dem Mitrate-Plot.

Dass Max Mutzke im Astronautenkostüm steckte und diese erste Staffel mit der besten Gesangsleitung dann auch gewann, war absehbar und ist natürlich völlig okay, aber nicht wirklich wichtig. Auch die Frage, ob am Ende nun die verdächtigte Trash-Schmollette Evelyn Burdecki oder dann doch Boxweltmeisterin Susi Kentikian im pinken Monsterkostüm steckte, fesselt am Ende tatsächlich weniger als die Tatsache, welche Bindung man im Lauf von sechs Folgen an einen klopsigen Plüschömmel mit Fragmentgebiss und verfremdeter Eeek-Stimme aufbauen kann.

Bülent Ceylan steht als "Engel"

Bülent Ceylan steht als "Engel"

Foto: Marcel Kusch/ DPA

Und dass sich Jurysherlock Collien Ulmen-Fernandes im Verlauf der Staffel tatsächlich derart in die Ermittlungsarbeit reingesteigert hat, dass ihr die Aprikosen in den codierten Hinweis-Filmchen auf die Identität des Monsters auffielen: "Und Aprikosen kommen ursprünglich aus Armenien, wie Susi Kentikian!"

Es sind Details wie diese, die besonders sorgfältige, aufwendige Ausstattung, die "The Masked Singer" von den meisten übrigen deutschen TV-Produktionen abhebt: Diese Show, die man doch eigentlich unmöglich ernst nehmen kann, nimmt sich selbst unglaublich ernst, sie betreibt Aufwand für ihre Zuschauer.

Als wäre man selbst der Grashüpfer

Damit sind nicht einmal die komplexen Kostüme gemeint, sondern diese kleinen Extra-Dinge, die diese Verkleidungen auch real machen: Wenn der Astronaut durchgehend in seinem Charakter klebt und auch mit scheinschwerelos wattierten Bewegungen applaudiert. Wenn das Monster einen Stoffbeutel umhängen hat, auf dem ein Knuddelfoto mit Moderator Matthias Opdenhövel zu sehen ist. Und der Grashüpfer (enttarnt als Gil Ofarim) seine insektoiden Körperticks - der ruckartig abknickende Kopf, die seitliche Kniebeuge - so verinnerlicht hat, dass man Lust bekommt, sie selbst ins Bewegungsrepertoire zu übernehmen.

"The Masked Singer" schaffte noch etwas anderes, was vielen anderen Shows längst nicht mehr gelingt: Seine Zuschauer wirklich zu überraschen. Dass Comedian Bülent Ceylan im Kostüm des klimbimgehangenen weißen Engels steckte, galt schon länger als recht wahrscheinlich - aber die Auswahl seiner Lieder überraschte, davon unberührt, Woche für Woche.

Spice Girls im Heavy-Metal-Sound

Unvergessen ist seine gebölkte Version von "Atemlos durch die Nacht", im Finale legte er nun mit einer gauzigen Heavy-Neuinterpretation des Spice-Girls-Hit "Wannabe" nach: "If you want my future, forget my past", aber als Drohung. Und er sang "Chop Suey!" von System of a Down, nicht die naheliegendste Wahl für das Pro-Sieben-Hauptprogramm. Auch Daniel Aminati wurde schon länger als höchstwahrscheinlicher Kudu-Kandidat gehandelt - aber hätte man ihm wirklich eine solch hochengagierte Performance von "Hip Hop Hooray" zugetraut?

Susianna Kentikian steht als "Monsterchen"

Susianna Kentikian steht als "Monsterchen"

Foto: Marcel Kusch/ DPA

Im nächsten Jahr soll es einen zweite Staffel von "The Masked Singer" geben. Was sie anders, noch besser machen könnte? Mehr unerwartete, zu vermummende Promis finden, die noch nicht in den rochierenden Formatkreislauf eingespeist sind. Susi Kentikian oder Gil Ofarim etwa wären deutlich schwerer zu erraten gewesen, hätte man die beiden nicht noch als Vor-Vorjahresteilnehmer an "Let's Dance" im Kopf gehabt - Stefanie Hertel als Panther und Markus Schenkenberg als Eichhörnchen waren dagegen Optimalbesetzungen, weil man mit ihnen eben schlicht nicht rechnete und sie außerdem aus höchst verschiedenen Welten stammen, für die "The Masked Singer" im besten Fall der verbindende Umsteigebahnhof sein kann.

Dann könnte man vor der Neuauflage auch die Dynamik innerhalb der Jury noch einmal überdenken - der tendenziell verschluffte Max Giesinger konnte den hochtourig laufenden, glaubhaft euphorisierten Kolleginnen Ruth Moschner und Collien Ulmen-Fernandes nicht wirklich etwas entgegensetzen, und seine vermutlich lustig gemeinten, besonders abwegigen Tipps (Heino im Monsterkostüm?) waren eher traurig klamaukig.

Im Großen und Ganzen aber: Einfach noch ein bisschen mehr Likör ins Trinkwasser gießen. Und bitte einfach weitermachen.

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Foto: Willi Weber/ProSieben/ DPA