Dokuserie von Prinz Harry und Oprah Winfrey Alles muss raus

Bei Prinz Harry und Oprah Winfrey öffnen Menschen ihre inneren Pforten weit und erzählen von Traumata, Depressionen, Ängsten. Voyeuristisch ist die Dokuserie dabei nie – und sie hat eine starke zentrale Botschaft.
Oprah Winfrey interviewt Prinz Harry: Sagen, worüber man sonst lieber nicht spricht

Oprah Winfrey interviewt Prinz Harry: Sagen, worüber man sonst lieber nicht spricht

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Apple TV+

Diese Doku kommt genau zur rechten Zeit. Denn Prinz Harry und Meghan Markle beginnen, einigen ziemlich auf die Nerven zu gehen. Das Paar schlachte seine Geschichte in Podcasts und TV-Interviews für den schnellen Profit aus, lautet ein Vorwurf. Wer Privilegien und Reichtum genieße, müsse eben auch mit den Kollateralschäden zurechtkommen, denkt so manch anderer. Und wieder andere rollen schon bei dem Stichwort »Mental Health« (darum soll es hier gehen) mit den Augen, als spräche ein Teenager in Berlin-Mitte gerade über seine Laktoseintoleranz. Dass wir empathischer werden müssen und weniger zynisch, mit uns selbst, aber auch mit den Royals, zeigt schon eine Episode der Dokuserie »The Me You Can't See«, die nun bei Apple TV+ zu sehen ist.

Prinz Harry hat die fünfteilige Serie gemeinsam mit Moderatorin Oprah Winfrey produziert, es ist der erste Aufschlag des Unterhaltungsangebots, das Harry und seine Frau in Zukunft bei diversen Plattformen anbieten wollen. Und der gelingt gleich so gut, dass man Lust auf mehr hat.

Traumata, Depressionen, Ängste

Denn in der Serie machen ein Dutzend Menschen ihre inneren Pforten so weit auf, dass man ihre Dämonen durch den Bildschirm wimmern hört. Es geht um Traumata, Depressionen, Ängste, Psychosen und Zwänge, also um all das, worüber man sonst lieber nicht spricht, schon gar nicht vor laufenden Kameras. Dass diese Menschen es nun dennoch taten – und das ziemlich explizit –, ist wahnsinnig mutig, auch weil unter den Porträtierten Prominente wie Lady Gaga, Glenn Close oder NBA-Basketballer DeMar DeRozan sind.

Dass die Doku nie voyeuristisch oder pathetisch wird, hat mit der Erzählweise von Dawn Porter und Asif Kapadia zu tun: Vor der ruhigen Kamera sind die mentalen Probleme aller gleich wichtig. Deshalb wird Lady Gaga bloß als Stefani vorgestellt und auch Prinz Harry kommt ohne den royalen Namenszusatz aus. Die Regisseure leuchten ihre Geschichten nicht in aller Tiefe aus, sondern verweben sie lose mit denen anderer. Mal wirft man Körbe mit DeRozan, mal putzt man mit Boxerin Ginny Fuchs Zähne, bis das Zahnfleisch blutet, mal schwimmt man mit syrischen Flüchtlingen am griechischen Strand vor ihren Traumata weg. Das klappt natürlich nicht.

Weglaufen geht nicht

Denn auch das zeigt diese Doku: Weglaufen, weggucken, wegboxen, das funktioniert bei seelischen Krankheiten nicht. »Ich habe sechs grandiose Monate und dann kommt bloß ein Trigger und ich denke wieder ans Sterben«, sagt etwa Lady Gaga. Sie sei, berichtet die Sängerin zögernd, als junge Frau vergewaltigt worden. Das habe ihren Körper Jahre später in einen gigantischen, aber für die Welt unsichtbaren Strudel aus Schmerz gerissen. Sie hat sich schließlich daraus befreit. So scheint es, aus ganz anderen Gründen natürlich, auch Prinz Harry zu gehen.

Denn auch wenn die von ihm produzierte Doku sich auf verschiedene mentale Krankheiten konzentriert, nimmt Harrys Geschichte darin einen etwas größeren Raum ein. Nach dem Tod seiner Mutter habe er jahrelang unter Panikattacken und Angstanfällen gelitten, erzählt er im Interview mit Oprah, während Fotos aus seiner Jugend zu sehen sind. Kaum sei er wegen eines öffentlichen Auftritts in einen Anzug geschlüpft, habe er sich im Kampfmodus befunden – und unendlich zu schwitzen begonnen. Er habe Drogen genommen und viel Alkohol getrunken, um mit seinem Leben zurechtzukommen.

Mit seiner Familie habe er über all das nie sprechen können. Stigmata, Scham, Sprachlosigkeit standen wohl im Weg, da unterscheidet sich die royale Familie nicht von anderen. »Spiel das Spiel mit, und dein Leben wird leichter«, habe ihm mal ein Familienmitglied über seine Rolle gesagt. Aber für ihn wurde es nie leichter. Bis seine Frau Meghan fast an dem Druck zerbrach, der schon auf Diana und ihm lastete, und die Flucht in die USA zu einem tatsächlich lebensrettenden Ausweg wurde. Das erzählte das Paar zwar bereits in anderen Interviews. Selten hat es man es allerdings so verstanden wie hier.

Man sollte sich für »The Me You Can't See« ohnehin ein paar Taschentücher bereitlegen. Man braucht sie, weil sich hier alle verwundbar zeigen: Wenn Boxerin Ginny etwa so unter ihrer Zwangsstörung leidet, dass sie ihre Hände gleich mit zwei großen Packungen Seife wäscht. Oder der syrische Flüchtlingsjunge Fawzi gegen die Tränen kämpft, weil die Erinnerung an seinen toten Bruder sich einfach nicht abschütteln lassen will.

Ihnen wird schließlich geholfen. Und auch das will diese Doku – manchmal dann vielleicht doch etwas zu pädagogisch – zeigen: Es gibt Hilfe. Man ist nicht allein, man fühlt sich bloß so. Natürlich hilft diese Erkenntnis wenig, wenn eine gemeine innere Stimme vehement das Gegenteil behauptet. Aber man muss ja nicht allein gegen sie anschreien. Manchmal braucht man eben einen Chor, damit sie verstummt.

»The Me You Can't See«, Apple TV+. 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.