Netflix-Musical »The Prom« Bunt, divers und schwer daneben

Das Netflix-Musical »The Prom« ist der Versuch, mit Stars wie Meryl Streep, Nicole Kidman und James Corden leichtfüßig und gut gelaunt von der Spaltung der USA zu erzählen. Dabei herausgekommen ist eine Abfolge von Fehltritten.
Meryl Streep, James Corden in »The Prom«: Kriselnde Broadway-Stars reisen in die Provinz

Meryl Streep, James Corden in »The Prom«: Kriselnde Broadway-Stars reisen in die Provinz

Foto: Melinda Sue Gordon / NETFLIX

Seltsam, wenn man sich bei einem Film nach etwa einer Stunde fragt, wo eigentlich einer der drei Stars abgeblieben ist. Und was für eine Rolle er überhaupt spielen soll. Nicole Kidman schaut in der ersten Hälfte des Netflix-Musicals »The Prom« ab und zu kurz rein, um jedes Mal festzustellen, dass ihr Einsatz immer noch nicht gekommen ist. Sie trägt flotte Mützen, mehr kann man nicht sagen.

Dann gibt es sie irgendwann tatsächlich, die ganz große Kidman-Nummer. Dass man auf ihre lange Beine achten soll, darauf wird netterweise im Dialog hingewiesen. Sie tanzt zusammen mit einer jungen Frau, die gemobbt wird, weil sie lesbisch ist, und will ihr Mut machen. Doch das Duett kann sich nicht entfalten, weil der hysterische Schnitt die Körper in ihre Einzelteile zerhäckselt. Von Anmut und Eleganz bleibt kaum was übrig.

Die Netflix-Produktion »The Prom«, die auf einem Bühnen-Musical von 2016 basiert, ist eine sehr schrille Benefizveranstaltung. Regisseur Ryan Murphy, der für seine TV-Serie »Glee« gefeiert wurde, reist mit drei Broadway-Stars (gespielt von Kidman, Meryl Streep und James Corden), die ihre besten Zeiten hinter sich haben, in die amerikanische Provinz, ins erzkonservative Indiana. Ein gut gelaunter Culture Clash soll es werden.

Schriller Culture Clash

Ein Dialog zwischen den Lagern, gesungen und getanzt, die Kluft mit kühnen Sprüngen überwunden. Wenn man im Musical von tödlichen ethnischen Auseinandersetzungen innerhalb der US-Gesellschaft erzählen kann wie in »West Side Story«, warum dann nicht auch von Versöhnung und Verständigung, von Respekt und Toleranz? »The Prom« – eine Riesensause der Diversität?         

Die Autoren des Musicals haben sich einen Konflikt ausgedacht, der nicht zu groß ist, aber auch nicht zu klein; der für Zoff sorgt, aber nicht für Krieg. Emma Nolan (Jo Ellen Pellman) und ihre Freundin Alyssa (Ariana DeBose) wollen als Paar zum Abschlussball der Highschool gehen. Dies löst einen derartigen Eklat aus, dass die Feier abgesagt zu werden droht. Die Stars vom Broadway wollen sie retten.

Darstellerinnen Ariana DeBose, Jo Ellen Pellman: Riesensause der Diversität

Darstellerinnen Ariana DeBose, Jo Ellen Pellman: Riesensause der Diversität

Foto: Melinda Sue Gordon / NETFLIX

Bei der Prom handelt es sich um eine amerikanische Institution, deren Bedeutung sich den wenigsten Europäern erschließt. Dass die Frage, wer mit wem in welchem Kleid zum Abschlussball geht, im amerikanischen Kino immer wieder zu einem existenziellen Problem erklärt wird, ist erstaunlich genug. Als Zentrum eines Films über Diskriminierung und Ausgrenzung wirkt die Prom läppisch.

So richtig bissig ist dieser Film nur in den Momenten, in denen er sich über die Eitelkeiten der Broadway-Stars lustig macht. Die Völkerverständigungs-Nummern wirken dagegen oft einfältig und naiv. Wenn ein paar Jugendlichen, die Homosexualität ablehnen und sich dabei auf die Bibel berufen, tanzend die Leviten gelesen werden, dann soll das überall auf der Welt verstanden werden. Propaganda für die gute Sache.

Die ganze überdrehte Fröhlichkeit des Films, die karikaturenhafte Überzeichnung der Figuren, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er um jedes Fettnäpfchen, das am Wege steht, mit äußerster Vorsicht herumtänzelt. Bloß keinen Fehler machen, bloß keinen Scherz auf Kosten irgendeiner Minderheit. Das macht »The Prom« auf eine geradezu groteske Art berechenbar.

Schlimm auch, dass er in den Momenten, in denen er besonders tiefgründig sein möchte, in Sentimentalität versinkt. Wenn ausgerechnet James Corden in der Rolle eines schwulen Stars, der seinem engstirnigen Elternhaus in der Provinz entronnen ist, nach vielen Jahren wieder auf seine Mutter trifft, vergeht sich der Film geradezu an den Fähigkeiten des Schauspielers.   

Eigentlich ist es keine schlechte Idee, das von vielen Schwulen geprägte und zu einer großartigen Kunstform entwickelte Genre des Musicals in eine homophobe Umgebung zu verfrachten. Aber in »The Prom« geht die Geschichte der Broadway-Stars in der Krise mit der eines lesbischen Mädchens in Indiana zu keinem Zeitpunkt eine Einheit ein.

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