US-Serie "The Terror" bei Amazon Prime Die Geister, die wir riefen

Wahrer Horror: Die Serie "The Terror: Infamy" erzählt von japanischstämmigen US-Bürgern, die ab 1941 eingekerkert wurden. Und spinnt daraus eine Gruselgeschichte, die bestürzend an die Gegenwart erinnert.

AMC/ Amazon

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Wenn in einer Serie, die während des Zweiten Weltkriegs spielt, zwei Soldaten in einem US-amerikanischen Waisenhaus auftauchen und die Herausgabe aller Kinder fordern, die japanische Vorfahren haben - wie kann man dann nicht an die erschütternde Praxis der gegenwärtigen US-Regierung denken, Kinder von Migranten in Lagern zu internieren? Die Geschichte gebiert Monster, die uns bis in die Gegenwart verfolgen. Und die Serie "The Terror" formt daraus übersinnliche Horrorstorys.

Die wahre Geschichte der zweiten Staffel mit dem Untertitel "Infamy" (deutsch "Schande") kennen viele Amerikaner bis heute nicht - trotz wissenschaftlicher Aufarbeitung, Entschädigungszahlungen und einer späten Entschuldigung von Präsident George Bush: Von Dezember 1941, nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden 116.000 japanischstämmige Amerikaner ihrer Bürgerrechte beraubt und in Lagern interniert.

Eine vom Kongress eingesetzte Kommission kam in den Achtzigerjahren zu dem Schluss, die Maßnahmen seien nicht das Ergebnis militärischer Notwendigkeit gewesen, sondern allein durch rassistische Vorurteile, kriegsbedingte Hysterie und das Versagen politischer Führung zustande gekommen.

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"The Terror: Infamy": Schrecken der Wirklichkeit

Was die Internierung für die betroffenen Familien bedeutete, zeigt "The Terror: Infamy" - vom amerikanischen Kabelsender AMC produziert und in Deutschland von Amazon Prime ausgestrahlt - in den ersten beiden Folgen sehr eindrücklich: erst Enteignung, dann Verhaftung und Deportation. Zunächst in stinkende Pferdeställe, dann in Lager, die mit ihren Baracken und der Stacheldrahtumzäunung deutlich an die Konzentrationslager erinnern, in denen zur gleichen Zeit in Europa Millionen Menschen litten und starben.

Zum Teil orientiert sich "The Terror 2" an der Biografie des Schauspielers George Takei (Lieutenant Sulu aus "Raumschiff Enterprise"), der als Kind selbst in einem dieser Lager eingesperrt war. Der 82-Jährige spielt den Großvater der Familie Nakayama, deren Schicksal die Serie verfolgt. Vater Henry (Shingo Usami), ein Fischer, lebt mit seiner Familie auf Terminal Island bei Los Angeles. "Du bist ein Bürger, Junge!", ruft er seinem Sohn Chester (Derek Mio) zu, als er abgeführt wird. "Du wurdest hier geboren. Zeig ihnen, dass Du ein Patriot bist. Kämpfe Für Dein Land!"

Druck von Außen stärkt den Familienzusammenhalt von innen. Eigentlich kommt Chester nämlich mit seinem Vater nicht klar, er lehnt dessen Unterwürfigkeit ab und ist genervt vom Gerede über Tradition und japanische Werte. Chester ist längst Amerikaner durch und durch und will die Bande an die Herkunft seiner Familie endlich kappen. Außerdem hat er eine heimliche Liebesaffäre mit der latino-amerikanischen Luz (Cristina Rodlo).

Die Internierung bleibt allerdings nicht der einzige Horror, den die Nakayamas durchleben müssen. Mysteriöse Todesfälle in ihrem Umfeld häufen sich, ein Bekannter erblindet auf rätselhafte Weise, eine Frau, die Chester mit Teeblättern die Zukunft vorhersagt, verschwindet spurlos. Und auf den Fotos, die er mit seiner Kamera macht, ist immer wieder ein spukhafter Schemen zu sehen.

Wieder ist es die Hybris der Menschen, sind es ihre Überheblichkeit, ihre dreckigen Geheimnisse, ihre schamlosen Lügen und ihre rücksichtslose Brutalität, die Wesen aus der Schattenwelt auf den Plan rufen. Was die Menschen sich gegenseitig antun, ist nichts im Vergleich zu den Bluttaten dieser Monster und Geister. Das war schon bei der ersten Staffel von "The Terror" so. Die zeigte diesen speziellen Historien-Horror im vergangenen Jahr auf so drastische, düstere, herausragend eiskalte Weise, dass die zweite Staffel nun Mühe hat, mitzuhalten.

Alles war anders bei dieser ersten Staffel: Die Geschichte verfolgte die katastrophal gescheiterte Expedition des britischen Polarforschers Sir John Franklin von 1845 und erweiterte sie um Horror-Elemente, die in eine bezwingende Kolonialismus-Analogie mündeten. Stilistisch grandios reduziert, erzählerisch furchtlos und mit dem Willen zum ganz großen metaphorischen Aufschlag, zählt "The Terror" zu den besten Serien der Gegenwart.

Preisabfragezeitpunkt:
20.08.2019, 16:36 Uhr
Ohne Gewähr

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The Terror - Staffel 1 [dt./OV]

Es fehlt an einem Geheimnis

Die zweite Staffel bleibt dagegen auffällig durchschnittlich in allen Belangen. Das liegt an der typischen Qualitätsfernsehen-Ausstattung, die aufwendig aussieht, aber immer Staffage bleibt; an der am Melodrama geschulten Erzählweise, die sich brav an dramatischen Höhepunkten abarbeitet, ohne jemals wirklich zu packen; und an den vorhersehbaren Gruseleffekten, die sich immer schon im Voraus ankündigen.

Vor allem aber fehlt es "The Terror: Infamy" an einem Geheimnis. Alles liegt hier offen, dem ständigen Geraune über japanische Geister zum Trotz: das Leid der internierten Minderheit genauso wie das Unrecht der weißen Bevölkerungsmehrheit. Dieser Schrecken ließe sich natürlich erzählen, aber dazu braucht es keinen übersinnlichen Überbau. Die Horror-Elemente sorgen hier eben nicht, wie bei Staffel 1, für einen neuen Blick und eine dramatische Vertiefung. Sie wirken wie angeklebt.

Bleibt der wahre Schrecken, der so stark an heute erinnert. Sollte "The Terror: Infamy" das Wissen darum stärker ins Bewusstsein der Amerikaner tragen, hätte die Serie einen wichtigen Auftrag erfüllt.


Ab 16.8. auf Amazon Prime Video.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
bran_winterfell 17.08.2019
1. Stadt in Angst
Das Thema ist schon einmal im Film "Stadt in Angst" aufgegriffen worden (englischer Titel "Bad Day at Black Rock"). Guter Film mit klasse Besetzung, der mich seinerzeit als junger Erwachsener ziemlich erschüttert zurückließ...
Little_Nemo 17.08.2019
2.
Zitat von bran_winterfellDas Thema ist schon einmal im Film "Stadt in Angst" aufgegriffen worden (englischer Titel "Bad Day at Black Rock"). Guter Film mit klasse Besetzung, der mich seinerzeit als junger Erwachsener ziemlich erschüttert zurückließ...
Um dieses Thema dreht sich auch der Film "Schnee, der auf Zedern fällt" ("Snow Falling on Cedars") und seine gleichnamige Romanvorlage.
markusmoeller89 18.08.2019
3. Buchvorlage nicht vergessen.
Man darf auch bei der ersten Staffel die ubglaublich gute Buch Vorlage von Dan Simmons nicht vergessen. In der Serie wurde das Monster gezwungener Weise sehr viel sichtbarer, aber die Idee daraus eine Anthologieserie zu machen habe ich von Anfang an für Quatsch gehalten. Beide Staffeln haben nichts miteinander zu tun und die einzige Verbindung, das Monster, kommt nun sehr gezwungen daher.
franxinatra 18.08.2019
4. Wenn es nur um das Thema geht...
dann hat mir eine der US-Krimiserien schon -weniger mit Mystersbohai- einen erschreckenden Einblick geliefert: Cold Cases; wie ich auch erst durch eine andere Serien-Reihe (CSI) auf Fraking und Monsantos Saatgut-Praktiken aufmerksam wurde, bevor die Problematiken medial Verbreitung fanden. Es sind allerdings dann auch in Untertönen vermittelte Narrative, die zur Wissensvertiefung einladen: die muß man sich dann nur erarbeiten...
ts1 18.08.2019
5. Japaner sind keine Polynesier
Da man die japanischen Inseln nicht wie die anderen im Pazifik widerstandslos einnehmen konnte und es zum Krieg kam, wurden sie eben wie die widerspentigen Indianer behandelt.
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