»The Tragedy of Macbeth« mit Denzel Washington Warum die Welt diese Shakespeare-Verfilmung wirklich braucht

»Macbeth« ist häufig verfilmt worden, aber diese neue Version war unbedingt nötig: Weil Joel Coens Film wie die Instandsetzung eines Stückes wirkt, das in der Vergangenheit immer stärker verzerrt wurde.
Archaischer Sog: Denzel Washington und Frances McDormand in Joel Coens »Macbeth«-Bearbeitung

Archaischer Sog: Denzel Washington und Frances McDormand in Joel Coens »Macbeth«-Bearbeitung

Foto: Alison Rosa / Apple TV+

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Die Macbeth-Verfilmung hat es zu einem eigenen, stattlichen Genre gebracht: Shakespeares Geschichte von Machthunger und Verfall spielte schon in einem Fast-Food-Restaurant in Pennsylvania, während eines Bandenkriegs in Chicago und in der Unterwelt Mumbais; große Filmregisseure wie Orson Welles, Akira Kurosawa und Roman Polański arbeiteten sich über die Jahrzehnte an dem Stoff ab.

Jetzt hat er es geschafft, das bekannteste regieführende Brüderpaar der Geschichte auseinanderzubringen: »The Tragedy of Macbeth« drehte Joel Coen allein, ohne seinen Bruder Ethan. Das Ergebnis ist nach kurzem Kino-Einsatz nun bei Apple TV+ zu sehen.

Vielleicht fragte Ethan sich, ob die Welt wirklich noch eine weitere Macbeth-Filmversion braucht, und diese Frage ist ja durchaus nachvollziehbar. Aber vielleicht hat Joel mit seinem Film auch seinen Bruder davon überzeugen können, dass es zumindest diese neue Variante tatsächlich brauchte. Es handelt sich nämlich nicht um die nächste eigenwillige Interpretation mit Müllwerkern als Hexentrio und Macbeth als Gangsterboss, sondern um eine Art filmischer Grundinstandsetzung.

Das Stück wirkt hier wie mit dem Sandstrahler gereinigt, ohne inhaltliche Verfremdung, Modernisierung und das Überladene früherer Kino-Bearbeitungen. Bei Joel Coen strahlt Macbeth wieder in düsterstem Glanz, und man versteht sofort, warum Filmemacher nicht aufhören können, diesen Stoff zu adaptieren: Weil das Stück aus dem frühen 17. Jahrhundert so etwas ist wie der Urstoff aller Thriller, die in Literatur und Film folgten.

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Foto: Alison Rosa / Apple TV+

Coen kam auf die Idee einer Macbeth-Bearbeitung, weil er seine Frau Frances McDormand als Lady Macbeth in einer Produktion des Berkeley Repertory Theatres auf der Bühne gesehen hatte. Diese Erfahrung beeinflusste auch die Form seines Films. Anstatt nach Naturalismus oder Modernisierung zu streben, drehte er komplett im Studio und ließ den französischen Kameramann Bruno Delbonnel (»Die fabelhafte Welt der Amélie«) das Geschehen in Schwarz-Weiß-Bilder fassen, die auf den Kern reduziert wirken.

Der deutsche Film-Expressionismus, vor allem Fritz Langs »Die Nibelungen«, steht deutlich Pate, aber mehr noch erreicht Coen eine Synthese aus filmischer und theaterhafter Inszenierung. Sein Macbeth ist abstrakt und packend zugleich, benutzt die Formsprache des Kinos und stellt das Drama doch aus wie auf einer Bühne.

Eine eigene Setzung ist auch seine Entscheidung, nicht auf junge Darsteller zu vertrauen wie in der langen Macbeth-Tradition ganz selbstverständlich, sondern die Titelrolle mit dem alternden Star Denzel Washington zu besetzen und seine Lady mit Frances McDormand . Bisher schien es immer ausgemacht, dass nur ein junger Edelmann durch Gier und fehlgeleiteten Machtwillen derart vom Wege abkommen könnte, dass er seinen König ermordet und sich selbst auf den Thron setzt.

Superstars in Topverfassung

In Coens Bearbeitung ist es ein älterer, gefestigter Mann, der Schuld auf sich lädt – oder eher, dessen Schicksal von unsichtbaren Mächten gelenkt wird? Das ist die Frage, die Shakespeares Stück seit Jahrhunderten stellt und die der Parabel einen archaischen, überzeitlichen Sog verleiht, der in diesem Film wieder mit aller Macht zur Geltung kommt.

Alter schützt vor Grausamkeit nicht, das ist Coens sichtbarste persönliche Interpretation. Ansonsten stellt er sich ganz in den Dienst dieses Textes, der noch immer so fremd und formschön klingt. Wie Washington und McDormand ihre Monologe und Dialoge mit einer naturalistischen Spielweise verbinden, wie sie diese Figuren zu wirklichen Menschen machen, die sehenden Auges in ihr Unglück laufen und sich doch nicht wehren können – das ist phänomenale Schauspielkunst. Und weil die moderne Technik es erlaubt, Filme im Original mit Untertiteln zu schauen, kann der Hinweis hier nur lauten, sich diese Höhen der Sprachkunst nicht entgehen zu lassen.

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Foto: Apple TV+

Das gilt auch und vor allem für die Darstellerin, die es schafft, den beiden Superstars in Topverfassung den Rang abzulaufen. Kathryn Hunter ist vor allem in Großbritannien für ihre Bühnenkunst bekannt und bewundert. Sie spielt mit ihrem Körper wie wohl keine andere lebende Schauspielerin, mit verzerrten und wie verdreht wirkenden Gliedmaßen, die das Innerste ihrer Figuren in expressiven Bewegungen sichtbar machen.

Hier gibt sie die drei Hexen in Personalunion, und so wunderlich-gruselig interpretiert hat man den berühmten Beginn des Klassikers – »When shall we three meet again/In thunder, lightning, or in rain?« – noch nie gesehen. Allein für diesen virtuosen Verknotungsakt hat sich die Neuverfilmung gelohnt.

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