"The Voice of Germany" Ein leiser Hauch von Bohlen

Sido ließ auf ein wenig Kontroverse bei "The Voice of Germany" hoffen. Grund zum Austeilen gab es aber kaum: Es trat niemand auf, der nicht wenigstens eine Autohauseröffnung zum Glänzen bringen könnte.
Von Klaus Raab

Am Schluss fließt ein Tränchen, ein echtes Tränchen aus einem echten Auge. Hach ja, schnief. Aber es ist ja auch ergreifend: Die 18-jährige Claudia Emmanuela, die seit einem Jahr in Deutschland lebt und ihre Familie vermisst, singt in einem roten Kleid den Song des Abends, "Never enough". Man hört ihr an, dass sie Gesang studiert. Und per Tablet schaut - sichtlich emotional involviert - die Familie in Indonesien zu. Topgeschichte für eine Castingshow.

Da geht dann logischerweise das ganze Programm ab bei "The Voice of Germany": Alle vier Jurymitglieder buzzern und wollen Claudia in ihrem Team haben. Alice Merton, eine der vier, sagt: "Ich hab' zum ersten Mal bei dieser Sendung wirklich geweint, weil es so schön war." Den anderen drei - Rapper Sido, Mark Forster und Rea Garvey - hat es auch gefallen. Und Claudia singt ihren Song dann gleich noch einmal. So schön war es. So muss ein Castingabend enden.

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Die neunte Staffel von "The Voice of Germany" liefert also gleich in der ersten Folge "mega ab", wie man im Jargon der Castingshows so sagt. Einem Jargon, in dem freilich nicht so wahnsinnig viele Differenzierungsmöglichkeiten existieren, weil der Superlativ darin eine alternative Normalform ist. "Als gelungen bewerten" heißt auf Castingdeutsch zum Beispiel: "völlig geflasht sein".

Ein "amtlicher Schmackes" fehlt

Selbst die Kandidaten, die in dieser Premierenfolge ausscheiden, liefern nicht weniger als - ganz genau - "mega ab", wie ihnen spätestens nach ihrem Auftritt hinter der Bühne versichert wird, damit sie erhobenen Hauptes nach Hause gehen und "nächstes Jahr wiederkommen" können. Da sind zum Beispiel drei Twens, die dreistimmig den "Believer" geben. Die vier Coaches haut es dabei nicht aus den Sitzen. Mark Forster moniert unter seiner Schirmmütze, es habe "ein amtlicher Schmackes" gefehlt, der Auftritt sei "zu bieder" gewesen - was aus dem Mund eines Mannes, der den Rock'n'Roll nun auch nicht neu erfunden hat, zumindest eine komische Komponente hat.

Aber wirkliche Tiefschläge: nein. Und das ist nach wie vor das halbwegs Besondere an dieser Show im Vergleich mit bisweilen ins Bösartige tendierenden Konkurrenzformaten: Niemand wird hier einfach nur als Depp vorgeführt. Unter den Kandidatinnen und Kandidaten, die alle am Ende "The Voice" heißen wollen, ist kein einziger, der nicht wenigstens eine Autohauseröffnung zum Glänzen bringen könnte. Die sind alle zum Singen da und nicht, um die niederen Instinkte eines nach Peinlichkeiten gierenden Publikums zu bedienen.

Mit Mundharmonika und Mojo

Am Ende kommen neben Claudia noch vier andere Frauen und der 18-jährige Lucas weiter, der im Dreiteiler auftritt, sich die Haare nach hinten gelt, Mundharmonika spielt und über sein Mojo singt - was bereits genügt, um als "richtiger Vogel" (Mark Forster) durchzugehen. Eine der Aussortierten bekommt darüber hinaus noch eine Comebackchance mit einem fünften Coach - eine Neuerung, mit dem ProSieben und Sat.1 das Format ins Internet verlängern.

Wobei, ein ganz leiser Hauch von Dieter Bohlen könnte vielleicht noch durchs frisch veränderte Konzept wehen. Zuletzt war es so, dass ausgeschiedene Kandidaten mit den Meinungen der Coaches nicht weiter konfrontiert wurden. In dieser Staffel nun geben die ihren Senf auch zu Auftritten, die sie nicht überzeugt haben. Das wird in den Social Media tendenziell als Respektsbekundung gewertet, kann allerdings auch mal in eine neue Härte umschlagen. Einmal etwa sagt Rapper Sido, ein castingerfahrener Mann, der in dieser Show aber neu ist und sie gleich etwas an sich reißt: "Ich könnte nichts Aufbauendes sagen", also sagt er: "Mir hat's nicht gefallen." Hört man wahrscheinlich nicht ganz so gern.

Für einen Werktagabend reicht's

Markiger allerdings wird es an diesem Abend nicht. Dass speziell Sido den schlechteren Kandidaten auch mal missmutig die Zwölf polieren könnte, wie im Vorfeld spekuliert worden war - nein, passiert nicht, zumindest nicht im Rahmen der ausgestrahlten Auftritte.

Und der Sound, den die vier Coaches untereinander anschlagen, ist auch in der neuen Jurybesetzung der des Gefrotzels. "Wenn du Tee trinken willst, geh' zu Mark", sagt Sido etwa der 27-jährigen Veronika, die sowohl Forster als auch er in ihren Teams haben wollen - aber die Party finde bei ihm statt. Das sind so die Sprüche, na ja. Für so einen Werktagabend auf der Couch freilich reicht's. Sofern ganz am Ende noch ein echtes Tränchen "mega abgeliefert" wird.

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