"The Voice of Germany" Übergefühlige Mützenmännchen

Ein neuer Weichknabe sitzt in der Jury, sonst ändert sich nichts: Bei "The Voice of Germany" treten immer noch Menschen auf, die etwas sehr gut können. Nicht aufregend, aber angenehm mümmelig.

"Voice of Germany"-Mannschaft
DPA

"Voice of Germany"-Mannschaft

Von


Keine Quäker, keine Schicksale, das ist immer noch der Deal. "The Voice of Germany" schafft es auch in der siebten Staffel, schwül-menschelnde Kitschvorlagen liegen zu lassen, bei denen andere Castingshows sofort die fiese Hintergrundfidelmusik ausgepackt hätte. Und so darf der Berliner Travestiekünstler Jade Pearl Barker einfach seinen "Moon River" singen, ohne vorher ein Schmonzstück über die vielfältigen Leiden abdrehen zu müssen, die das schöne, offensive Anderssein so mit sich bringen kann.

"The Voice of Germany", das ist immer noch aufregungsloses Mümmelfernsehen, und vermutlich muss man dazu sagen, dass das positiv gemeint ist.

Alle Auftretenden sind mindestens gut, einige sind sehr gut, auch die eingestreuselten Freaks sind nicht nur als Gaffmaterial dabei. Der 47-Jährige Sirenenrocker mit den Kajalaugen und den klobigen Glitzerbotten liebt "die Mu-sigg" (Betonung auf der ersten Silbe) und heisert sich perfekt durch einen Led-Zeppelin-Klassiker, die Frisörin aus der Steiermark hat für die Gesangskarriere ihren Job gekündigt, und während das in den meisten anderen Sendungen ein unverkennbares Alarmsignal ist, findet man das hier schon okay, nachdem man sie hat singen hören.

Und wenn zwischendurch ein freundlicher S-Bahn-Fahrer oder eine italienische Gastronomentochter auf der Strecke bleiben, müssen sich weder die ungebuzzerten Protagonisten noch der Zuschauer auf dem Sofa schämen, so etwas darf ja längst als fernsehunterhalterische Errungenschaft gelten.

Die Coaches: Wie immer eine gut geölte Beharkungs-Kalauermaschine. Das mag in seiner Vorhersehbarkeit manchmal nerven, funktioniert aber trotzdem, weil Yvonne Catterfeld, Smudo und Michi Beck sowie Samu Haber gut eingespielt sind wie eine Volksstück-Ensemble nach drei Tourneereisen über die mittelschlimmen Kleinstadtbühnen. Neuzugang Mark Forster, der Andreas Bourani ersetzt, gibt das glutenfreie Soft Bröd, das "äh äh äh" keine Ahnung von Rock hat und seine Coach-Karriere auf einem Schmalzfundamant errichten will: Einer Kandidatin namens Malina erklärt er, ihr Name sei ja das polnische Wort für Himbeere, "und das war dasselbe Gefühl, als du für mich gesungen hast: Es war eine fruchtig-frische Überraschung." So argumentieren sie wohl, die übergefühligen Mützenmännchen.

Neben dem angenehm Treptow-schnauzigen Travestiekünstler Jade Pearl räumte in der Auftaktsendung vor allem eine Gang aufrichtig talentierter 16-Jähriger ab: Benedikt, der fränkische Fußballtorwart, der sein altseliges "Always On My Mind" bis jetzt nur daheim im Keller sang. Schmuseknilch Melvin, der Catterfeld und Haber mit "Bridge Over Troubled Water" in einen scheidungskriegsähnlichen Bieterstreit trieb.

Und Lara mit der Ukulele, bei deren schwerlidrigem "Let It Be" schließlich alle weinten: Catterfeld, Smudo, Moderatorin Lena Gercke irgendwo in der Kulisse. "Wie wenn ein Engel sich mit seiner Harfe auf einen Barhocker setzt", kramte Forster in seiner Komplimente-Butterkiste, doch Lara entschied sich für Team Samu. "Ich gewinn The Vo-hoice, ich gewinn The Vo-hoice", tirilierte der daraufhin. Es ist nicht der aufregendste Cliffhanger, aber man kann das durchaus im Auge behalten, wenn man mal wieder in Mümmelstimmung ist.



insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
2cv 20.10.2017
1. Es kann nicht immer nur Kritik sein...
...manchmal ist auch das einfache "Hinsetzen und Abschalten" nach einem anstrengenden Tag angesagt, "nicht nachdenken müssen" sondern einfach mal berieseln. TVOG ist dafür ein geeigneter Kandidat. Leider hatte unser Sat-Receiver für eine Handvoll Minuten Aussetzer gestern sodaß wir nicht alles haben sehen können - aber wieder einmal waren weniger Typen als vielmehr Stimmen gefragt -- und wir machen teilweise selber solche "blind auditions" daheim: würden wir ihm oder ihr die Stimme geben? Stimmlicher Wiedererkennungswert oder doch "mainstream"? Grosse Bühne oder eher Firmenparty-Cover-Band? Manchmal weiss man allerdings schon vorher beim Einspieler, daß Anspruch und Wirklichkeit doch etwas auseinander liegen. Die Ukulele-Darbietung war technisch betrachtet eine Schulnote "gut" aber alles andere als rührselig, und Frau Catterfields Tränen konnten wir nun gar nicht nachvollziehen. Joe Cocker alike voice - leider sind da die gedanklichen Positionen bei uns schon besetzt: würde schwer, den als "TVOG" zu bewerten, trotz aller technischen top Gesangsleistung. Und so haben wir den Abend mit einem schönen Rotwein, einer kleinen Käsevariation, Raumklang und einfach nur Entspannen genossen - gut so. Wir wünschen uns, daß noch viele solcher Sendungen kommen werden.
thelix 20.10.2017
2.
Also, Frau Rützel. Wann sind Sie weich geworden? ^^
navysailor 20.10.2017
3.
TVOG ist immer interessant - zumindest in den Blind Auditions. Danach bleibt es besser als jede andere Cadting Show - wird aber trotzdem zusehend langweiliger. Toll ist halt, dass die Stimme zu Anfang als Alleinstellungsmerkmal zählt. Man muss nur die Augen schließen und kann sofort mit den Coaches mitfühlen - für Do meist besser als das restliche Mainstreamprogramm.
mwroer 20.10.2017
4.
Zitat von thelixAlso, Frau Rützel. Wann sind Sie weich geworden? ^^
Vielleicht hat Frau Rützel einfach die Augen zugemacht und hingehört :) Das Dschungelcamp ist einfach eine Einladung zum Verriss - The Voice ... ich bin bekennender Fan von The Voice of Holland und vermute mal es ist zu etwa 95% das selbe wie bei Euch The Voice of Germany. Die Blind Auditions sind toll. Hinterher wird es manchmal schwächer aber es ist fast immer schön zu hören. Mehr muss manchmal nicht sein :)
nose 20.10.2017
5. Selektion = Unterhaltung?
Ich freu mich auf dem Tag, an dem eine Sendung, in der talentierte Menschen gnadenlos aussortiert werden, keine Beachtung mehr findet. Aber scheinbar brauchen wir noch diese diese Formate, die andere vorführen, um uns vielleicht überlegener und damit besser zu fühlen (???). Ich hab die Sendung nicht ganz gesehen, habe aber beim Zappen den Auftritt des sympathischen Staplerfahrers mitbekommen. Ganz großes Kino!!! Allerdings wie er dann gesenkten Hauptes unbeachtet die Bühne verlassen musste, war schon ein starkes Stück :-( Da nützt es auch nicht, dass die Hauptprotagonisten noch so betroffen auf Ihren Sesseln hin- und her rutschten. Selektion bleibt Selektion.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.