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24. April 2010, 22:46 Uhr

Thementag auf 3sat

Reality-Check für Polenwitze

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So nah und doch so fern: Über Polen gibt es in Deutschland mehr Vorurteile als echtes Wissen. Ein Missstand, den 3sat aufgreift - einen Tag lang bemüht sich der Sender mit Filmen, Comedy und Dokumentationen um Aufklärung. Doch ein Thema wird ausgeklammert.

"Solange Mond und Sonne scheinen, wird nie ein Deutscher eines Polen Freund." Ein schwieriger Hintergrund für einen Thementag zur Völkerverständigung. Mit dem alten polnischen Sprichwort in der Hinterhand will der Sender 3sat, der das Programm natürlich lang vor dem tragischen Absturz der Präsidentenmaschine geplant hatte, unter anderem miese Mutmaßungen durchrütteln: Gibt es da drüben im Osten tatsächlich ausschließlich trinkfeste Autoklauer? Katholische heiße Bräute? Arme Antisemiten? Und kein Mensch kann anständig Englisch? Weil die polnisch-deutschen Nachbarn sich mit der traurigen und komplizierten Vergangenheit bei der gegenseitigen Annäherung immer noch schwer tun, versucht 3sat am Sonntag einen ganzen Tag lang, das zu ändern.

Und zwar erst mal recht vorsichtig per "Eagle Watching" zur 6-Uhr-Frühstunde: "Die Rückkehr der Seeadler" ist ein bedächtiger Dokumentarfilm mit viel heiserem "Klü klü klü klü!" über die neue Hoffnung für die Riesengreifvögel am Stettiner Haff. Um 7.30 Uhr beginnt dann aber das Rühren in den Problemen mit einer vierteiligen Sendereihe zum großen Thema Vorurteile: "Deutsche und Polen" von Lew Hohmann erzählt umfang- und aufschlussreich vom schwarzen Kreuz und weißem Adler, von den beiden Weltkriegen, deren beispiellose Wunden bis heute zu spüren sind, vom Kniefall Willy Brandts und der zarten Annäherung der beiden Länder.

Nach zwei Beiträgen für Zielgruppen im Schulkindalter geht es zur Mittagszeit mit "Zu Tisch in... Schlesien" versöhnlich weiter, inklusive Taubensuppe und - natürlich - Kartoffelklößen. Der Film "Für Danzig sterben?" zum Kriegsbeginn in Gdansk und die Gründung von Solidarnosc versucht, eine Verbindung zwischen diesen beiden wichtigen Ereignissen herzustellen, und da Geschichtsträchtiges im Fernsehen ohne Guido Knopp und seine schattig ausgeleuchteten O-Tongeber undenkbar wäre, zeigt der ZDF-Chefhistoriker eine Dokumentation über das Leben Karol Wojtylas, der jahrelang in Lublin Ethik unterrichtete, bevor er zum Pontifex aufstieg.

Winkende Trick-Männchen und bunte Landkarten

Als Erstausstrahlung läuft ein Dokumentarfilm über die Flucht von DDR-Bürgern in den Westen, die im Sommer 1989 durch Oder und Neiße schwammen, durch das Riesengebirge kraxelten oder über Warschau ausreisten. Stadtporträts von Krakau und Warschau hat der ehemalige Polen-Korrespondent der ARD, Robin Lautenbach, beigesteuert. Und mit Rita Knobel-Ulrichs Reportage "Wäsche auf Achse - Täglich Polen und zurück" um 18.30 Uhr macht man sich an die wirtschaftliche Situation im Land: Es geht um Hotelwäsche der Berliner Luxusklasse, die täglich mit einem Lastwagen zum Waschen, Bügeln und per Hand (!) zusammengefaltet werden nach Polen reist, für kleines Geld, das deutschen Wäschereiangestellten zu wenig wäre.

Der Film ist der Schlusspunkt des bewusst reportagelastigen Programms. 3sat hat sich Mühe gegeben, über ein touristisches Betrachten des schönen Nachbarlandes hinauszugehen, und den politischen Knoten- und Brennpunkten eine Menge Platz eingeräumt. Schade ist allerdings, dass man vor den wichtigen und ebenfalls aktuellen Themen Trafficking und Sexarbeit an der deutsch-polnischen Grenze anscheinend Hemmungen hatte.

Mit einem extra für den Thementag in Auftrag gegebenen Roadmovie soll der Abend locker eingeläutet werden: In "Polen für Anfänger" mit dem Berliner Komiker Kurt Krömer und dem deutschen, in Polen lebenden Kabarettisten und Autor Steffen Möller zockeln die beiden Mediengesichter mit Möllers altem "Fiat Polski" ohne Rückwärtsgang zwischen Warschau, Krakau und der Oder hin und her. Die Regisseurin und Trickfilmerin Katrin Rothe, die für ihre Arbeiten bereits für den Deutschen Fernsehpreis nominiert war und für die Doku-Reihe "Stellmichein" 2007 den Grimme-Preis bekam, hat auch den Polen-Trip launig bebildert - mit winkenden Trick-Männchen und bunten Landkarten.

Vor allem die amüsanten und kritischen Informationsinterludien mit Weisem und Neuem zum Papst oder zur polnischen Sprache lockert sie durch ihre grafischen Trickfilmsequenzen kräftig auf. Überhaupt, die schwere Sprache mit den Riesenkonsonantenhaufen, durch die nur ab und an mal ein Vokal weht: Da wird Krömer, dessen Humor größtenteils auf der Sprachebene funktioniert, im fremdsprachigen Ausland zum stummen Grinser, der mit seinen Witzen beim etwas miesepetrig wirkenden Möller einfach abprallt. Das passt zum Gefühl des Fremdseins.

Polen können Jazz

Eigentlich sieht man Möller erst am Ende erstmalig kurz und befreit auflachen, als Krömer sich mit Koffer und Lakritzbrille wieder auf den Heimweg nach Berlin macht: So einfach ist die Annäherung nicht, das macht das etwas mühselige Verhältnis zwischen den beiden unfreiwillig klar. Auch versierte Komiker sind eben im normalen Leben ganz normale, auch mal gelangweilte oder langweilige Polenreisende. Dass der Film das zulässt und nicht ausschließlich auf Gags am laufenden Band und musikalisch untermalten Slapstick setzt, lässt den Beitrag sehr souverän wirken.

Robert Thalheims für den Deutschen Filmpreis nominierter Spielfilm "Am Ende kommen Touristen" von 2007, zu dem neben anderen Hans-Christian Schmid das Drehbuch schrieb, läuft ab 22 Uhr: Ein deutscher Zivildienstleistender arbeitet in Auschwitz, heute Oswiecim, bei einem KZ-Überlebenden und muss sich nicht nur mit seiner Vergangenheit, sondern auch mit der Liebe an einem unfassbaren Ort wie diesem auseinandersetzen. Die unaufgeregt und präzise erzählte Geschichte um die Frage, wie man im Schatten eines unerträglichen Verbrechens leben und lieben kann, wird von Thalheim in vorsichtigen Bildern nüchtern und dennoch nachfühlbar erzählt.

Der zweite Spielfilm des Abends ist der 2005 entstandene "Der Meister" von Piotr Trzaskalski, und damit nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, eines der bekannten Werke von Polens berühmtestem Regisseur Roman Polanski - was das Programm umso abwechslungsreicher macht. Danach kann man sich aber endlich eines der Vorurteile bestätigen lassen. Zwei Konzerte vom JazzBaltica-Festival zeigen, worauf man als tendenziell hüftsteifer Europäer nur neidisch sein kann: Polen lieben nicht nur Jazz, sie können ihn auch.

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