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Promi-Darts-WM: Ex-Weltfußballer am Wurfpfeil

Foto: Caroline Seidel/ dpa

"Promi-Darts" bei ProSieben "Tim, hauch mich mal an"

Teils überraschend spannend, teils komplett desaströs: Die Promi-Darts-WM bei ProSieben gerät zum emotionsintensiven TV-Event. Und was sind das für Flecken auf Tim Wieses Hemd?

Um 23 Uhr merkt man: Etwas stimmt nicht, etwas ist anders. Denn zum ersten Mal in der öffentlichen Geschichte seiner verlässlich sonderbaren, trübtapsigen Unternehmungen fiebert man plötzlich mit Lothar Matthäus mit.

Wie konnte das passieren?

Vor knapp drei Stunden hat man ihn noch verlacht, als er in die Düsseldorfer Darts-Arena eingelaufen war, das Polyesterleibchen mit dem selbst gewählten Kampfnamen "Il grande" beschriftet, an seiner Seite ein Profi-Pfeilewerfer, der sich die glatzige Seitenpartie seiner gelben Iro-Frisur mit dem Logo des Sponsors pizza.de beklebt hatte.

Nur ein paar Tage nach der echten Darts-WM im Londoner Alexandra Palace (oder Ally-Pally, wie die echt angespitzen Fans sagen) kämpfen einige der wirklichen Granden dieses Sports nun um den Sieg bei der trashigen Promi-Variante, doch die näheren Umstände werden zunächst einmal vom Hallenpublikum zu Klump zerstampft.

Man sieht Menschen, komplett außer Rand und Band und kurz vor "Schlüpferstürmer"-Kompletteskalation. Als Rehe geschminkt, als Schlümpfe verkleidet, in Tiger-Ganzkörperkostümen halten sie, teilweise offensichtlich schwerstbesoffen, Schilder schwankener Beklopptheit hoch: "Chef, morgen bin ich krank", "Wir grüßen Strunkelbude","Mama, mir geht's gut."

Zwar ist ein exaltiert mitgehendes Publikum bekannte Darts-Turniertradition, doch hier fühlt man sich beim Zuschauen, als müsse man nüchtern mehrere Stunden zur besten Suffski-Zeit im Trinkteufel oder im Elbschlosskeller verbringen, schon nach einer Viertelstunde ist man erschöpft.

Denn Ton- und Kameraregie scheinen ebenfalls Kleiner-Feiglings-mäßig angeschlagen, und Moderator Joko Winterscheidt wirkt inmitten dieser Proll-Umtosung, als müsse er an seinem ersten Tag als Kindergärtner eine Horde gnadenloser Blagen im Cola-Zuckerrausch bändigen. Dann läuft Ex-Torwart-jetzt-Viech Tim Wiese mit einem fleckigen Trikot ein, und man kann es zu Hause nicht ganz erkennen: Ist das Blut oder doch nur Selbstbräuner?

Das Trauma vom desaströsen RTL2-Promi-Kegeln, dem letzten größeren Trash-Sportevent, sitzt noch tief, und man erwartet ergeben ähnlich Schlimmes, als Fernsehkoch Tim Mälzer einmarschiert, flankiert von einer glitzernden Dame mit "Kfz-Teile24"-Schärpe. ""Loddar, das March-on-Girl ist Single", werden später hilfreiche Schilderschwenker seinen Mit-Darter Matthäus informieren. Aber dann, als man selbst auch schon kurz davor ist, die krustige Eierlikör-Altflasche aufzubrechen, passiert nach ein paar Runden, in denen jeweils ein Promi-Profi-Team gegen ein anderes antritt, etwas Unerwartetes: Man beginnt plötzlich, sich ernsthaft für Darts zu interessieren.

Völlig klar ist schnell: Ohne die Profis wäre diese Show ein Debakel, denn die meisten Promi-Parts werfen ihre Pfeile eher unkontrolliert.

Mit ihnen allerdings ist das Turnier überraschend unterhaltsam, wenn man erst einmal in den Rhythmus reingerutscht ist: Pro Runde, "Leg" genannt, müssen die Werfer ihre Zähler von 501 Punkten bis zur exakten Null herunterwerfen. Den Löwenanteil der Arbeit übernehmen natürlich die Profis, Größen wie der 16-fache Weltmeister Phil Taylor, "Flying Scotsman" Gary Anderson, der besagte logobeklebte "Snakebite" Peter Wright und natürlich auch der amtierende Weltmeister Michael van Gerwen, der mit Wiese antritt.

Alles Darts-Legenden, die ihre eigenen Fangesänge haben, scheinbar mühelos den Optimalwurf 180 schaffen - drei Mal hintereinander ins Triple-20-Feldchen -, aber zwischendurch auch mal eine 1 werfen, wenn man sie gar nicht brauchen kann. Weil Darts-Fachmann Elmar Paulke dies alles sachverständig und ruhig kommentiert, lernt man tatsächlich etwas dazu und versteht auch als Darts-Neuling gegen 22.30 Uhr Sätze wie "Bis jetzt hat noch kein Promi ein Leg gecheckt". "Das ist hier nicht so ein Silikontitten-Event wie sonst bei ProSieben", frohlockt zwischendurch Tim Mälzer, "leck mich am Arsch: Phil Taylor, mein Gott!". "Tim, hauch mich mal an", bittet Moderator Winterscheidt Mälzer.

Eine Weile macht das Zuschauen also wirklich Spaß: Das linkszwinkrige Anvisieren von Tim Wiese, der tatsächlich einen "Robin Hood" landen kann, also einen Dartpfeil, der einen anderen aufspießt. Die Freude von Moderator Matthias Opdenhövel, der kurz vor Mitternacht als erster Promi auscheckt, also exakt die noch fehlenden Doppelpunkte bis zur Null wirft. Die Abgezocktheit von Mario Basler (der für den schleimbeutelhalber verhinderten Reiner Calmund antritt), die erahnen lässt, dass er während seiner Profifußballerzeit eventuell schon mal ein bisschen Zeit in einer Kneipe verbracht haben könnte. Einmal wirft er gar 136 Punkte. "Basler, Basler, Basler braucht ein Bier", plärren die 1500 Fans.

Dann läuft die ganze Unternehmung leider publikumsmäßig komplett aus dem Ruder, und man hofft lange, die mitunter wirklich ekligen Grölereien wären am Ende vielleicht doch nur eine aufwendig inszenierte Peinprüfung für den immer hilfloseren Joko Winterscheidt, damit sein Kompagnon Klaas jeden Moment aus einer Häme-Torte springen kann.

"Mario, du Zigeuner", blökt die tumbe Masse schließlich ausdauernd den Teilnehmer Basler an, das ist mindestens irritierend. Winterscheidt versucht die Situation zu retten: Im Rheinland sei "Zigeuner" die gängige Bezeichnung für einen Frauenhelden. Dann wird die Sendung plötzlich mitten im Leg für eine Werbepause unterbrochen. Etwaige Bändigungsversuche des Publikums fruchten kein bisschen: Der Wettbewerb wird mit schallenden "Joko, du Zigeuner"-Rufen fortgesetzt.

Irgendwann ist das Saalpublikum glücklicherweise erschöpft von sich selbst, nur noch ein einzelner Mann quittiert jeden Wurf mit enthusiastischen "oooh"s, doch die Luft ist nach fast fünf Stunden (davon eine dicke Stunde Werbepausen) dann endgültig raus.

Es gibt noch einen schönen Semi-Tumult, als im Halbfinale drei Gewinn-Legs zu erzielen sind, dieser Umstand aber bei Tim Wiese und seinem Partner Michael van Gerwen nicht angekommen ist. "Ja was hier?" braust Wiese, drohend gebläht, in Richtung Winterscheidt, als er nach zwei Gewinnsätzen überraschend noch einen dritten spielen soll, und sagt etwas, das wie "Hätten wir das noch verloren, hätt ich dir den Kopf kaputt gemacht" klingt.

Da macht man zu Hause dann doch noch ein bisschen Restempathie für seinen Finalgegner Matthäus locker (der zwischenzeitlich souverän eine 67 ausgecheckt hatte) - am Ende siegen trotzdem Wiese und van Gerwen.

Mit etwas mehr Ordnung, Konzept und Regie könnte man das im nächsten Jahr gerne noch einmal probieren. Oder man versucht es gleich mit einer völlig neuen, von Tim Wiese inspirierten Sportart namens Darstling: erst Pfeile werfen, dann rangelnderweise Regelunklarheiten auswresteln.


Anmerkung: In einer früheren Version des Textes wurde in der Überschrift behauptet, dass Moderator Winterscheidt Tim Wiese gebeten habe, ihn anzuhauchen. Das ist falsch. Winterscheidt hatte die Bitte gegenüber Tim Mälzer geäußert.

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