Krisen-Krimi aus Spanien Bankraub als Urlaub

Kinder der Krise, Gangster der Gelegenheit: In Tomás Bárbulos Roman "Versammlung der Toten" fährt eine Gruppe spanischer Arbeitsloser mit ihren Frauen für einen Bankraub nach Marokko.

Szene aus der Serie "Haus des Geldes"
Netflix

Szene aus der Serie "Haus des Geldes"

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Früher trugen Gangster schmale Anzüge, früher fuhren sie italienische Sportautos. Heute lassen sie sich beim Friseur den aktuellen Cristiano-Ronaldo-Haarschnitt verpassen, tragen Schlabber-T-Shirts mit Vereins-Emblemen und fahren zum großen Coup im Kleinbus vor. So ist es jedenfalls in Tomás Bárbulos Thriller-Roman "Versammlung der Toten", in dem der Autor ein paar unansehnlich aufgepimpte, spanische Arbeitslose und Kleinkriminelle in den Keller einer Bank einsteigen lässt, wo sie Edelsteine im Wert von mehreren Millionen klauen wollen.

Ein Caper-Krimi im Zeichen der Krise, ein rasanter Thriller aus der Mitte der erschöpften südeuropäischen Gegenwart: Bárbulo schlägt sich für seinen Roman durch den wenigen Rest-Glamour in seinem Heimatland, um dort die Versatzstücke für seinen Bankraub-Plot aufzulesen.

Einmal beschreibt er das heruntergekommene Büro eines Mafioso, an der Wand hängt ein Kalender, für den Ryanair-Flugbegleiterinnen in Bikini posieren. Und was ist die schlimmste Tat, die diesem Mafioso einfällt, um einen Schuldner unter Druck zu setzen? Er bemächtigt sich der Wohnung von dessen gebrechlichen Eltern und setzt diese vor die Tür; der Immobilienraub als definitive Drohung und ultimative Grausamkeit der Gegenwart.

No cash in Spain

Es gibt also gute Gründe für die armen Würstchen in "Versammlung der Toten", sich auf einen Beutezug einzulassen. Aber Banken sind auch nicht mehr das, was sie vor zehn Jahren waren. Wie es ein Gangster im Roman sagt: "In Banken gibt es kein Geld mehr, nur Computer."

No cash in Spain: Vor dem Hintergrund der Finanzkrise müssen Geschichten über Raubüberfälle auf Finanzinstitute zwangsweise anders erzählt werden, Banken taugen einfach nicht mehr als Bild unerschöpflichen Reichtums, kurz: Der Bankräuber von heute muss erfinderischer sein.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:42 Uhr
Ohne Gewähr

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Tomás Bárbulo
Versammlung der Toten: Thriller (suhrkamp taschenbuch)

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
397
Preis:
EUR 14,95
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In der spanischen Fernsehserie "Haus des Geldes", der Antena-3-Produktion, die letztes Jahr bei der Netflix-Ausspielung zum internationalen Hit wurde, drucken sich die Gangster nach einem Überfall auf eine Banknotendruckerei ihr Geld gleich selbst; in "Versammlung der Toten" reisen sie nun einfach in ein anderes Land.

Ein ominöser Auftraggeber schickt sie nach Marrakesch, wo sie sich durch die Kanalisation in den Tresorraum einer Bank buddeln und schweißen sollen, dafür winken ihnen nach dem Verkauf des erbeuteten Schmucks zwei Millionen Euro Anteil. Das Haus liegt am Djemaa el Fna, ein bei Touristen beliebter Marktplatz, früher eine berühmte Hinrichtungsstätte, bekannt auch unter dem Namen "Versammlung der Toten". Kein gutes Omen für einen Beutezug, der dann auch schon nach wenigen Kilometern ins Schlingern gerät.

Denn zur Tarnung reisen die Jungs mit ihren Frauen - alles ist besser als ein Ryan-Air-Flug! - im Kleinbus über Tanger zum Ort des Verbrechens. Eine nicht wirklich dezente Reisegruppe, in der die Männer Fußballerfrisuren tragen und die Frauen bis zu den Fußnägeln tätowiert sind. Am Pool wird auffällig viel über den anstehenden Coup gequatscht, andauernd liegen sich die Herren in den auftoupierten Haaren.

Das ist lustig, manchmal aber auch wenig banal. Die Frauen im Roman bleiben - im Gegensatz zu denen in "Haus des Geldes" - rot lackiertes und grell tätowiertes Beiwerk, das die ganze Zeit nur die nächste Toilette sucht. Das Geschlechterbild in diesem Buch, nennen wir es wenig gestrig.

Ansonsten greift Autor Bárbulo, der als Reporter für die spanische Tageszeitung "El País" aus dem Maghreb und der Sahelzone berichtet, die großen Themen unserer Zeit auf, von Flüchtlingskatastrophe über Globalisierung bis Islamismus. Und, das ist dann wiederum das Tolle, wie nebenbei stellt er dabei lakonisch die übliche Nord-Süd-Logik auf den Kopf: Um die Kasse aufzubessern, bricht das verarmte Europa nach Afrika auf.

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