"Top Chef Germany" Ich bin das Reh

Es fiedelt, es trommelt, es dräut unheilvoll: "Top Chef Germany", die neue Adaption eines amerikanischen Erfolgskochformats, leidet an dramatischer Überfrachtung. Nur Starkoch Witzigmann mümmelt stumm.

Frank Zauritz / SAT.1

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Man wartet ein bisschen darauf, dass sich der erste bekreuzigt, als Eckart Witzigmann durch die Küche schreitet. Das Haupt senkt, um sich von ihm die Stirn mit ausgelassenem Speck salben zu lassen. Oder dem Nouvelle-Cuisine-Pionier zumindest einen Kohlrabi zur Segnung hinhält. Für "Top Chef Germany", der Adaption eines seit 16 Staffeln erfolgreichen und in 22 weitere Länder exportierten US-Kochformats, konnte Witzigmann als Jurypräsident gewonnen werden - und die Eminenzgläubigkeit, mit der ihm die Kandidaten nun begegnen, wirkt reichlich aus der Zeit gefallen, weil Formate wie "Kitchen Impossible" längst ein anderes, weniger ehrfurchterfülltes Bild von modernen Spitzengastronomen gezeichnet haben.

Andererseits muss man die Produktion dafür loben, dass sie zumindest in der Auftaktfolge auf aus anderen Formaten hinlänglich bekannte TV-Köche verzichtete. In der Jury, die über die 12 zum Wettbewerb angetretenen Profiköche und -köchinnen richtet, sitzen neben Witzigmann noch Sternekoch Peter Maria Schnurr (der sich allerdings schon in seinem Einspielerfilmchen der effekthascherischen Schmackoküche verdächtig macht, weil er eine Krümelspeise ernsthaft auf Flipflops anrichtet) und Gastro-Journalistin Alexandra Kilian.

Beim Teilnehmerfeld beließ man es glücklicherweise bei einem Mindestmaß an Sozialmelodramatik: Serkan hat diverse Restaurantprojekte in den Sand gesetzt und findet die 50.000 Euro Siegesprämie besonders interessant, weil es "gewisse Gläubiger" gibt. Johannes hat eine Nervenkrankheit, die seine Hände und Füße taub gemacht hat.

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"Top Chef Germany": Profiköche im Wettbewerb

Die erste Kochaufgabe ist ein altbekannter "Top Chef"-Klassiker: Bringe deine Persönlichkeit auf den Teller. Koch Sven wählt eine halb rührende, halb gruselige Wildallegorie: "Ich bin etwas schüchtern, also bin ich das Reh", erklärt er, während die Jury ebendieses Reh, also Sven, also zumindest seine kulinarische Persona, verzehrt. Das begleitende Maronenpüree seien seine Eltern und seine Freundin, die ihn "ummanteln", die Pilzbeilage ein Symbol für seinen Wunsch, Wurzeln zu schlagen.

Weniger verschluchzt geht ein Konkurrent die Sache an, der mit geröstetem Knoblauch und Mais seine schwarz-gelbe Liebe zum BVB auf den Teller bringt. Leider fallen die Juryurteile zu diesen Kreationen ausgesprochen knapp aus, vor allem Witzigmann wird, zumal als erkorener Star des Formats, zu wenig in Szene gesetzt: Mal verlangt er nach mehr Salz, dann findet er einen Teller "optisch sehr entgegenkommend", anderswo bedauert er, dass Bisquitstücke nicht in Likör getränkt wurden. "Die Zabaione ist grenzwertig", findet bei einer späteren Aufgabe Juror Schnurr. "Ich finde die gerade gut", sagt Gastjuror und Sternekoch Arne Anker. Und Witzigmann? Er mümmelt, stumm.

Das ist reichlich mager, zumal die Sendung fast drei Stunden lang ist. Genug Zeit also für wirklich nachvollziehbare Urteile. Im US-Original werden die Köche von der Jury tatsächlich auch ausführlich zu ihren kulinarischen Entscheidungen befragt, es gibt wirkliche Dialoge. In der deutschen Variante bleiben auch sonst viele Begriffe unerklärt stehen, mit denen nur Kochshow-Ultras sofort etwas anfangen können. Es geht hier ambitionierter und gehobener zu als in Formaten mit Laienköchen, schließlich treten hier teils sterndekorierte Profis an, also werden auch Kuriositäten wie karamellisierter Aal, Kohl-Ceviche, Röstkartoffelgelee und Blaubeerhollandaise zubereitet - klar, dass man das nicht Schritt für Schritt dokumentieren kann. Ein Glossar wäre trotzdem an vielen Stellen hilfreich gewesen, eine Erklärung, dass Mie de Pain gemahlenes Weißbrot ist, wie eine Ziegenjoghurtemulsion entsteht, was genau passiert mit einem konfierten Rindernacken passiert.

Und dann ist da noch diese Musik. "Top Chef Germany" wird konsequent kaputtgefiedelt, mit operettenhafter Klassik, stets zwischen Hotellift und Hobbitschlacht changierend. Auch das US-Original ist musikunterlegt, doch weitaus weniger überkandidelt und dramaheischend. Das ewige Getöse nervt besonders, wenn es nach der ersten Kochherausforderung an die Gruppenaufgabe geht - geteilt in zwei Teams müssen die Kandidaten in einer Berliner Markthalle die Klassiker Eisbein und Pfannkuchen neu interpretieren. Und die Musik wird gnadenlos auch über eh schon hektische Küchendiskussionen gezimmert, als gelte es, eine Seeschlacht musikalisch zu begleiten. "Ich habe die Blaubeeren vergessen!", sagt ein Koch - unterlegt wird das mit Gladiatorenkampfgetrommel. "Ich fülle meine Ravioli jetzt mit gepresstem Speck", sagt eine Köchin - die Musik kündigt das Herannahen eines blutrünstigen Haischwarms an. Und wenn irgendwer an einem Schweinebein herumprokelt, wird das mit Musik unterlegt, die auch die Grablegung eines Kaisers begleiten könnte, mindestens aber als Titelmusik eines Weihnachtsmehrteilers über ein armes Waisenkind taugen würde.

Das strengt an, weil alles auch sehr lange dauert. Nach der Gruppenaufgabe muss der Teamchef der Verlierergruppe - es ist Sven, das Reh - vier Köche aus seinem Team für eine letzte Ausscheide-Challenge benennen, nach der zwei von ihnen nach Hause gehen müssen. In dieser Rubrik soll es um Aufgaben gehen, die etwas mit Chefjuror Witzigmann zu tun haben, originellerweise müssen die vier Nominierten also etwas mit Aubergine kochen, weil so ja sein ehemaliges Sternelokal hieß.

Kandidat Christian formuliert die Aufgabe so: "Wir müssen ganzheitlich die Botschaft von der Aubergine überbringen". Oder, wie er es ein paar Minuten später ausdrückt: "Mann, fickt euch alle! Wer hat diese Scheiße hier zusammengebaut?" Es sind seltene, echte Momente wie dieser Ausbruch, an denen es "Top Chef Germany" noch mangelt - im US-Original leben die Kandidaten zusammen in einem Haus, man kann in kurzen Szenen an ihrer Erschöpfung, ihrem Frust nach Drehfeierabend teilhaben, das macht sie menschlich. Aber so viel will man von der deutschen Adaption gar nicht verlangen: Bitte einfach nur zügig bei der Musik den Stecker ziehen.



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dasfred 09.05.2019
1. Schon wieder ein Kochformat an mir vorüber gegangen
Das Frau Rützel diese X-te Show gleich drei Stunden ertragen musste, tut mir leid für sie. Von Witzigmann habe ich nichts mehr gehört, seit er sich die Nase gepudert hat. Irgendwann müssen die Sender doch merken, dass gefühlte fünfzig Prozent Kochshows im TV nur Platz für besseres belegen. Selbst Frau Rützel konnte nach diesem Marathon nur noch mit halber Kraft ihre Wortspiele entwickeln.
churchilla 09.05.2019
2. Finale Top Chef Frankreich
Gestern lief in Frankreich das Finale Top Chef. Die französische Version macht deutlich : In Frankreich sind Lebensmittel und Essen Kulturgut und wird dementsprechend respektiert. In der SAT 1 Kopie geht es mehr um zwischenmenschliche , gruppendynamische Prozesse als um 'TOP Chef ' Qualitäten. Immer unter dem Motto : ...da kocht was über...
brikaec 09.05.2019
3. Auf den Punkt
Diese Analyse von Anja Rützel ist auf den Punkt gegart. Und mundet bedeutend besser als die Sendung an sich. Die war dramaturgisch eindeutig überwürzt, die Köche dafür reichlich fade....und viel zu Witzigmann-devot. Und das Reh hatte kein Rückgrat, das fliegt hoffentlich bald aus der Pfanne!
whitewisent 09.05.2019
4.
Man muß die Produzenten fragen, ob sie keine Probesendung produziert haben, wo auf die Zuschauerreaktionen geachtet wurde. Es sind wirklich einige sehr gute Köche darunter, denen aber eher zufällig wirkende Statisten mit Kochausbildung beigestellt wurden. Vom "Besten Schweizer Azubi" 2015 zum Top Chef 2019 war der Sprung dann doch erkennbar zu groß. Knippschild hatte sicher mit die besten Entertainmentqualitäten, aber das Script ließ ihm keine Chancen. Ansonsten wirkt es sehr künstlich zusammengecastet, ein Alter, ein Junger, drei Frauen, zwei Übergewichtige, drei mal Migrationshintergrund. Unterm Strich kann man schon jetzt auf drei, vier Leute setzen, die finalreife Qualitäten haben. Dazu muss man aber mehr aufs Kochen setzen. Denn es ist für den erfahrenen Zuschauer ermüdend, wenn dreimal Zutaten im eingeschweißten Beutel versteckt und per Sous Vide gegart werden. Man will eben verbranntes Gemüse oder Kniffe beim Abschmecken sehen. Für das Theater, was um die Saucen in den kleinen Kännchen gemacht wird, welche scheinbar wichtig für den Erfolg sind, wird viel zu wenig auf deren Zubereitung eingegangen. Also würde man ihnen allen gerne eine Chance geben, wenn man nicht wüßte, dass wahrscheinlich die Staffel bereits fertig produziert ist. PS: Eine Kochsendung lebt davon, dass man einen Moderator abnimmt, sich mit dem Thema zu auszukennen. Eine der Stärken von Enie van de Meiklokjes in ihrer Sendung "Das große Backen", wo sie mit vollem Elan als Moderatorin Spannung erzeugt.
Hexavalentes Chrom 09.05.2019
5. Ahnungslos
Zitat von whitewisentMan muß die Produzenten fragen, ob sie keine Probesendung produziert haben, wo auf die Zuschauerreaktionen geachtet wurde. Es sind wirklich einige sehr gute Köche darunter, denen aber eher zufällig wirkende Statisten mit Kochausbildung beigestellt wurden. Vom "Besten Schweizer Azubi" 2015 zum Top Chef 2019 war der Sprung dann doch erkennbar zu groß. Knippschild hatte sicher mit die besten Entertainmentqualitäten, aber das Script ließ ihm keine Chancen. Ansonsten wirkt es sehr künstlich zusammengecastet, ein Alter, ein Junger, drei Frauen, zwei Übergewichtige, drei mal Migrationshintergrund. Unterm Strich kann man schon jetzt auf drei, vier Leute setzen, die finalreife Qualitäten haben. Dazu muss man aber mehr aufs Kochen setzen. Denn es ist für den erfahrenen Zuschauer ermüdend, wenn dreimal Zutaten im eingeschweißten Beutel versteckt und per Sous Vide gegart werden. Man will eben verbranntes Gemüse oder Kniffe beim Abschmecken sehen. Für das Theater, was um die Saucen in den kleinen Kännchen gemacht wird, welche scheinbar wichtig für den Erfolg sind, wird viel zu wenig auf deren Zubereitung eingegangen. Also würde man ihnen allen gerne eine Chance geben, wenn man nicht wüßte, dass wahrscheinlich die Staffel bereits fertig produziert ist. PS: Eine Kochsendung lebt davon, dass man einen Moderator abnimmt, sich mit dem Thema zu auszukennen. Eine der Stärken von Enie van de Meiklokjes in ihrer Sendung "Das große Backen", wo sie mit vollem Elan als Moderatorin Spannung erzeugt.
PS: Enie van de Meiklokjes ist eine Zumutung für alle, die backen können. Backen und vor allem die Patisserie verlangen höchste Disziplin und schier übermenschliche Akkuratesse. Dieses Showgirl verfügt über nichts davon. Es ist ein einziges Grauen. Eine Schwätzerin, die mit sehr viel Wohlwollen, als Laie durchgehen kann. Eher aber brilliert sie als Ahnungslose.
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