Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" "Scheißleben für immer"

Die US-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" löste eine Debatte über die Darstellung von Suizid aus. Dabei ist darin viel mehr über kaputte Jugendliche zu erfahren, das beweist jetzt auch das dritte Kapitel.

Netflix

Mit Schnellschusswaffen und Sprengstoffgürtel zum Frühlingsball der High School nach einer brutalen Vergewaltigung auf dem Jungenklo: So endete die zweite Staffel der kontroversen Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht". Die dritte beginnt nun nicht hoffnungsvoller: Acht Monate nach dem geplanten, aber nicht ausgeführten Massaker ist der schüchterne Tyler (Devin Druid) frisch aus der Nervenklinik an die Liberty High School zurück, doch für ihn und viele andere bleibt der Schulalltag der Horror.

Missbrauch, Mobbing, Selbstmord, Mord: "Tote Mädchen lügen nicht" ist nicht die typische Highschool-Serie und sorgt schon seit der Premiere 2017 für Wirbel. Ursprünglich ging es um die 16-jährige Hannah, die sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Auf 13 vor ihrem Tod aufgenommenen Audiokassetten rechnete sie mit ihren Mitschülern ab. Und alle fühlten sich schuldig.

Harter Stoff. Psychologen, Eltern und Lehrer liefen Sturm. Sie stören sich vor allem an dem dargestellten Suizid und fürchten, die Serie könnte Nachahmer auf den Plan rufen. In den USA, wo Selbstmord die zweithöchste Todesursache unter Teenagern ist, wurde sie besonders emotional diskutiert. Neue Studien sollen zeigen, dass die Serie tatsächlich junge Zuschauer zum Suizid verleitete, aber eindeutig sind die Ergebnisse nicht.

Netflix reagierte auf die Anwürfe: Kurz vor Start der dritten Staffel entfernte der Streamingdienst die dreiminütige Darstellung von Hannahs Selbstmord. Warnhinweise vor und nach jeder Folge flankierten da schon die einzelnen Folgen. In der dritten Staffel nun geht es nicht mehr um Selbstmord, sondern um Mord. Bryce (Justin Prentice), perfide agierender Schnösel aus reichem Hause, treibt nach einer Massenschlägerei tot im Hafenbecken.

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Dritte Staffel "Tote Mädchen lügen nicht": Jetzt geht's um Mord

Jener Bryce also ist das Mordopfer, der Vergewaltiger von Hannah, deren Freundin Jessica (Alisha Boe) und vieler anderer Mädchen, der bei dem Gerichtsverfahren in der zweiten Staffel ungestraft davon gekommen ist und dann mit seinen Freunden und Feinden weiter falsche Spielchen trieb. Bryce, den so viele an der Liberty High hassten. Fast alle haben ein Motiv - und etwas zu verbergen.

Auch in den 13 Folgen der dritten Staffel konzentriert sich jede Episode auf einen anderen Protagonisten oder eine andere Protagonistin, deckt Geheimnisse und Widersprüche auf, nimmt ihn oder sie als möglichen Täter ins Visier - so wie die erste Staffel analog zu Hannahs Audiokassetten je einen Schuldigen an ihrem Selbstmord porträtiert hatte. Und auch wenn Gut und Böse schnell ausgemacht scheinen, evoziert jede einzelne Folge Misstrauen und Zweifel, entlarvt diese virtuos inszenierte Serie die einzelnen Figuren und lässt Zuschauer wie Beteiligte im Ungewissen.

Das gelingt durch die verschiedenen Zeitebenen, mit denen die dritte Staffel erneut arbeitet: Szenen aus der Gegenwart gehen nahtlos in Erinnerungen über, die Farbgebung verändert sich, das Bildformat auch. Die Gegenwart ist in matte Töne getaucht, teils mit einem Sepia-Filter überzogen, schwarze Balken begrenzen den Bildrand oben und unten. Für die erinnerte Vergangenheit öffnet sich das Bild, die Farben erstrahlen in kräftigen Tönen. Ist die Vergangenheit - trotz der schrecklichen Geschehnisse - immer noch bunter als die Gegenwart, in der weiter Abscheuliches passiert?

Es gibt eine dritte Zeitebene: die polizeiliche Befragung von Ani (Grace Saif), der Erzählerin der dritten Staffel. Sie ist erst kürzlich in die Stadt gezogen. Ihre Mutter ist die Pflegerin von Bryce Walkers Großvater, eine Verbindung, die sie lange verschweigt. Diese Anhörungen sind in schwarz-weiß gehalten, und Anis Aussagen konterkarieren häufig die zuvor gezeigten Szenen. Denn auch Ani hat ihre Geheimnisse. Ähnlich wie Hannah in der ersten Staffel ist sie eine ambivalente Figur, genießt nie die komplette Sympathie des Zuschauers, lässt ihn an ihrer Glaubwürdigkeit immer wieder zweifeln - so wie jede Figur in "Tote Mädchen lügen nicht" (der Originaltitel ist mit "13 Reasons Why" übrigens sehr viel besser gewählt) zwei Gesichter hat, oft Opfer der Umstände ist oder dazu wurde. Es gibt kein Schwarz und Weiß.

Diese Serie macht es sich nicht leicht, nicht den Figuren, nicht dem Zuschauer. Das ist ihr großes Verdienst. Nach der enervierend langgezogenen zweiten Staffel über den Gerichtsprozess zu Hannahs Tod gelingt der dritten Staffel nun erneut eine kluge Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit - ohne eindeutige Antworten zu liefern.

Das mag ganz schön verstören, bricht aber auf brillante Weise mit den verlogenen Liebeshändeln früherer Highschool-Serien. "Tote Mädchen lügen nicht" holt die schwierigen Lebenswelten Jugendlicher zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und Social-Media-Terror ganz nah heran. "Scheißleben für immer", wiederholt Jessica ziemlich am Ende den gemeinsamen Schlachtruf aus Tagen mit Hannah. Stoff genug für eine vierte Staffel, die Netflix bereits angekündigt hat.

Anmerk. der Redaktion: In einer ersten Version hatten wir geschrieben, dass die dritte Staffel mit der Vergewaltigung von Tyler beginnt. Dabei handelt es sich aber um ein Rückblick auf die Ereignisse zum Ende der zweiten Staffel. Wir haben die Passage angepasst.

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Lars. M. 26.08.2019
1.
Ich kann eigentlich nur zustimmen. Am Ende des ersten Absatzes stimmt aber etwas inhaltlich nicht: Die Szene auf dem Schulklo mit Tyler findet schon in der zweiten Staffel statt und ist einer seiner Gründe für das geplante Schulmassaker.
13Rfan 26.08.2019
2.
Kleiner Dreher in der Einleitung: Die Attacke auf Tyler fand in der letzten Episode Staffel 2 statt. Ich empfand die Aufarbeitung und Entwicklung der Jugendlichen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, vom "Opfer" zum "Survivor" als eines der Hauptthemen der 3. Staffel.
vir-cotto 26.08.2019
3.
Man merkt, die Autorin hat die Serie nicht wirklich verfolgt und sich damit auseinander gesetzt. Stichwort Tyler. Das ist mehr als ein Fauxpas und unentschuldbar. Ohne Spoiler fortzufahren. Die Einführung einer komplett neuen und unbekannten Figur/Charaktere, um die verwobene Geschichte/Handlung der zwei vorangegangenen Staffeln aus der teilweise Ich-Perspektive fortzuführen, fand ich unglaubwürdig und aufgesetzt. Mit 13 Folgen und fast jeweils 60min Länge sehr in die Länge gezogen. So viele unnötige rote Heringe. Bei aller Sensibilität zum Thema, hätten auch halb so viel Folgen gereicht. Die letzten beiden Folgen waren auch die Höhepunkte nach Etablierung des neuen Handlungsstranges in den ersten Folgen der 3ten Staffel. Ich hoffe die Serie ist damit auch endgültig beendet. Offene Fragen und Antworten bleiben wie im wahren Leben immer zurück...mir war das alles zu perfekt abgestimmt.
otto1939 27.08.2019
4. Ich konnte der Serie nichts abgewinnen
Die Serie ist doch vor allem eines: Maßlos überzogen und emotional überladen. In der Psychologie nennt man das katastrophieren. Tatsächlich vorhandene Probleme werden hier zu Schwerverbrechen hochstilisiert. Eltern, die versuchen, die Wogen zu glätten, werden als total ignorant oder korrupt dargestellt. - Wer Probleme von Teenagern auf die gleiche Ebene stellt, wie Shakespearses Hamlet, muss sich nicht wundern, wenn Teenager, angesichts ihrer Adoleszenzprobleme in Depressionen versinken und auf die dumme Idee kommen, sich das Leben zu nehmen.
claudiapittelkow 27.08.2019
5. Achtung Spoiler!!!
Der Artikel sollte nicht gelesen werden, wenn man gerade beginnt die dritte Staffel zu gucken!
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