Serienfinale von "Transparent" Verquer-queeres Trauerbündel

Greller Epilog einer Trans-Saga: Nachdem der Hauptdarsteller wegen sexueller Übergriffe gefeuert wurde, behelfen sich die "Transparent"-Macher mit einem Musicalabschied. Der kommt nicht ohne Füllmasse aus.

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Am Ende platzt die ganze Serie wie ein Tischfeuerwerk, das Grellwerk und Tamtam-Brösel in die letzte Sofaritze pustet, wo man sie auch noch Wochen später herauspulen wird. "We need a Joyocaust, for all the lives we've lost", singt das Ensemble von "Transparent", alle tanzen und shoop-shoopen mit flatternden Jazzhänden, dass es einem selbst nach Musicalmaßstäben schnell ein wenig zu, naja, musicalmäßig werden kann. Als Finale für die Serie über eine Transfrau, die mit über 70 ihr Coming-out durchzieht, haben die Macher eine spielfilmlange Gesangsfolge gewählt. Und die "Joyocaust"-Nummer ist der Affe, der den Deckel am Ende krachend zuschlägt.

In vier Staffeln hat die Geschichte von Maura Pfefferman (gespielt von Jeffrey Tambor) und ihrer Familie seit ihrer Premiere 2014 auf Prime Video viel geschafft und manches versäumt, das immerhin als Lücke sichtbar wurde. Vor allem dies: dass es zwar toll ist, trans und nichtbinär lebende Menschen in den Mittelpunkt einer Serie zu stellen - dass man sie dann aber auch von Transmenschen spielen lassen sollte.

Das Bewusstsein hierfür ist in den vergangenen Jahren gewachsen, heute würde eine Figur wie Maura wohl nicht mehr derart bedenkenlos mit einem Cis-Mann wie Jeffrey Tambor besetzt werden. Beim Start der Serie sah man weniger dieses Versäumnis, mehr ihren Verdienst: "Transparent" war die erste Serienwelt, die die Handlung in die Perspektive einer Transgendergeschichte rückte und für Menschen die Bühne räumte, die bisher nur als Nebenfiguren auftreten durften - Unique Adams in "Glee", Sophia Burset in "Orange Is the New Black".

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"Transparent" Serienfinale: Bye-Bye Pfeffermans

Die Pfeffermans waren eine Fernsehfamilie, die kratzte und zwickte. Hysterisch dysfunktional, seriell neurosig, unfähig zum harmlosen Small Talk, der nicht im nächsten Moment arschbombig in ein brennendes Nesselnest aus Fragen sexueller Identität und sozialer Konvention hopsen würde. Das Musicalfinale ist nun der grelle Epilog einer Saga, der die Hauptfigur abhanden gekommen ist.

Denn Ende 2017, knapp nach dem Start der vierten Staffel, wurde Jeffrey Tambor beschuldigt, Ensemblemitglieder sexuell belästigt zu haben, 2018 wurde er schließlich gefeuert. Weil es ohne ihn nun eben kein "Transparent" mehr geben kann, werden in der Schlussepisode der Serie, Maura und ein bisschen auch Tambor selbst zu Grabe getragen: Der Schauspieler selbst ist nicht zu sehen, Maura stirbt off-screen an einem Herzinfarkt.

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27.09.2019, 13:08 Uhr
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Jill Soloway, die Schöpferin der Serie, modellierte die Geschichte nach ihren Erfahrungen mit ihrem ebenfalls transsexuellen Vater, ihrem ganz eigenen "Moppa". Das Musical schrieb sie zusammen mit ihrer Schwester Faith Soloway, die für einen Bühnen-Showcase schon 2017 mit dem Genre spielte: "Should 'Transparent' Become a Musical?" hieß ihre Bühneninterpretation mit Broadwaydarstellern, in der Serienschlussvariante hat Faith einen kleinen Auftritt als verschüchterter Klavierspieler Shmuley.

Das Finale begleitet die Hinterbliebenen durch Mauras Tod und ihre Beisetzung, doch bis sich die Restfamilie zur aufrichtigen Gruppenumarmung in einem verquer-queeren Trauerbündel zusammenknäult, gibt es noch eine Menge abzuwickeln: Josh werkelt immer noch an seiner Sexsucht, Ali lebt nun gender-nonkonform als Ari und möchte Rabbi werden, Sarah versinkt im Ehefrust mit ihrem würzarmen Gatten. Mutter Shelly versucht sich an einem Verarbeitungsmusical über ihre Familie, ein etwas angestrengter Meta-Setzkasten, der aber zumindest eines der besten Lieder des Finales beisteuert: Die Mini-Übergriffigkeitsrevue "Your Boundary Is My Trigger", ein schwindliger Strudel aus psychologischen Termini, inmitten dessen Shelly gesteht, ihre Kinder am liebsten zurück in ihre Vagina stopfen zu wollen. Auch "Let Her Be Okay" berührt, der Abschiedsgruß von Mauras LGBTQ-Gemeinschaft, den sie bei ihrer Beerdigung singen.

Der Rest besteht aus viel Füllmasse, musikalisch wie dramaturgisch: In den gelungensten Fällen verpasst eine Musicalfolge einer etwas zu eingefahrenen Serie neuen, hochtourigen Schiffschaukelschwung, schubst Entwicklungen an, die sie dann bis zum Staffelende tragen - als finaler Stopp-Poller ist das natürlich nicht leistbar. In der Episode "Noch einmal mit Gefühl", dem Genre-Meisterstück aus "Buffy - Im Bann der Dämonen", offenbaren die Charaktere in ihren Musicalnummern das, was sie sonst nicht aussprechen können, brechen Krusten auf und schütteln Altes ab.

In "Transparent - Das Musical Finale" gelingt das nicht, ein bisschen wirken die Klavierballaden und Klezmer-Nummern doch immer wie ein klassischer "Oh schau, ein Eichhörnchen!"-Move, der von Tambors verstörendem Abgang und der Doppelbödigkeit der Begräbnismetapher ablenken soll. Es ist aber gut, dass diese Serie zum Abschied nicht einfach still ins Dunkle wegfadet. Das Musicalfinale ist voller Schmerzscherze, wie sie die Serie in ihren besten Momenten lieferte, etwa wenn Sarah ihren Geschwistern erklärt, dass Mauras Wunsch, verbrannt zu werden, nichts mit den KZ-Krematorien zu tun habe: "Kremation ist nicht der Holocaust. Es ist ein völlig anderer Ofen." Und man wünscht sich dringend eine neue Serie, in der sich die Figuren ganz selbstverständlich über die Pronomen unterhalten, auf die sie hören. Davon unbedingt mehr. Nur singen muss man das Ganze vielleicht nicht unbedingt.


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insgesamt 3 Beiträge
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Tom77 27.09.2019
1. Linke SJWs verstehen immer noch nicht, was SchauSPIEL bedeutet
Ich frage mich, warum die linken Gerechtigkeitskrieger bei Gender-Themen immer Wirklichkeit und Schauspiel miteinander verbinden. Nein, jemand muss nicht trans sein, um eine Trans-Person zu spielen. Jemand muss nicht schwul sein, um einen schwulen Mann zu spielen und jemand muss nicht lesbisch sein, um eine lesbische Frau zu spielen. Jemand muss aber genauso wenig hetero sein, um einen hetero Mann oder eine hetero Frau zu spielen (siehe z.B. Zachary Quinto als Spock in Star Trek - hier wurde KEIN schwuler Spock gezeigt obwohl Quinto im echten Leben schwul ist!). Es kommt alleine auf das Schauspiel an. Wenn jemand eine Rolle glaubhaft verkörpern kann - was nun mal das Wesen des Schauspiels ist - dann ist das alles möglich. Mittlerweile geht es ja schon so weit, dass z.B. Ruby Rose, die Schauspielerin/Model, die Batwomen in einer neuen Serie spielt und die im echten Leben bisexuell und genderfluid ist (nach eigenen Aussagen), in der Serie eine lesbische Frau spielt und nun von linken SJWs angegriffen wird, dass sie nicht lesbisch GENUG für die Rolle sei (weil sie ja nur bi ist)! Das muss man sich mal vorstellen. In welcher Welt leben wir eigentlich, dass Schauspieler das sein müssen, was sie verkörpern??? Ein Film über Krieg und Soldaten? Nur mit ECHTEN Soldaten. Ein Piratenfilm? Nur mit ECHTEN Piraten (wird nur schwierig, die nördlich des Aquators heute noch zu finden). Ein Fantasy-Film mit Elfen, Zwergen und Riesen? Abgeblasen, weil man keine Elfen-, Zwergen- und Riesen-Schauspieler gefunden hat. Die Empörungskultur der linken Sozialgerechtigkeitsaktivisten ist unerträglich geworden. Und die Anbiederung durch Spiegel Online zu all diesen Themen ebenfalls.
roenga 27.09.2019
2. Wegen sexueller Übergriffe?
Es ist 2019 und manche Journalisten verstehen den Unterschied zwischen 'entlassen wegen sexueller Übergriffe' und 'entlassen nach Vorwürfen wg. angeblicher sexueller Übergriffe' immer noch nicht. Letzteres ist die tatsächliche Begründung für Jeffrey Tambors Entlassung, ersteres wäre das Ergebnis eines Gerichtsverfahrens oder das Geständnis des Beschuldigten. Es gab aber weder ein Geständnis noch einen Prozess. Vielleicht liegt diesem nicht-begreifen-wollen ja aber auch eine bestimmte Ideologie zugrunde....
friederike_j 28.09.2019
3. Kommentator 1 versteht immer noch nicht, was das Problem ist
Ich bin eine transsexuelle Frau und bin selber kritisch was überzogene Forderungen gewisser Kreise angeht (Die Verwendung des Begriffs "SJW" wie durch Kommentator 1 ist eine absichtliche Provokation und lässt meist einige Schlüsse über die Geisteshaltung des Verwenders zu). Transrollen mit Cis-Personen zu besetzen ist genau wie die anderen von Kommentator 1 genannten Beispiele auch nix anderes als das heutzutage völlig zu Recht absolut inakzeptable "Blackfacing", nur leider raffen das ja anscheinend viele noch nicht wie man am Kommentar sieht. Es ist ignorant und anmassend und vor allem nimmt es den Betroffenen die Chance selber darstellerisch tätig zu werden. Das ist einfach nur fortgesetzte Marginalisierung. Aber als Betroffene gehe ich davon aus dass wir vielleicht in 20 Jahren mal den Status erreicht haben wie andere Randgruppen mittlerweile zum Glück haben.
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